HOME

Robbie Williams: "Was ist bloß passiert?"

Er war sein größter Fan, doch mit dem Erscheinen des neuen Albums hat sich das schlagartig geändert: stern-Redakteur Hannes Roß verabschiedet sich von seinem Popidol Robbie Williams, nachdem er "Rudebox" gehört hat.

Von Hannes Roß

Ein Abgesang auf einen Superstar

Ich habe in dieser Zeitschrift einmal geschrieben, dass Robbie Williams eine größere Bedeutung für meine Generation hätte als die Rolling Stones. Daraufhin rief mich ein älterer Herr aus dem Emsland an: "Sie haben ja keine Ahnung, Sie kleines Arschloch! Mick Jagger wird noch auf der Bühne stehen, wenn Robbie Williams schon unter der Erde liegt!" Das war nicht unbedingt ein Leserkontakt nach meinem Geschmack, aber ich gebe zu: Irgendwie war ich auch geschmeichelt.

Trotzdem muss ich mich jetzt wohl in den Staub werfen. Mein Held Robbie hat nämlich gerade das schwächste Album seiner Laufbahn vorgelegt. Hört man die erste Single "Rudebox", klingt der alte Blues-Rock der Stones plötzlich wirklich so frisch wie Meister Proper. Robbie rappt. Und das tut er herzerweichend schlecht. Selbst seine Plattenfirma ringt da mit den Worten. "Rudebox" sei "ein dreckiges, fieses, bassgetränktes Elektro-Funk-Pop-Monster". Dem lässt sich nichts hinzufügen.

Was ist bloß passiert?

Das vielleicht Schlimmste: Robbie Williams vertraut nicht mehr auf Robbie Williams. Er möchte jetzt lieber Madonna sein. Die männliche Variante. Ein funky Discoboy, der mit Falsettstimme zu Dancebeats singt, die ihm die Pet Shop Boys und Madonna-Produzent William Orbit zusammengebastelt haben. Wäre er nicht Robbie, sondern ein gesichtsloser Newcomer, der sich mit dieser CD bei einer Plattenfirma bewirbt, die Antwort wäre kurz: "Vergiss es, Junge!" Robbie Williams war ein putziger Take-That-Teddy, ein Pop-entertainer in der Liga von Freddie Mercury, sogar ein passabler Sinatra-Erbe mit seiner Swingmusik - aber der Discoboy passt zu Robbie Williams ungefähr so gut wie ein Tattoo mit Hammer und Sichel zu Edmund Stoiber.

Die Tragik dabei: Robbie Williams liebt dieses Album. Es ist sein Baby, sein Jugendtraum, seine künstlerische Erfüllung. Er ist ein Kind der Achtziger, und jetzt, mit 32 Jahren, gönnt er sich das Vergnügen, eine CD aufzunehmen, die nach Schulterpolstern, Studioline-Wetgel und "Miami Vice" klingt. Man muss das Robbie Williams, dem Ruhmsüchtigen, gutschreiben: Der Mann macht keine Zugeständnisse mehr an sein Publikum. Schön für ihn, schlecht für mich.

Dabei hatte er für die Gunst seiner Fans lange Zeit alles getan. "Es gibt Tage, da hasse ich es, Robbie Williams zu sein. Das liegt wohl daran, dass ich immer noch nicht weiß, wer ich wirklich bin. Nur eins glaube ich wirklich zu sein: höchst unterhaltsam", erzählte mir Robbie Williams einmal, während ich ihn einige Tage durch Deutschland begleitete. Damals war er auf dem Höhepunkt seines Erfolges. Er musste nicht mehr viel tun, wo er hinkam, löste er schon mit seiner puren Präsenz eine Hysterie aus. Er lächelte darüber. Seine Augen lächelten nicht. Sie schauten leer und gelangweilt. Und hinter der Bühne kaute er wie ein Kleinkind auf seinen Fingernägeln herum, kippte eine Dose Red Bull nach der anderen und nervte seine Betreuer mit der Frage, wann er endlich wieder nach Hause fliegen könne. Zu dieser Zeit hatte Robbie Williams seine besten Songs veröffentlicht: brillante Balladen wie "Angels" oder "Feel" über die Einsamkeit oder hymnische Popsongs wie "Supreme" oder "Me And My Monkey" über die Überwindung derselben.

Natürlich wird Robbie Williams auch mit "Rudebox" wieder auf Platz eins der Hitparaden thronen. Die Unterhaltungsmarke Williams zieht nach wie vor. Noch. "Früher war der besser!", jammerte meine Schwester Anne nach dem Konzert in Hamburg. Und so etwas erzählten einem viele Freunde und Bekannte, die 80 Euro gezahlt hatten, um den einst größten Popentertainer unserer Zeit zu sehen. Enttäuscht waren sie alle, davon, wie abwesend und lustlos er war.

Für Robbie Williams, der immer mit seiner Musik haderte, mag seine neue CD nun der Beginn einer großen Liebe sein. Er macht jetzt endlich das, was er immer wollte - ohne Kompromisse. Für mich ist es das Ende einer großen Liebe. Nichts mehr mit "Let Me Entertain You", jetzt heißt es "Shake Your Rudebox".

Hoffentlich wird beim nächsten Album wieder alles anders. Sonst gehört auch Robbie Williams bald - genau wie die Stones - zu jenen traurigen Popmärchen, die mit "Früher war alles besser" beginnen.

print