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ROCK: ALANIS MORISSETTE: Under Rug Swept

Sie ist wieder da, die Rock-Königin der Emotionen. Nach ihren zwei Mega-Seller-Alben legt Alanis Morissette mit »Under Rug Swept« eine neue Scheibe vor, die aber wenig inspiriert daherkommt.

Da steht sie wieder. Die Gitarre in der Hand, die Faust wutenbrannt gen Himmel geballt und mit aller Leidenschaft, die sie anscheinend reichlich besitzt, schmettert sie ihre Weisen in die Welt. So stellen wir uns Alanis Morissette vor, wenn sie ihre betont emotionalen Lieder mit viel Kraft, Ehrlichkeit und ihrer ergreifende Stimme erschallen lässt. Mit dieser Art der Darbietung eroberte sie 1995 den Rock-Himmel. »Jagged Little Pill« durfte seiner Zeit in keiner gut bestückten CD-Sammlung fehlen und die Singles »You Oughta Know« und »Ironic« bohrten sich als klassische Ohrwürmer in die Gehörgänge der Musik-Liebhaber. Mit »Supposed Former Infatuation« ließ sie ein weiteres platindekoriertes Album folgen, bevor sie sich mit insgesamt sieben Grammys dekoriert in ihre Heimat Kanada zurückzog, um an ihrem neuen Album zu werkeln. Das steht nun mit dem Titel »Under Rug Swept« in den Plattenläden.

Viele Emotionen, prominente Gastmusiker

Sie hat nichts dem Zufall überlassen: Mit Dean DeLeo von den Stone Temple Pilots und dem ehemaligen Jane?s Addiction-Mitglied Eric Avery holte sie sich prominente Gastmusiker ins Boot, mit verträumten Balladen bis zu markigen Rock-Stücken deckt sie wieder das gesamte Alanis-Musik-Repertoire ab und ihre Texte strotzen nur so vor erdrückender Seelen-Offenherzigkeit. »Meine Songs inspirieren mich oft, mutiger und echter in meinem Alltag zu sein, denn der Prozess des Komponierens führt zu einer gewissen Klarheit und mehr Bewusstsein über mich selbst, die außerhalb des Schreibprozesses leicht verloren geht«, erklärt die junge Kanadierin ihre Vorgehensweise. Offensichtlich hat sie durch ihre Songs erkannt, dass sie mal wieder an der Welt, vor allem der männlichen Seite, verzweifelt. »How long can a girl be tortured by you?«, fragt sie, und der Zuhörer hat auch keine Antwort, leidet aber kräftig mit.

»Hands Clean« zum Download

Wenn Gefühle zur Sinuskurve werden

Gänzlich neu ist uns diese Entwicklungsphase des Musikerwunderkinds, das bereits mit sechs Jahren am Klavier saß, aber nicht. Schon auf »Jagged Little Pill« ließ sie uns kräftig an den traumatischen weiblichen Gefühlsverirrungen teilhaben, bevor sie auf »Supposed« der ganzen Welt »Thank U« für ihre neugewonnene Glücksphase sagen wollte. Nun fühlt sich Alanis also wieder furchtbar »unsexy«, und wir danken ihr, dass sie diese Phase des Zweifelns mit so dynamisch rockigen Stücken wie »21 Things I Want in a lover« oder verträumten Balladen wie »Flinch« verarbeitet. Auch die erste Single-Auskopplung »Hands Clean« kommt sehr eingängig daher und dürfte die Hitparaden im Handumdrehen stürmen.

Aber musikalisch kann uns Alanis mit ihrer neuen Scheibe nicht richtig überzeugen: Alles schon irgendwie gehört, alles ein wenig langweilig. Erfolg wird sie auf jeden Fall haben, dafür ist ihr Name mittlerweile schon bekannt genug. Aber dennoch reiht sie sich nur im Rock-Einheitsbrei ein, der im Zuge des Anastacia-Hypes die Charts füllt. Wem dass nicht genügt, der kann sich mit ihren Gesellschafts-Polit-Weisheiten trösten, die keineswegs weniger allgemeinverträglich daherkommen: »Ich glaube, es liegt eine wahre Gelegenheit und eine Herausforderung in den Gegensätzen zwischen Mann und Frau. Ich glaube, dass Mann und Frau die Chance haben, einander zu heilen und auszugleichen, wenn sie einander näherkommen. Das Gleiche glaube ich in Bezug auf unterschiedliche Kulturen, Religionen und Rassen.« Amen! Wer diese Zeilen zu Ende gelesen hat, bei dem wird wohl auch das neue Alanis-Album Begeisterungsstürme auslösen. Der Rest hat aber wahrscheinlich schon nach ein paar Tracks den Aus-Knopf betätigt.

Philip Stirm