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Rolling Stones: Sir Mick ist verschnupft

Mick Jagger mag es nicht, wenn man ihn nach seinem Verhältnis zu George W. Bush, brasilianischen Models oder Ärger mit Keith Richards fragt. Wir haben es trotzdem getan.

Wie spricht man Sie jetzt korrekt an? Sir Michael Jagger?

Mick ist okay. Keiner nennt mich Sir. Nur sehr merkwürdige Leute.

Bedeutet Ihnen die Ritterwürde etwas?

Es ist schon eine Ehre. Manche Leute machen sich dann neue Briefköpfe und wollen, dass jeder sie so nennt. Für mich ist das nur ein Kompliment. Ich nehme das nicht allzu ernst.

Keith Richards sagte, er würde die Ritterwürde von der Queen nie annehmen. Er würde sie sich in den Arsch schieben.

Er würde sie auch nie bekommen. Er hat sich so darüber ausgekotzt, dass keiner ihm die Ehre je zukommen lassen würde.

Richards sagte...

Mich interessiert nicht, was er sagt. Danke schön.

Richards sagte gerade wieder: "Oft wollten wir uns gegenseitig umbringen."

Ich will nicht darüber sprechen.

Immerhin haben Sie die Songs für das neue Album wieder gemeinsam geschrieben. Ganz wie früher?

Nein, auf sehr unterschiedliche Weise. Ich habe erst viele der Texte geschrieben und dann die Melodien. Oft habe ich sogar zuerst den Titel gesucht und danach die Songs geschrieben. Dann habe ich Demotapes gemacht und sie Freunden vorgespielt. Du denkst immer, alles, was du schreibst, ist gut, aber nicht alle sehen das so. Ich habe also viele Songs geschrieben, bevor ich Keith traf. Er hat dann noch einige beigetragen, und ich habe ihm dabei geholfen.

Klingt so, als hätten Sie die Hauptarbeit geleistet.

Das habe ich nicht gesagt. Wir haben uns zusammengesetzt, meist in meinem Haus in Frankreich, und die Ideen dann weiterentwickelt. Aber es ist gut, vorbereitet zu sein. Wir treffen uns nicht und schreiben gemeinsam 20 Songs. Der Druck wäre zu groß. Irgendwann kam Charlie dazu. Dann haben wir zu dritt gearbeitet und daraus die Platte gemacht. Wir haben die Zahl der beteiligten Leute sehr begrenzt.

Sagen Sie Keith Richards offen: Das ist ein furchtbarer Song, den du da geschrieben hast?

Nein, da musst du diplomatischer sein.

Selbst unter guten Freunden? Sie kennen sich seit fast 60 Jahren.

Ja, ich glaube, man sollte immer nett sein. So wie meine Mutter sagen würde: Wenn du nichts Gutes sagen kannst, sag lieber gar nichts.

Aber der andere weiß Bescheid.

Klar. Einmal sage ich: Der Song ist super, fantastisch. Bei einem anderen sage ich: hmmm. Dann weiß er Bescheid.

Ist die Rivalität zwischen Ihnen nicht Teil einer großen Inszenierung?

Die Medien schreiben darüber ohne Ende.

Es ist also nicht wahr?

Nicht wirklich. Wir verstehen uns gut, 99 Prozent der Zeit. Du kannst nicht erwarten, dass Leute immer einer Meinung sind. Wir arbeiten hart zusammen. Aber ich arbeite auch hart mit Charlie an allem Visuellen, am Bühnendesign. Charlie und ich streiten uns häufiger als Keith und ich. Und niemand schreibt darüber. Ist das nicht interessant?

Dreht sich heute im Showbusiness nicht alles nur noch ums Verkaufen, ums Promoten?

Ja.

Ist nicht auch die Kontroverse um den Text Ihres Songs "Sweet Neo Con" über die Kriegspolitik der Bush-Regierung Teil einer Strategie, um Schlagzeilen zu machen?

Nein, ich habe das doch nicht aus strategischen Gründen geschrieben. Im Gegenteil. Wir haben den Song lange zurückgehalten und Kritikern zunächst nicht zugänglich gemacht. Wir wussten, irgendwann werden die Medien darüber schreiben, aber wir wollten, dass es nicht schon am Anfang der Publicity-Hit wird.

Wie nahe geht Ihnen der Irak-Krieg wirklich?

Es geht in dem Song nicht nur um den Krieg. Ich will eigentlich nicht darüber sprechen. Der Song existiert. Er sagt, was er sagt. Er ist keine persönliche Attacke gegen Präsident Bush. Aber er enthält Kritik an der Politik, die er verfolgt.

Warum fällt es Ihnen so schwer, darüber zu sprechen?

Es ist nicht schwer, es ist nur sehr komplex für ein so kurzes Interview, und ich weiß nicht, wie seriös der stern ist.

Schon seriös.

Okay. Hatte ich vergessen. Deutsche Magazine sind nicht gerade bekannt für ihre Seriosität. Also, es ist ein direkter Song. Als ich ihn schrieb, dachte ich: Wow, das ist ziemlich starker Tobak. Manchmal schreibst du einen Song und weißt nicht, woher er kommt. Es ging sehr schnell. Ich schrieb ihn. Spielte den Bass ein und schnell Gitarre, dann schnell den Gesang, alles in einer Stunde. Wenn du dann einen Schritt zurückmachst, denkst du: Das ist ziemlich heftig. Habe ich das wirklich so gemeint?

Und?

Ja, habe ich.

In dem Song heißt es: "Du nennst dich Christ. Ich nenn dich Heuchler. Du nennst dich Patriot. Ich denke, du bist voller Scheiße." Damit können Sie doch nur Bush gemeint haben. Den wiedergeborenen Christen.

Alle Neokonservativen sind Christen.

Nein. Scooter Libby nicht. Richard Perle nicht. Paul Wolfowitz nicht.

Aber die meisten sind es. Gestatten Sie mir wenigstens das.

Der Sweet Neo Con ist also doch Bush.

Nein, ist er nicht. Nichts bezieht sich direkt auf ihn.

Es wirkt so, als wollten Sie nicht darüber sprechen, weil Sie in den USA einen Backlash fürchten, einen Boykott durch die Rechten, wie Bruce Springsteen und die Dixie Chicks das erleben mussten.

Ach, ich will darüber nicht zu viel sprechen. Ich will nicht, dass diese Geschichte alles andere überstrahlt, verstanden. Ich kann es Ihnen, der Sie von einem deutschen Magazin kommen, ja sagen: In Amerika sind sie nicht sehr tolerant anderen Meinungen gegenüber. Amerika ist zu Recht sehr stolz auf seine Tradition der freien Meinungsäußerung - aber das gilt nur so lange, bis du etwas sagst. Sie sind sehr empfindlich. Wenn du irgendwas kritisierst in Amerika, musst du sehr vorsichtig sein. Äußere solche Dinge in Europa, und die Leute sagen nur: Na und?

Ich frage mich, in welchen Zeiten wir eigentlich leben, wenn die Stones, die mal als Rebellen galten, sich so verteidigen müssen für einen politischen Song.

Das sage ich doch. In dem Song heißt es. "It's liberty for all, democracy's our style, unless you are against us, then it's prison without a trial." Aber letztendlich war die Reaktion in Amerika doch vernünftig. Vor zwei Jahren wäre sie hysterischer ausgefallen.

Kommen wir zur Musik des neuen Albums. Die Songs erscheinen wieder etwas rauer, mit mehr Ecken und Kanten.

Rau, aber anspruchsvoll und sehr unterschiedlich. Im Kern viel Rock'n'Roll, aber um diesen Kern herum gibt es viele andere Dinge, ausgefeilte Balladen wie "Streets Of Love". "Back Of My Hand" ist ein schneidiger Blues, vielleicht wie in den 40er Jahren. Das Album ist sehr vielseitig und lang.

Aber letztlich doch typisch Stones.

Ja, sehr. Sie haben sich nicht gerade weiterentwickelt in diesen vergangenen 20 Jahren.

Sie mögen keine Risiken?

Ich finde, wir riskieren viel auf dieser Platte. In der Rockmusik begibst du dich nicht auf gänzlich unbekannte Gebiete wie atonale Musik. Rock ist sehr konservativ, mit vielen Konventionen.

Und Sie wollen nicht mit ihnen brechen?

Ich mag die Vielfalt dieses Albums. Es hat Country Rock. Blues. Tanzbare Grooves. Unterschiedliche Beats. Wir wollen keine Elektromusik machen. Ich kann das allein machen. Ich kann ein Country-Album machen, aber dann ohne die Stones. Du bleibst bei dem, was du kannst.

Sie hatten kein Nummer-eins-Album mehr seit "Tattoo You". Das war vor 24 Jahren.

Keine Ahnung. Radiosender sind heute so in Sparten aufgeteilt. Aber wenn das Album gemocht wird, da bin ich sicher, kann was daraus werden.

Ist Rock'n'Roll nicht längst am Ende? Viele Rock-Radiosender in den USA geben auf. In die Charts gelangen heute nur noch HipHop, R & B, jetzt kommt Reggaeton auf.

Ich glaube, Rock ist in einem sehr gesunden Zustand. Es gibt eben viele verschiedene Musikrichtungen, so wie es auch viele Sportarten gibt. Ich selbst mag auch nicht nur Rock. Das wäre wirklich langweilig. Aber wo lebt Rock'n'Roll heute noch so richtig? Es gibt viele Bands, die ziemlich gute Musik machen. Die Jungs von Green Day haben uns gerade hier in Toronto besucht. Ich mochte ihr letztes Album wirklich sehr. Sie sind nicht besonders jung, aber auch noch nicht sehr alt. Sie verkaufen viele Alben, haben gute Sounds und existieren schon seit zehn Jahren.

Das ist gerade mal eine Band.

Wie viele wollen Sie? Ich kann Ihnen andere nennen. Foo Fighters verkaufen sehr viele Alben. Eine sehr traditionelle Rockband.

Viele der Songs auf Ihrem neuen Album drehen sich wieder mal um die Liebe.

Yeah. In "Rain Fall Down" machen Sie Liebe in einer verdreckten Gegend ... Es geht eher um London, um die Probleme, da zu leben, wie befremdlich das alles ist. Ich beschreibe, wie ich eine Freundin besuche.

Sie machen Liebe mit der Freundin, den Gestank von Müll in der Nase. In anderen Songs haben Sie starken Liebeskummer.

Yeah.

Die Liebe ist immer noch ein großer Teil ihres Lebens.

Liebe ist die Währung der Popmusik. Beziehungen, sich verlieben, sich trennen - das sind die Konventionen im Pop. Du schreibst darüber, weil jeder das kennt.

Erleben Sie diese großen Gefühle selber noch?

Natürlich. Liebe, Emotionen, Freundschaft sind ein großer Teil meines Lebens. Ich könnte sonst nicht darüber schreiben.

In dem Song "Biggest Mistake" schreiben Sie über den größten Fehler Ihres Lebens.

Es ist ein Song über einen Kerl, der verliebt war und sich daran gewöhnte. Dann schmiss er sie raus und bedauerte es sehr.

Ist das eine Anspielung auf Ihr Verhältnis mit dem brasilianischen Model Luciana Morad, dem ein Kind entsprang.

Sind Sie ein seriöses Magazin?

Ja.

Was für ein brasilianisches Model?

Gab es etwa keines?

Es gibt keines.

Ach so. Sie sind jetzt 62. Müssen Sie da eigentlich immer noch diesen Helden abgeben, das Sexidol?

So fühle ich nicht. Wenn du so denkst, bist du als Mensch am Ende.

Aber im Publikum kreischen die Frauen immer noch.

Aber doch nur für die zwei Stunden. Das ist wie in einem Sportteam, als würdest du für Bayern München spielen. Für die zwei Stunden ist es fantastisch, man guckt dem Spieler zu und sagt: Ist er nicht super!

Aber Sie haben so viele Fans, Frauen, die Sie anbeten, gerade wieder bei dem Gig in Toronto.

Sie verstehen nicht. Ich bin nur ein einfacher Kerl, aber auf der Bühne werde ich zu einer anderen Figur. Einige Leute kommen nur für einen netten Nachmittag. Die nehmen das nicht allzu ernst. Die wollen Spaß haben, einen Drink nehmen, und ich bin ihre Entschuldigung. Und andere sind wirklich leidenschaftlich.

Also stimmt dieses Image nicht mehr von all den Groupies, die nach dem "Abenteuerland hinter dem Reißverschluss Ihrer Hose" gieren, wie Sie das mal genannt haben?

Come on. Alles im Showbusiness zieht Frauen an. Natürlich. Das ist wie im Sport. Sicher auch im Journalismus.

Ist dieses Feedback für Sie noch wichtig: Ich bin sexy. Ich bin begehrt.

Für mich ist das nicht wichtig. Das ist nichts, worüber ich mir Gedanken mache.

"What a drag it is getting old", schrieben Sie einst in "Mother's Little Helper". Es ist Scheiße, alt zu werden.

Ihr Interview ist sehr negativ.

Sorry.

Ist schon okay, aber ...

Ich wollte gerade was Nettes sagen.

Okay. Legen Sie los.

Sie haben sieben Kinder von vier Frauen. Der Jüngste, von der Brasilianerin, ist gerade mal sechs. Hält Sie das jung?

Die Kinder halten dich nicht jung, aber interessiert. Du entdeckst ständig Dinge, die du nie entdeckt hast. Es erfrischt dich. Kinder zu haben, alte und junge, ist sehr belebend. Es hält dich fit, ganz wörtlich genommen, du musst in guter Form sein, denn die machen ständig wilde Sachen.

Sie werden jetzt anderthalb Jahre auf Tour gehen. Wie können Sie da ein guter Vater sein?

Es ist schwer. Aber du gibst dein Bestes. Die Kinder besuchen mich. Einige sind gerade hier. Das macht Spaß. Sie lieben es, auf Tour zu sein und von einer Stadt zur nächsten zu reisen.

Mögen die Kinder Sie als dürren, herumhüpfenden Entertainer auf der Bühne?

Die finden das ziemlich lustig.

Lustig?

Na ja, das hängt davon ab, wie alt sie sind.

Muss doch komisch sein, den Alten auf der Bühne zu sehen.

Ist schon ein bisschen komisch, aber sie gewöhnen sich daran.

Sagen die nicht: Papa, du siehst albern aus. Zieh diese hautengen Hosen lieber nicht an.

Manchmal geben sie mir Tipps für meine Kleidung. Aber die Tipps sind nicht immer gut.

Und was sagen sie über die Songs, die Texte über junge Liebe, gebrochene Herzen?

Manchmal sagen sie: Hey, das ist wirklich ein guter Song. Aber sie sind taktvoll. Über die Songs, die sie nicht mögen, reden sie nicht.

Der Ablauf bei den Stones ist immer gleich: neues Album, dann die Tour, danach das Live-Album zur Tour. Wird diesmal irgendetwas anders sein?

Wir treten sowohl in großen Stadien als auch in kleineren Arenen auf. Ich habe mir Bilder des Theaters in der elisabethanischen Zeit angeschaut. Über der Bühne hatten sie damals diese hohen Gebäude, wo sie die Balkonszenen gespielt haben. Und darüber saßen Zuschauer, die hinunterblickten. Es sieht wirklich toll aus. So habe ich jetzt auch die Türme hinter unserer Bühne kreiert. Ich dachte, es muss toll sein, von dort auf die Bühne zu blicken. Balkone mit Leuten drin. Wir haben also zwei schön geformte Türme, wo wir 300 bis 400 Leute unterbringen.

Die Tour in den USA ist zu 97 Prozent ausverkauft. Mehr als 50 Konzerte. Bis zu 80 000 Leute pro Konzert.

Nicht schlecht, oder? Ja, wir haben gut verkauft.

Sind Sie nervös?

Vor der ersten Show hast du immer Sorgen. Es kann so viel schief gehen. Wären wir eine Theaterproduktion, hätten wir zwei Wochen lang Generalproben. Wir aber werden gleich ins kalte Wasser geschmissen.

Die wichtigste Frage zum Schluss: Wer gewinnt die Fußball-WM?

Oh je. Deutschland? Mit dem Vorteil als Gastgeber.

Ich dachte, Sie sagen England.

Die packen es doch nie bei diesen großen Turnieren. Was denken Sie?

England schlägt Brasilien im Halbfinale und trifft dann im Endspiel auf Italien.

Klingt gut. Ich werde mich bei meinen Wetten dran erinnern.

Interwiew: Jan Christoph Wiechmann / print
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