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Mario Testino in Berlin: Star unter Stars

Mario Testino hat sie alle fotografiert: Lady Di und Mick Jagger, Nicole Kidman und Robby Williams. Nun sind seine Bilder in Berlin zu sehen - leider an einem ganz und gar unglamourösen Ort.

Von Anja Lösel

Tätowierte Männerkörper in Los Angeles - ein Foto von 2008

Tätowierte Männerkörper in Los Angeles - ein Foto von 2008

Warum denn hier? Ausgerechnet in einer der hässlichsten Ecken Berlins? Gab es keinen besseren Ort für Mario Testino, diesen Fotografen der Schönheit und Größe? Lady Diana hat er fotografiert, wundervoll hingegossen auf eine Couch. Nicole Kidman in rauschender Abendrobe vor Renaissancespiegeln. Sienna Miller im weißen Kleid zwischen römischen Skulpturen. Mick Jagger und Keith Richards, wie sie rumalbern. Madonna als Grande Dame. Und Kate Moss natürlich, immer wieder Kate Moss, das Supermodel, in Strapsen, im Tüllrock, mit transparentem Slip. Schön, jung, elegant.

Mario Testino ist nach Berlin gekommen, um seine Schau in der Kunstbibliothek zu eröffnen. Aber das hier kann ihm nicht gefallen: die graue Rampe des Kulturforums, das Foyer mit den viel zu vielen Treppengeländern, das fahle Licht, die vielen Türen. Die beiden Ausstellungsräume, getrennt durch zwei Stockwerke und ein enges Treppenhaus. Von Glamour keine Spur.

Nackte und Halbnackte

Testino aber bleibt gelassen, spricht davon, wie sehr Berlin ihn inspiriert hat, wie großartig die Menschen hier sind, wie toll es war, als er hier mal mit dem Fahrrad von Galerie zu Galerie fuhr, um seine Kunstsammlung zu erweitern. Groß ist er, etwas zu braun gebrannt. Seine Füße in eleganten Lederstiefeletten wippen hin und her, ab und zu guckt überraschenderweise ein Stück Bein hervor: Sockenträger! Und das bei minus zwei Grad im grimmigen Berliner Januar.

An Testinos Seite: Nadja Swarowski, Vertreterin der Sponsor-Familie. Mit schwarzen Läufern auf dem Boden und mehreren Glitzerstein-Kunstwerken vor und im Foyer haben sie versucht, dem grauen Ambiente ein wenig Glanz zu verpassen. Aber Berlin zeigt sich störrisch und ruppig.

Und die Ausstellung? Wie ist sie denn nun? Den Besuchern der Berliner Modewoche wird sie gefallen. Riesige Fotos von prominenten Models wie Kate Moss, Nadja Auermann, Claudia Schiffer, Naomi Campbell. Knallbunte Rahmen. Schöne Nackte und Halbnackte in Unterwäsche. Glamouröse Inszenierungen. Man versteht nicht so recht, warum eine rote Galarobe neben einem nackten Mann hängt, der absolut alles vorzeigt. Und warum Naomi Campbell mit einem Foto von wild tätowierten Körperteilen konkurrieren muss. Das Ganze scheint keine Ordnung zu haben, aber egal. Man kann ja einfach eintauchen und sich mitreißen lassen.

"Ich bin doch kein Star"

So wie die drei schwarz gekleideten Menschen, die vor dem Foto eines romantischen Picknicks im Stil des 19. Jahrhunderts stehen. Modeleute, klar. Sie rätseln: Ist das Foto Kunst? Oder ein Werbeauftrag? Aber wofür? Ah ja, nun sehen sie es: Die Dame trägt zum Rüschenkleid Sneakers einer bekannten Marke. Mario Testino kommt dazu, will sein Bild erklären, aber da kommt die Meute. "Mario!", schreien die Fotografen, die noch nicht so berühmt sind wie er, "Smile!" Blitzlichtgewitter. "Ich bin doch kein Star", sagt Testino kokett. Doch. Ist er.

"In Your Face", Berlin, Kunstbibliothek am Kulturforum, 20 Januar bis 26. Juli 2015