HOME

Ruslana Lyzichko: "Wer nicht aufpasst, dreht durch"

Sie ist die Frau mit der Peitsche, die beim Euopean Song Contest allen die Show gestohlen hat. Ruslana Lyzichko über ihr wildes Leben und deutsche Supermärkte.

Mein Gott, Sie humpeln ja furchtbar.
Ruslana Lyzhichko: "Das muss von einer Show in der Ukraine kommen. Ich habe mir die Knöchel aufgescheuert, nur noch Blut gesehen. Aber ich spüre keinen Schmerz, wenn ich auftrete."
Wäre ja auch ein Wunder, so wie Sie die Peitsche schwingen...
Lyzhichko: "Als wir nach dem Sieg in Istanbul das Lied noch mal als Zugabe gesungen haben, hab ich mich aus Versehen selbst gepeitscht. Das hat aber nicht wehgetan; ich musste sogar lachen. Ich hatte nur Angst, dass gleich wieder irgendwo Blut rauskommt."

Sind Sie immer so hart im Nehmen?


Lyzhichko: "Meine Vorfahren sind Huzulen, ein wildes Bergvolk aus den Karpaten. Ich selbst habe lange in den Bergen gewohnt, und da herrschen raue Sitten. Zweimal bin ich dem Tod schon von der Schippe gesprungen, als ich mit Hubschraubern verunglückt bin. Ich lebe extrem, und vielleicht bin ich deshalb auch so verrückt."

Darüber singen Sie ja selbst in Ihrem Sieger-Song "Wild Dances".


Lyzhichko: "Unsere Tänze sind wie Überlebenskämpfe. Und wer nicht aufpasst, dreht durch."

Wie konnten Sie sich eigentlich so sicher sein, dass Sie mit archaischen Karpaten-tänzen international Erfolg haben?


Lyzhichko: "Durch unsere Konzerte in Deutschland.

Sie sind hier schon mal aufgetreten?


Lyzhichko: "Ja, in großen Supermärkten. In Jena zum Beispiel. Das war vor ungefähr einem Jahr."

Kaum zu glauben: Ein Auftritt im Supermarkt in Jena soll Startschuss gewesen sein für Ihren europäischen Siegeszug bis zum Triumph in Istanbul?

Ruslana Lyzhichko: "Ja, das war toll. Wir hatten so eine Art Bühne vor den Kassen. Die Leute kamen mit ihren Einkaufstüten vorbei und blieben dann vor uns stehen und haben zu ukrainischer Musik gefeiert. Die waren begeistert. Das war der erste Augenblick, wo ich daran geglaubt habe, dass es in Europa klappen könnte."

Hierzulande sind Supermärkte ein Revier für abgehalfterte Schlagerstars.


"In der Ukraine bin ich sogar regelmäßig in Fußgängerzonen aufgetreten. Ich wollte zeigen, dass ein Star nicht unbedingt unnahbar sein muss."

Sie sind die erste Künstlerin Ihres Landes, die mehr als 100.000 Platten verkauft hat. Ein Fernsehsender kürte Sie jüngst gar zur "Persönlichkeit des Jahres".


"In der Ukraine wird eine ganze Menge Wind um mich gemacht. Ich mag es nicht, über diese ganzen Auszeichnungen zu sprechen."

Selbst Staatspräsident Kutschma schien ganz aufgelöst, als er Ihnen gratuliert hat.


"Er hat mir die größte Auszeichnung übergeben, die es bei uns für einen Künstler gibt: Ich bin offiziell "Sängerin des Volkes"."

War Ihnen das nicht unangenehm? Schließlich ist Kutschma nicht gerade ein beliebtes Staatsoberhaupt. Seit Jahren wird ihm vorgeworfen, sich schamlos aus den Staatskassen zu bedienen, während sein Land am Hungertuch nagt.
"Der Präsident hat mit mir geredet wie mit seiner eigenen Tochter. Um die Ukraine ist es nicht so schlecht bestellt, wie viele meinen. Außerdem zieht sich die alte Politiker-Garde bald zurück. Wir müssen an die Ukraine glauben."

Welche Rolle werden Sie beim 50. Grand Prix im nächsten Jahr spielen?


"Ich sitze im Organisationskomitee. Aller Voraussicht nach wird in Kiew eine neue Halle für das Ereignis gebaut."

Singen Sie dann ein Duett mit Stefan Raab?

"Erst mal bringe ich hier am 19. Juli mein erstes Album heraus. Aber mit Raab würde ich gern mal Wodka trinken. Das dürfte hart für ihn werden.

Interview: Christian Parth / print
Themen in diesem Artikel