Eigentlich sollen die Paralympischen Winterspiele ein Sportfest sein, das den teilnehmenden Sportlern und Zuschauern in der ganzen Welt Freude bereitet. Doch der Spaß an den Spielen wird bei dem Wettbewerb in Mailand und Cortina d’Ampezzo durch politische Umstände getrübt. Der Ukrainekrieg wirft seine Schatten über das Event.
Als die 23-jährige Skirennfahrerin Warwara Worontschichina am Montag als erste Sportlerin aus Russland bei diesen Paralympics eine Goldmedaille gewann, wurde nicht nur die russische Flagge gehisst, sondern auch die Nationalhymne gespielt. Das war zuletzt in Sotschi 2014 der Fall – rund einen Monat vor der russischen Annexion der Krim.
Zuschauer auf der gut gefüllten Tribüne applaudierten Worontschichina. Einige sangen wie die Sportlerin die Hymne mit – mitten in Europa, als hätte es nie ein Verbot für russische Athletinnen und Athleten gegeben. Wie kam es zu der Kehrtwende?
Putin freut sich
Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) hatte Russland 2018 aufgrund des staatlich geförderten Dopingprogramms suspendiert. Russische Sportler durften sich trotzdem qualifizieren, sie traten aber unter neutralem Status an. Im Jahr 2022 kam der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hinzu. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) und das IPC schlossen Russlands Athleten für die Winterspiele in Peking im selben Jahr aus. Gleiches galt für Belarus als Unterstützer der Invasion.
Im Jahr 2026 ist wieder alles anders. Das IPC beschloss unter Führung des Brasilianers Andrew Parsons bei seiner Generalversammlung im September in Seoul, Russland und den Verbündeten Belarus wieder zuzulassen. Parsons betonte, dass die Entscheidung demokratisch getroffen wurde, und sagte: „Wir können nicht je nach Ergebnis auswählen, wann wir demokratisch sein wollen und wann nicht“. Dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gefiel das natürlich. Er sprach nach der Entscheidung von einem „großen Sieg für uns alle“.
Einige russische Sportler konnten sich allerdings so kurzfristig nicht mehr für die Paralympischen Winterspiele in Norditalien qualifizieren; das IPC vergab daraufhin sechs Wildcards an sie, was für zusätzliche Kritik sorgte.
Die vier Weltverbände für Ski und Snowboard, Biathlon, Curling sowie Para-Eishockey, die Wettbewerbe bei Paralympics austragen, sperrten sich zunächst gegen die Wiederaufnahme Russlands. Doch der Internationale Sportgerichtshof (Cas) urteilte nach einem russischen Einspruch, dass der pauschale Ausschluss nicht rechtens ist. Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) hatte die Zulassung von russischen Athletinnen und Athleten mit allen Symbolen kritisiert.
Auch deutscher Protest gegen Russlands Teilnahme
Die Paralympischen Winterspiele waren also schon politisch aufgeladen, bevor sie überhaupt begonnen hatten. Die Ukraine boykottierte dann die Eröffnungsfeier in Verona gemeinsam mit anderen Nationen, Deutschland gehörte ebenfalls dazu. Die deutsche Skilangläuferin Linn Kazmaier mit Sehbehinderung und ihr Guide Florian Baumann setzten auch während der Winterspiele ein deutliches Zeichen: Nachdem Kazmaier für Deutschland die Silbermedaille holte, verzichteten sie und Baumann auf das obligatorische Sieger-Selfie mit der russischen Siegerin Anastasija Bagijan und der Chinesin Jihong Cong.
„Dass das Politische das so überschattet, ist einfach total schade. Es ist einfach politisch nicht vertretbar“, sagte die 19-jährige Kazmaier. Sie könne es den Russen „menschlich“ allerdings gönnen. „Ich kenne die Leute nicht, ich weiß nicht: Vielleicht unterstützen sie das System in Russland genauso wenig. Vielleicht sind es total nette Menschen, mit denen wir eigentlich befreundet sein könnten“, ergänzte die Paralympicssiegerin von Peking.
Ukrainerin für „Stop War“-Ohrringe gerügt
Kazmaiers Protest war riskant und könnte Konsequenzen haben. „Das IPC ist sich der Situation bewusst, sammelt Beweise und analysiert diese“, hieß es seitens des Komitees auf eine Anfrage des Sport-Informationsdienstes (SID). Während russische Sportler ihre Nation wieder stolz vertreten dürfen, ist das IPC in Bezug auf politische Botschaften aus der Ukraine ähnlich streng wie schon das IOC vor einigen Wochen.
Zur Erinnerung: Der ukrainische Skeleton-Fahrer Wladyslaw Heraskewytsch wurde bei den Olympischen Winterspielen aufgrund eines „Gedenkhelms“ ausgeschlossen. Darauf zu sehen waren 20 Sportlerinnen und Sportler aus seinem Land, die beim russischen Angriffskrieg getötet wurden. Präsident Selenskyj überreichte ihm einen Orden (der stern berichtete).
Bei den Paralympischen Winterspielen kam es nun zu einem ähnlichen Vorfall: Die Langläuferin Oleksandra Kononowa trug Ohrringe mit dem Schriftzug „Stop War“, um auf den Krieg in ihrem Heimatland hinzuweisen. Dafür wurde sie verwarnt und musste den Schmuck abnehmen. Anschließend trug sie Ohrringe mit der Botschaft „Love“ in den ukrainischen Landesfarben, das „O“ war dabei im Umriss der Landes zu sehen.
„Sie bringen nur Blut und Leid und Trauer über unser Land. Es ist nicht richtig, dass sie hier sein dürfen“, sagte Kononowa zur Teilnahme Russlands.
„Die schlimmsten Paralympics der Geschichte“
Derweil kosten russische Athleten die Rückkehr auf die große Wintersportbühne voll aus. Der alpine Skirennfahrer Alexej Bugajew zeigte nach seiner Bronzemedaille in der Abfahrt etwa demonstrativ auf die russische Flagge auf seinem Helm. „Das war schon provokativ“, kommentierte die frühere Monoski-Paralympicssiegerin Anna Schaffelhuber in der ARD.
Aus Sicht von Walerij Suschkewitsch, Präsident des ukrainischen Paralympischen Komitees, finden in Norditalien sogar „die schlimmsten Paralympics der Geschichte“ statt – „und Mister Parsons lässt das einfach so zu“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“.
Für ihn und viele Ukrainer ist die Teilnahme Russlands ein Schlag ins Gesicht. „Ich sehe die Farbe ihrer knallroten Mäntel und ich denke an Blut“, sagte Suschkewitsch. „Das IPC hat einen schlimmen Fehler gemacht.“ Viele Kritiker dürften ihm zustimmen, nicht nur Menschen aus der Ukraine.
Quellen: „Der Standard“, „Süddeutsche Zeitung“, mit Material der Agenturen SID und DPA