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Sido, Bushido & Co.: Schluss mit aggro

Das Rap-Label Aggro Berlin hat dicht gemacht. Bad Boy Sido verdient sein Geld mit Werbung. Und Bernd Eichinger verfilmt das Leben von Rüpel-Rapper Bushido. Die Ära des deutschen Gangsta-Raps scheint vorbei. Gekuschelt wird trotzdem nicht.

Von Sophie Albers

Nach schrillen, dummdreisten wie auch clever-erfolgreichen neun Jahren hat das Plattenlabel Aggro Berlin seine Kreissäge im Logo wieder eingepackt. "Die Plattenfirma schließt", heißt es auf der Website, die seit Tagen das Bild einer aus einem Grab ragenden Hand mit erhobenem Mittelfinger ziert. Diese Meldung ist tatsächlich der letzte Sargnagel, der Schlussakkord, der letzte Vorhang für ein Label, das Deutschlands Musikszene durchgerüttelt und der Jugend einen funktionstüchtigen Protest ermöglicht hat. Aber die Gründer und Künstler von Aggro Berlin hätten eben alles erreicht, "was in diesem Rahmen möglich ist", steht da zu lesen.

In diesem besagten Rahmen tröstet Sido, Aggros erfolgreichster Künstler, der einst mit dem "Arschficksong" Jugendliche zum Tanzen und Eltern sowie Politiker auf die Barrikaden brachte, mittlerweile als Juror von "Popstars" kleine Mädchen, die nicht singen können und wirbt für die "Bild"-Zeitung. Sein Kollege Fler, dessen Erfolg sich auch daraus speiste, dass er seit Jahren mit seinem Ex-Kumpel und Ex-Aggro-Musiker Bushido im Clinch lag, hat sich jüngst mit eben diesem Erzfeind vertragen, was auf Myspace mit Kuschelbildern belegt wird. Bushido selbst hat ohne Aggro Karriere gemacht und ist schon lange zum Vorzeige-Rapper avanciert, der zu Harald Schmidt und Oliver Pocher in die Sendung darf, und nun gerade mit dem "Baader Meinhof Komplex"-Duo Bernd Eichinger und Uli Edel sein Leben verfilmt.

Abziehbildchen in der "Bravo"

Der Kuchen ist verteilt. Der Aufstand scheint vorbei. Unterhaltungsindustrie und Gesellschaft haben die Jungs von der Straße geschluckt. Und denen geht es sehr gut im großen Kommerzmagen: Sido residiert in einem Loft über den Dächern der Hauptstadt und fährt einen Touareg. Bushido besitzt eine Villa in Dahlem und schlägt nun auch mal den Hemdkragen über das große Tattoo an seinem Hals, das es auch schon als Abziehbildchen in der "Bravo" gab. Aber ist es denn nun wirklich vorbei mit dem "Mütter ficken", "Opfer abstechen" und sonstigen verbalen Machtfantasien, die sogar einst die Wochenzeitung "Die Zeit" nach einer "Avantgarde der Härte" fragen ließen? Ist das Ende von Aggro das von vielen so sehnlich herbeigewünschte Ende des deutschen Gangsta-Raps?

"Nein", sagt klar und schnell Marcus Staiger, Berliner Rap-Urgestein, der das Ende des deutschen Rap-Traums schon hinter sich hat. Bei seinem Label Royal Bunker, das 2008 die Mikrofone einmottete, haben fast alle großen Namen der deutschen Rap-Szene angefangen - von Kool Savas bis Sido. Rap werde es immer geben, sagt Staiger im Gespräch mit stern.de und lacht kurz. Aggro habe sich entscheiden müssen, ob man sich etablieren wolle oder nicht. So ein Label tauge aber nicht zur Institution. "Das ist nicht so was wie Siemens, wo man nur noch verwaltet", so Staiger. Rap habe vor allem mit Haltung zu tun.

Böse Jungs mit Konzept

Und auf der gründet schließlich die Karriere von Aggro Berlin: Im Jahr 2000 waren der Graffiti-Künstler Specter, der Breakdancer Spaiche und Halil, der Besitzer des Sprüher-Ladens Downstairs, zur richtigen Zeit am richtigen Ort und hatten die richtige Idee. Die deutsche Musikszene dümpelte vor sich hin, während es im Berliner Rap-Untergrund brodelte. Der Handel mit Tapes, eigenen Aufnahmen von Rappern auf Kassette, florierte. Und die wurden unter anderem im Downstairs verkauft. Die Gnadenlosigkeit dieser Stadt, unter der die Menschen sonst leiden, wurde zur Auszeichnung. Berlin ist härter als der Rest, und deshalb macht Berlin den Rest fertig, so das Motto von jungen Menschen, die sich ihren eigenen Reim aufs Leben machen. Diese Einstellung packten die drei Labelgründer in den Namen Aggro Berlin genauso wie ins Logo. Ein Kreissägeblatt, das alles und jeden zersägt, der sich ihnen in den Weg stellt. Einer Sache waren sie sich von vornherein bewusst: Image ist alles.

Image war Sidos Maske - eine grafisch brillante Verschmelzung von Totenkopf und Mikrofon. Image war Bushidos arabisch anmutendes B-Tattoo am Hals. Image war Flers Deutschtümelei. Image war der "Neger" B-Tight. Jeder Künstler ein Angriff auf Klischees und Erwartungen, mal mit "Migrationshintergrund", mal ohne, aber immer böser Junge. Verbale Amokläufe zu brachialen Beats wie Granateneinschläge in die Geschmacksnerven, die Moral, die öffentliche Meinung. Nur Bushido hatte keine Lust auf die "Gehirnwäsche", wie der Eigenbrötler es einmal nannte. Zudem befand er sich bei Aggro in Dauerkonkurrenz zum anderen Alphamännchen Sido.

Sieg in der Aufmerksamkeitsarena

Der wurde dann auch der größte Erfolg des Labels. Es war das Jahr 2004, als der Song "Mein Block" das allgemeine Interesse weckte, und als der berüchtigte "Arschficksong" es verstörte. Sido war mit einem Schlag bekannt, wenn auch nicht gesellschaftsfähig. Wie eine Welle schwappten seine lakonischen Reime übers Land, Gymnasiasten in München sangen sie genauso mit wie die harten Jungs in Berlin-Neukölln. Aggro surfte die Welle. Auftritte bei MTV und Stefan Raab gab es im Dauer-Abo. Und nachdem Fler 2005 auf seinem Album "Neue Deutsche Welle" die deutsche Fahne flattern ließ und "schwarz/ rot/ gold" auf "hart und stolz" reimte, war schon wieder Alarm im Feuilleton und Aggro ein weiterer Sieg gelungen in der deutschen Aufmerksamkeits-Arena.

Nach kleineren Aufregern, die nach bewährter Technik funktionierten, ging das kämpferische Independent-Label 2007 mit dem bis dahin verhassten Unterhaltungskonzernriesen Universal zusammen. Für die einen war es Hochverrat, für die sachlicheren Beobachter eine Ermüdungserscheinung in der knüppelharten Geschäftswelt, die offenbar nicht unbedingt mit der Härte Berlins zu vergleichen ist. Künstler kamen und gingen. Zuletzt sogar Fler. Den Zenith des Erfolges hat Aggro lange hinter sich. Da scheint das Ende gar nicht mehr so überraschend. Im Abschiedstext wird auch noch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Aggro-Künstler bei Universal "alle Möglichkeiten" hätten.

Löcher im Musiklandschaftsgarten

Rückblickend hat Aggro ein paar deutliche Löcher in die ordentlich-langweiligen Hecken des deutschen Musiklandschaftsgartens gefräst. Es hat den deutschen Gangsta-Rap kommerziell gemacht und so schwere Jungs von der Straße in die Stadtvilla geholt. Doch schaut man sich die Veröffentlichungen des Labels an, liegt das Kreissägenschwingen schon ein bisschen zurück. Einzig konstanter Erfolg ist Sido, der seine Unterhalter-Qualitäten mittlerweile auf die Rollen rappender Ghetto-Pädagoge, kiffender Spaßvogel und Anti-Bohlen verteilt.

"Es ist schöner zu verbrennen als auszuglühen", sagt Marcus Staiger. Aggro sei nicht mehr das gewesen, womit es angefangen hat. "Wenn man Liebe und Anerkennung bekommt, ist die Anti-Haltung schwer aufrechtzuerhalten." Und aus der Anti-Haltung ziehe man schließlich viel Kraft, so der Musikproduzent. Außerdem "ist die Zeit, dass Berliner Rap bis in die Top-Positionen der Charts kommt, vorbei." Solche Stimmen hört man auch aus der Branche.

Aber man hört auch dies: Das Ende von Aggro macht Platz für etwas Neues. Und das wird auf jeden Fall spannend. Denn "es wird das kommen, worauf die Jugendlichen Bock haben", sagt ein Labelmitarbeiter. Und dazu gehören die richtigen Menschen, der richtige Ort und die richtige Zeit. Denn zumindest ganz am Anfang wird die Musik nicht von Verkaufszahlen und Charts regiert.