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Take That: "Wiedervereinigung aller Wiedervereinigungen"

Die Plattenfirma stilisierte das Ereignis bereits zur "Wiedervereinigung aller Wiedervereinigungen". Nach fast 15-jähriger Trennung kehrt Robbie Williams zur britischen Boy Band Take That zurück. Das Erscheinen des neuen gemeinsamen Albums in Originalbesetzung soll zu einer Popsensation werden, den medialen Hype unterstützen soll auch der Dokumentarfilm "Look Back, Don't Stare - A Film About Progress".

Am Dienstagabend feierte er in 30 ausgewählten Kinos weltweit Premiere, darunter in Hamburg und Berlin. Am 18. November wird die Dokumentation bei Pro7 ausgestrahlt und am 3. Dezember auf DVD erscheinen. Die Regisseure Fred Scott und Nick Davies haben Take That ein Jahr lang mit der Kamera begleitet - vom ersten Zusammentreffen der fünf Musiker im November 2009 in einem New Yorker Tonstudio bis zur Endfertigung des neuen Albums im September diesen Jahres.

Sichtlich nervös und verkrampft sitzen sie zunächst zusammen, und es herrscht eine etwas angestrengte Arbeitsatmosphäre. Man spielt sich mitgebrachtes Rohmaterial vor und singt erste einzelne Verszeilen zusammen. Rasant geschnittene Archivbilder erinnern im Zeitraffer an die wichtigsten Stationen der Bandgeschichte. Elton John schaut mal kurz vorbei, um sich die ersten Demoaufnahmen der neuen Songs anzuhören und zu loben: "Ihr habt keine Ahnung, welche Freude ihr den Menschen damit machen werdet." Die mal sehr ästhetischen, dann wieder hektisch hin- und herzoomenden Schwarz-Weiß-Bilder, die das Filmemacherteam mit seinen Kameras eingefangen hat, vermitteln unverstellte Authentizität.

Es dauert eine Weile, bis die Konflikte, die erst zum Ausstieg Williams und schließlich zur Auflösung der Band 1996 führten, zur Sprache kommen. "Wir waren keine Freunde, wir waren einfach fünf Jungs um die 20 die Spaß zusammen hatten", beurteilt Mark Owen rückblickend die Zeit des ersten Karrierehochs. Um miteinander Probleme austauschen oder gar bewältigen zu können, habe ihnen schlicht die Reife gefehlt. Schlimmer aber wog das wachsende Gefühl, lediglich vom Management gesteuerte Marionetten zu sein. "Ich wusste nicht, wozu ich da war. Ich konnte nicht texten, ich tanzte und sang nicht gut. Ich konnte nur gut lächeln", stellt Jason resigniert fest.

Barlow und Williams wollten mehr, vor allem selbst kreativ sein. "In Robs Augen hat nichts getaugt, was nicht von ihm kam", bemerkt Mark Owen und Gary Barlow gibt in einem der vielen Einzelinterviews reumütig zu: "Ich wollte alles selbst schreiben und selbst singen." Zu viele zu große Egos in der Band führten schließlich um Bruch. Williams hat es zunächst sehr schwer, sich in der Gruppe wieder einzufinden, die vier anderen hatten schließlich seit deren Reunion 2005 wieder mit großem Erfolg durchgestartet.

Williams ist es denn auch, der am offensten über seine Fehler, Komplexe und Defizite, von seiner depressiven Veranlagung und Medikamentenabhängigkeit spricht. Er entschuldigt sich schließlich auch für seinen Medienkrieg mit Barlow: "Ich wollte ihn vernichten. Sogar als er am Boden lag, habe ich weiter gemacht." Nun bezeichnet er Barlow als "Vaterfigur" und "Kapitän" der Band. Am Ende dieser zwölf gemeinsamen Arbeitsmonate und 100 Filmminuten scheint sich Take That tatsächlich wieder als Band gefunden zu haben und man beschwört die neugewonne menschliche Reife. Nicht von ungefähr haben sie ihr Album "Progress" genannt: Fortschritt.

Axel Schock, APN / APN