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TOURNEE: Darf er oder darf er nicht?

Eigentlich wollte Skandal-Rapper Eminem diesen Monat in Australien auftreten. Jetzt droht ihm das Einreiseverbot.

Die Plakate sind schon geklebt, zehntausende Tickets für Konzerte in Sydney und Melbourne verkauft. Doch für die australischen Fans von Skandal-Rapper Eminem sind die für diesen Monat geplanten Auftritte ihres Idols zur Nervenprobe geworden. Das Visum für den 28-Jährigen steht auf der Kippe, seit die Einwanderungsbehörde eine »Charakterprüfung« ankündigte. Konservative Politiker und Familienverbände auf dem sonst für seine Toleranz und entspannte Atmosphäre gerühmten Fünften Kontinent haben sich auf den Musiker eingeschossen. Und dabei geht es fast so deftig zu, wie in Eminems mit Hasstiraden und Schimpfwörtern gespickten Texten.

Inzwischen schaltete sich sogar Australiens Ministerpräsident John Howard in die hitzige Diskussion um den Schmuddel-Rapper ein. Die Texte des dreifachen Grammy-Gewinners »ekeln an und erniedrigen Frauen«, meinte der Regierungschef. Der Parlamentarier Peter Slipper wurde noch deutlicher: »Wer Texte über die Vergewaltigung seiner Mutter oder den Mord an seiner schwangeren Freundin schreibt, ist geistig nicht ganz im Gleichgewicht«, urteilte er. »Wir sollten ihn in eine Anstalt sperren und den Schlüssel wegwerfen.«

Vor allem bei Frauenverbänden eckt der von der US-Musikpresse hoch gelobte Star an. »Er nutzt jede Gelegenheit, Frauen herabzusetzen und zu suggerieren, dass sie allein für Vergewaltigungen oder Verstümmelungen gut sind«, erboste sich die australische Frauenrechtlerin Lisa Salomon mit als erste. Einwanderungsminister Philip Ruddock ließ nicht lange mit einer Reaktion warten: Der Charakter des jungen Mannes werde eingehend geprüft, bevor ein Visum erteilt werde, verkündete er. »Die Leute müssen wissen, dass wir Dinge, die den Charakter betreffend, sehr ernst nehmen.«

Der Musiker mit bürgerlichem Namen Marshall Mathers III versteht derweil nach eigener Aussage die ganze Aufregung nicht. In einem Interview mit einer australischen Radiostation gab er zu Protokoll:

»Meine Musik ist etwas Persönliches. Es geht um Widerwärtigkeiten, durch die ich selber durch musste. Songs wie «Kill You» sind reine Ironie und Parodie. Es geht um das, was hier in Amerika los ist.«

Dass Eminem kürzlich zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde, weil er vor einem Jahr bei einem Streit mit einem anderen Rapper eine Waffe zückte, gilt mit Blick auf das begehrte Visum für »Down Under« als nicht eben hilfreich. Wegen eines ähnlichen Vergehens verbüßt der 28-Jährige bereits eine zweijährige Strafe auf Bewährung.

Wen Australien nicht haben will, der muss draußen bleiben. So erging es vor zwei Jahren Sinn Fein-Präsident Gerry Adams, dem Chef des politischen Arms der nordirischen Terrororganisation IRA. Auch der britische Historiker David Irving, der den millionenfachen Mord an den Juden während der Nazi-Zeit in Frage stellt, bestand nicht die Prüfung auf »guten Charakter« der Behörden in Canberra.

Dass nun die gestrengen Kriterien auch auf den Schmuddel-Star angewendet werden, könnte nach Ansicht mancher australischer Beobachter auch an den anstehenden Wahlen Ende des Jahres liegen - ein gute Gelegenheit für Regierungschef Howard unter den konservativ gesinnten Landsleuten Punkte zu sammeln, heißt es. Denn das Gros der Eminem-Fans ist für eine Stimmabgabe ohnehin noch zu jung.

Mit Spannung verfolgt die Entscheidung über das Visum für den Musiker vor allem dessen australischer Tour-Promoter Michael Gudinski. »Wenn sich die Einwanderungsbehörde gegen ihn stellt, werden wir zur Lachnummer«, meint er. Zehntausende bezahlter Tickets müssten folglich zurückgegeben werden. Andererseits: Gibt die Regierung Grünes Licht, kann sich Gudinski über kostenlose Werbung im Wert von hunderttausenden von Dollars freuen.

Frank Brandmaier und Sid Astbury, dpa