Armenien
Der skurrilste Regierungschef des Kaukasus

Armenien
Kommuniziert in den sozialen Netzwerken eher unorthodox: Armeniens Premierminister Nikol Paschinjan
© stern-Montage: Fotos: Imago Images; Getty Images; Adobe Stock
Nikol Paschinjan, Premier von Armenien, ist in einer kniffligen Lage. Sein Land ist umzingelt von fiesen Großmächten. Die Strategie: Er sendet Liebe in die Welt. Ganz viel Liebe.

Stellen Sie sich für einen Moment vor, Sie seien in diesen Tagen Premierminister eines kleinen Landes mit drei Millionen Einwohnern, das auf einem Pulverfass sitzt. Ihr Staat grenzt im Süden an den Iran, ist auf allerlei Weise abhängig von seinem nördlichen Nachbarn Russland und von Osten und Westen her bedrängt von Ländern, mit denen es eine jahrzehntelange Feindschaft verbindet und die militärisch weit überlegen sind. Dazu ist rundherum die Welt in Aufruhr, die regelbasierte Sicherheitsordnung scheint in Auflösung, Putin, Trump und Xi Jinping teilen sich den Globus auf. Welche Botschaft senden Sie an die eigenen Bürger und die Welt? 

„All you need is love“ ist die Botschaft, für die sich Nikol Paschinjan, Premierminister des kleinen, aber stolzen Kaukasus-Staats Armenien, nun entschieden hat.

Auf seinem Instagram-Account veröffentlicht der 50-Jährige seit Monaten Videos, auf denen er schweigend Songs hört und dann seine Hände zu einem Herz formt und freundlich in die Kamera lächelt. Beim Staatsbesuch in Moskau ist das der alte Sowjetschlager „Weiße Rosen“, dabei schwenkt die Kamera kurz durchs Hotelfenster auf die draußen liegende Zentrale des Geheimdienstes KGB. Mehr kognitive Dissonanz geht fast nicht.

An dieser Stelle hat unsere Redaktion Inhalte von Instagram integriert.
Aufgrund Ihrer Datenschutz-Einstellungen wurden diese Inhalte nicht geladen, um Ihre Privatsphäre zu schützen.

Anfang Februar schreibt Paschinjan, seit 2018 Premierminister, auf Armenisch an seine Bürger: „Guten Morgen, habt einen schönen Tag, und ich liebe euch alle.“ Dazu sitzt er mit grüner Krawatte und Hut in seinem Büro in Jerewan, man hört das zuckersüße „Parole, Parole“ von Dalida und Alain Delon, dann formt er wieder seine Hände zum Herz und blickt mit einem breiten Lächeln in die Kamera.

An dieser Stelle hat unsere Redaktion Inhalte von Instagram integriert.
Aufgrund Ihrer Datenschutz-Einstellungen wurden diese Inhalte nicht geladen, um Ihre Privatsphäre zu schützen.

Paschinjans Vorliebe für Schlager aus den Siebzigern und Achtzigern und die russische Popsängerin Zemfira ist offensichtlich, aber der Armenier kann auch modern: Mit lose um den Hals hängendem Schlips hört er Eminems Hit „Without me“. 

An dieser Stelle hat unsere Redaktion Inhalte von Instagram integriert.
Aufgrund Ihrer Datenschutz-Einstellungen wurden diese Inhalte nicht geladen, um Ihre Privatsphäre zu schützen.

Und bei seinem Deutschlandbesuch Ende 2025 wirft er aus dem Fenster des Adlon-Hotels einen Blick auf das Brandenburger Tor und lässt im Hintergrund „You’re My Heart, You’re My Soul“ von Modern Talking laufen.

An dieser Stelle hat unsere Redaktion Inhalte von Instagram integriert.
Aufgrund Ihrer Datenschutz-Einstellungen wurden diese Inhalte nicht geladen, um Ihre Privatsphäre zu schützen.

Oder er setzt sich gleich selbst ans Schlagzeug. Zur Neujahrsfeier im armenischen Fernsehen zeigt ihn ein Video mit anderen Musikern auf einer Bühne, Hunderte Menschen tanzen ausgelassen, während eine Sängerin singt: 

An dieser Stelle hat unsere Redaktion Inhalte von Instagram integriert.
Aufgrund Ihrer Datenschutz-Einstellungen wurden diese Inhalte nicht geladen, um Ihre Privatsphäre zu schützen.

Wir wollen dich glücklich sehen,
Doch dazu müssen wir dich sehen.
Unsere Blicke, fern von dir,
Suchten endlos nach Heimat.

Wir wollen dich glücklich sehen,
Doch dazu müssen wir Armenien selbst sehen.
Wir müssen uns glücklich sehen wollen,
Mit dir, in dir, untrennbar mit dir.

Der Text des Liedes ist ein Gedicht von Paschinjan selbst. „Ich lebe in einem Land, wo der Premierminister Spaß daran hat, Zemfira zu hören, Schlagzeug spielt und Fahrrad fährt. Ich habe wirklich Glück gehabt“, schreibt eine Insta-Nutzerin. 

Die Botschaft erinnert an Maria Kalesnikawa, die belarussische Oppositionelle, deren wichtigstes Symbol ein mit den Händen geformtes Herz war – das sie wieder in die Kameras zeigte, als sie nach vier Jahren Haft entlassen wurde.

An die Macht gewandert

Der heute 50-jährige Paschinjan kam schon äußerst unkonventionell an die Macht. Zwei Jahre hatte der ehemalige Journalist wegen seiner Opposition zur Regierung im Gefängnis verbracht, 2018 sah er dann den Moment gekommen: Über zwei Wochen marschierte der Politiker, damals noch vollbärtig, mit Rucksack durchs Land und brachte mit einer friedlichen Revolution die Politikerkaste zu Fall, die das Land mehr als zwei Jahrzehnte kontrolliert hatte. Paschinjan sei ein neuer Typ Politiker gewesen, ähnlich wie Wolodymyr Selenskyj, sagt der armenische Publizist Jurij Manvelyan, ein „echter  Durchschnittsarmenier“, kein Intellektueller, Millionär, Geheimdienstler oder Militär. Und Paschinjan nutzte von Anfang an die sozialen Netzwerke, um mit den Armeniern in Kontakt zu sein – weil die Medien des Landes damals wie heute von den alten Eliten gesteuert wurden. „So wie jetzt war er damals Kameramann, Tonmann und Regisseur in einem“, sagt Manvelyan.

Stand die alte Elite für Korruption, völlige Abhängigkeit von Russland und einen kompromisslosen Kurs gegenüber dem Nachbarn Aserbaidschan, versuchte Paschinjan, die Weichen neu zu stellen. Doch konnte er nicht verhindern, dass Aserbaidschan in zwei kurzen Kriegen 2020 und 2023 Gebiete zurückeroberte, die völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehörten. Diese hatte Armenien seit den 90er-Jahren besetzt gehalten, weil dort in erster Linie ethnische Armenier lebten. 

2023 verfiel Armenien in eine kollektive Depression, hatten die Eliten dem Volk doch über Jahrzehnte eingeredet, dass sie dem inzwischen reich gewordenen Aserbaidschan militärisch überlegen seien. Doch jetzt, wenige Monate vor der nächsten Parlamentswahl, verkündet Paschinjan eine neue Botschaft: Love and Peace.

„Die schlechten Zeiten gehen zu Ende. Man kann aufhören zu trauern und sich zu fürchten. Jetzt kann man anfangen zu leben und das Leben zu genießen“, beschreibt der Politikwissenschaftler Mikael Zolyan, einst Abgeordneter aus Paschinjans Partei, die neue Botschaft.

Mit Aserbaidschan hat Paschinjan inzwischen Frieden geschlossen, auch wenn das Abkommen noch nicht völkerrechtlich bindend ist. Der Vertrag gehört zu jenen Friedensabkommen, die sich US-Präsident Donald Trump gern ans Revers heftet, auch wenn er in seinen Reden regelmäßig Armenien mit Albanien verwechselt. 

Was sollte Armenien sonst tun – in so einer Lage?

Was bleibt einem Land wie Armenien in dieser geopolitischen Lage übrig, als sich nach allen Seiten hin freundlich zu zeigen: zu den Iranern im Süden, zu den Aserbaidschanern und Türken im Osten und Westen, zur ehemaligen Schutzmacht Russland, natürlich auch zu Chinesen, Europäern und Amerikanern?

Paschinjan versucht sich mit seiner Botschaft auch gegenüber den alten politischen Gegnern zu immunisieren, die auf Revanche hoffen: Sie beschimpfen ihn als Defätisten, Schoßhündchen der Türken und Aserbaidschaner, verkünden eine Art armenischen Trumpismus als Alternative. „Und vor diesem Hintergrund haben wir da diesen fröhlichen Menschen, der verschiedene Hüte ausprobiert und über Frieden spricht“, sagt Publizist Manvelyan. 

Dann ist da noch die Angst vor einem großen Krieg im Nachbarland Iran, dessen Schockwellen auch Armenien aus dem Gleichgewicht bringen könnten. Aber welche Möglichkeit hat dieses kleine Land überhaupt, diese Dinge zu beeinflussen? Paschinjans Antwort lautet: „Habt einen schönen Tag, und ich liebe euch alle.“

PRODUKTE & TIPPS

Kaufkosmos