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Vanessa Petruo: Purer Sex in der Stimme

Wie bitte? Diese raue, schnelle Soul-Funk-Musik hat Vanessa von den ehemaligen No Angels gemacht? Die Geschichte einer erstaunlichen Neuerfindung.

Es gibt Geschichten, die klingen zu gut, um wahr zu sein, und es gibt Geschichten, die klingen, als hätten unterbeschäftigte PR-Assistentinnen sie erfunden. Nehmen wir diese: Ein bildhübsches Mädchen, einsam und verzweifelt, jobbt in einer Plattenfirma. Dieses Mädchen ist voller Lieder, voller Ideen, aber weil es ein ehemaliger Popstar ist, ausgezehrt vom schnellen Ruhm, reist es nach Lateinamerika und sucht nach Sinn.

In Peru besucht es seine Großmutter, eine weise Frau von 87 Jahren. Das Mädchen kann seinen alten Traum nicht vergessen, von der Bühne und von der Musik, und fragt um Rat: "Mama Lilla, soll ich es noch einmal wagen?" Die alte Dame, klein von Wuchs und entschlossen, zögert nicht lange: "Mama Lilla Would!"

Ein Jahr später

steht dieses Mädchen in einem Hamburger Hotel, posiert für ein Fotoshooting und gibt Interviews zu ihrer neuen Platte mit dem Titel "Mama Lilla would". Zugegeben, das klingt verdächtig. Erst recht, wenn das Mädchen Vanessa Petruo heißt und zu den No Angels gehört hat, der ersten öffentlich gecasteten Girlgroup Deutschlands. Vany, Sandy, Lucy, Jess und Nadja - wir kannten ihre Ti-Äitsch-Schwächen, ihre Lieblingspullis und ihre Problemzonen. Wir durften dabei zuschauen, wie das Fernsehen aus ihnen Popstars fertigte, wie sie fünf Millionen Platten verkauft und nach drei Jahren Fließbandarbeit wegen kollektiven Burnouts aufgegeben haben.

Inzwischen ist Petruo die Vierte, die sich an einem Soloprojekt versucht, Imagewechsel inklusive. Und sie hat die bisher beste Arbeit geleistet: Auf dem Cover ihres neuen Albums steht nicht mehr "Vany" (wie auf ihrer vorigen Single), da steht Vanessa Petruo, auf dem Foto, schwarzweiß, tanzt sie selbstvergessen, knapp bekleidet und auf Strümpfen, ihr Gesicht abgewandt und kaum erkennbar.

Im Video zur Single "Hot Blooded Woman" sieht man Trompeter mit Sonnenbrillen und einen Band-Auftritt in schwüler Club-Atmosphäre, da wird auf dem Klo gevögelt, da fängt die Kamera Petruos zerrinnendes Make-up und ihre Tattoos ein. Vor allem aber hört man neue Musik: Das klingt funkig und rau, das rockt und groovt, das klingt nach Anastacia und einer frühen Tina Turner.

Vanessa Petruo sitzt jetzt in ihrem Hotelzimmer und löffelt missmutig einen Teller Ingwersuppe. PR-Arbeit ist nicht ihr Ding. "Sicher", sagt Frau Petruo schließlich, "so ein radikaler Neustart ist nicht einfach, wenn du aus einer Ecke kommst, in der du jeden kommerziellen Scheiß mitgemacht hast." Zack. "Aber ich ziehe mir jetzt nicht die Rock'n'Roll-Jacke über, weil ich denke, das verkauft sich. Ich wollte einfach nicht mehr den Hampelmann machen", schiebt sie hinterher, "ich wollte keine Songs mehr singen, die nichts mit mir zu tun haben - nur weil irgendwer ein tolles Marketingkonzept dazu in der Tasche hat."

Warum man ihr das abnimmt? Vielleicht, weil sie mit 25 Jahren schon so einiges hinter sich lässt - ihre eigenen Zweifel und vermutlich auch ihre alten Fans. Sie hat sich einen neuen Manager gesucht und sich mit Hilfe von Anwälten von ihrer alten Plattenfirma getrennt, die fast alle TV-Popstars vermarktet. "Die haben mich einfach nicht verstanden und wollten mich als die Latina von den No Angels positionieren, die deutsche J-Lo", sagt Petruo, "aber ich wollte auf Reset drücken und meine eigenen Ideen verwirklichen."

Klar hätte sie

die Latino-Diva geben können, sagt Petruo. Sie ist in der Berliner Salsa-Disco ihrer peruanischen Mutter aufgewachsen - "aber das kannte ich ja alles in- und auswendig", sie zuckt mit den Schultern, "ich langweil mich eben schnell." Frau Petruo liebt den Blues, alte Motown-Sachen, Bessy Smith und Janis Joplin. Sie schüttelt den Kopf und ihre Silberkreolen klimpern dazu im Takt. Das mit den No Angels war ohnehin nie ihr Plan - sie ist damals nur zufällig an dem Hotel vorbeigefahren, wo das Casting war, sprang mal kurz rein und sang "Ain't No Sunshine". Zu der Zeit hat sie in Berliner Rockbands gesungen.

Zu ihrem neuen Album kam es dann auch eher unerwartet, in ihrer "Reinigungsphase", wie sie es nennt. Es war im November vergangenen Jahres, kurz nach dem Besuch bei Großmutter Theophila in Lima, als sie die Berliner Produzenten "Oja Tunes" kennen lernte. Es funkte musikalisch sofort, erinnert sie sich, und sie verkrochen sich gemeinsam im Studio. Die neue Plattenfirma ließ sie gewähren, zehn Monate lang. "Ich kannte das vorher gar nicht", sagt Petruo, "im Gegensatz dazu waren die Alben der No Angels schnell produziert, wichtiger waren die Outfits und die Choreografie. Jetzt haben wir alles live eingespielt, bis zum Erbrechen an Details gefeilt, es ging einzig und allein um die Musik."

Herausgekommen ist ein aufwendig produziertes, manchmal etwas altmodisch klingendes Album. In den Songs, die Petruo alle selbst geschrieben hat, verarbeitet sie ihre Vergangenheit als Popprodukt: immer perfekt sein, immer lustig, immer schön; vom Studio zur Probe, vom Shooting zum Interview, vom Werbepartner zur Autogrammstunde. Sie habe zum Schluss unter Schlafstörungen und Depressionen gelitten, sagt sie, "ich musste zwei Stunden, nachdem mein Großvater gestorben war, auf die Bühne, tanzen und lächeln. Ich habe mich irgendwann selbst verloren. Ich wurde von meinem eigenen Traum verschluckt".

Jetzt ist sie dankbar, dass sie ihren Traum ein zweites Mal leben darf - "eine Nummer rougher": In den vergangenen Wochen hat sie mit ihrer Band auf versifften Club-Bühnen gespielt und im Tourbus geschlafen, sie hat nicht mehr in eine hysterische Masse geblinzelt, sondern den Besoffenen und Gelangweilten ins Gesicht gesungen. Früher gab es Catering, heute Currywurst. "Ist doch Rock'n' Roll", grinst Petruo. "Ich mag das."

Anita Blasberg / print