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Velvet Revolver: Axls langer Schatten

Gitarrist Slash legt mit seiner Band Velvet Revolver ein klasse Album vor - doch die Vergangenheit bei Guns N' Roses lässt ihn nicht los.

Vielleicht muss er das jetzt sagen. Vielleicht glaubt er, es seiner Rolle schuldig zu sein. Er hat sein T-Shirt am linken Arm hochgeschoben, damit man das grünlich ausgeblichene Totenkopf-Tattoo sehen kann. Raucht Kette, kippt einen Weißwein nach dem anderen runter und sagt Sätze wie: "Ich habe alles gebumst, was einen Puls hat." Es klingt wie ein Standardsatz aus einer Abc-Fibel für Rockstars.

Der Mann heißt Saul Hudson, er nennt sich Slash. Es ist zehn Jahre her, da war er der Gitarrist in der aufregendsten Rockband der Welt: Guns N' Roses. Fußballstadien waren zu klein für diese Band. So wie die Rolling Stones lebten auch Guns N' Roses von der Hassliebe zwischen Sänger und Gitarrist. Bis 1996. Da hatte Slash genug von den Spinnereien des Sängers Axl Rose, der nur noch die Bühne betrat, wenn ihm ein Sektenguru ein positives Energiefeld in der Konzerthalle bescheinigt hatte. Slash verließ Guns N' Roses, die Gruppe zerbrach, nur Axl Rose und der Bandname blieben. Doch der Sänger folgt Slash seitdem wie ein Schatten. Egal, was er macht, immer fragen die Leute nach Axl Rose.

Diesem Schatten wird auch Velvet Revolver nicht entkommen. Es ist die neue Band von Slash. Er hat sie zusammen mit den ehemaligen Guns-N'-Roses-Mitgliedern, dem Bassisten Duff McKagan und dem Schlagzeuger Matt Sorum, gegründet. Zwei Jahre hatten sie nach einem Sänger gesucht, der dem Vergleich mit Rose standhalten kann. Sie fanden Scott Weiland, der früher bei der Grunge-Band Stone Temple Pilots gesungen hatte. Auf dem Album "Contraband" gibt sich Weiland alle Mühe, der Wucht der Gitarren etwas entgegenzusetzen. Die 13 Songs pendeln zwischen Punk und Hardrock, sie klingen rau und geradlinig - Musik wie aus den 80ern, gestrig, dennoch erfrischend. Oft hört man Guns N' Roses heraus - nur die Kreissägenstimme von Axl Rose fehlt.

Eigentlich will Slash nicht über Rose sprechen. "Das ist Vergangenheit", sagt er mit einer abwehrenden Handbewegung. Und einen Augenblick später tut er es dann doch. Der Sog ist zu groß, es bricht aus ihm heraus. "Ich kann ihm nicht böse sein - trotz des Mists, den er mir mit seinem Größenwahn angetan hat." Oft klingt Slash wie ein enttäuschter Liebhaber, wenn er von Rose erzählt. Könnte er sich eine Reunion vorstellen? "Ich habe jetzt meine eigene Band, aber ich würde niemals nie sagen. Axl ist ein großartiger Sänger."

DER WIEDERUM BASTELT

schon seit zehn Jahren an einem neuem Album. Doch er bekommt es nicht fertig. Es heißt, er habe mehr als 4500 Stunden Musik aufgenommen. Rose ist dafür unter anderem mit dem Queen-Gitarristen Brian May und dem Techno-Musiker Moby ins Studio gegangen. Beide suchten nach ein paar Wochen genervt das Weite. "Ich glaube nicht, dass das Album jemals erscheint. Axl arbeitet schon viel zu lange daran", sagt Moby. Auf geschätzte sechs Millionen Dollar sollen sich die Kosten inzwischen belaufen.

Die Plattenfirma Universal, bei der Guns N' Roses unter Vertrag sind, wird das nicht nervös machen. Der Mythos verkauft sich immer noch blendend: Ein Best-of-Album mit alten Songs steht zurzeit wieder an der Spitze der Charts, und auch das Guns-N'-Roses-Meisterwerk "Appetite For Destruction" verkauft sich noch immer rund 6000-mal pro Woche - 17 Jahre nach der Veröffentlichung.

Doch ob die beiden Männer, die mit Guns N' Roses mehr als 40 Millionen Platten verkauften, sich noch einmal zusammenraufen, ist fraglich. Als Slash vor zwei Jahren Silvester in Las Vegas feierte, wollte er eines der seltenen Konzerte von Axl Rose im Hard Rock Cafe besuchen. "Ich war einfach nur neugierig. Ich hatte ihn noch nie aus dem Zuschauerraum gesehen." Es sollte nicht sein. Rose gab seinen Bodyguards die Anweisung, den alten Weggefährten vor der Tür stehen zu lassen.

Hannes Ross / print
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