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Wigald Boning: Der Ex-Doofe macht "Jet Set Jazz"

Er war der bizarr gekleidete Brillenträger in der Comedy-Show "RTL Samstag Nacht" und der Wissenschafts-Heini an der Seite von Barbara Eligmann. Als brillanten Jazz-Musiker kannte Wigald Boning bisher fast niemand. Jetzt ist sein großartiges Album "Jet Set Jazz" erschienen.

Von Tobias Schmitz

Die Klavierlehrerin konnte wahrscheinlich gar nichts dafür, dass Wigald Boning damals, in Wildeshausen im Oldenburger Land, keine Lust hatte. Wigald war begabt, aber unwillig, und das Pianoforte einfach nicht sein Fall. "Ein schwarzes Kapitel meines Lebens", sagt Boning über jene Zeit, als er nur unter Androhung von Strafe am Instrument saß und das auch nur so lange, bis die verfluchte Eieruhr endlich klingelte. Klavierunterricht und Kind - das bekannte Schicksal, täglich tausendfach durchlitten in der ganzen Welt.

Die Klavierlehrerin konnte glücklicherweise nicht verhindern, dass Wigald Boning dann doch noch seine Liebe zur Musik entdeckte: Bei einem Bekannten in Oldenburg hörte er eine Aufnahme des legendären Massey-Hall-Konzertes von Charlie Parker. "Da wusste ich: Das will ich auch können!" Parker spielte Saxophon, Boning bekam während eines Familienurlaubes im Harz immerhin eine Querflöte geschenkt. Da war er dreizehn. Wenig später spielte er auch Saxophon. Und Bassklarinette. Und Fagott. Und Trompete. Und Oboe. Heute gilt Wigald Boning, bekannt geworden als bizarr gekleideter Suppenkasper der Comedyshow "RTL Samstag Nacht" und begnadeter Sketchpartner von Olli Dittrich, unter Kollegen als hervorragender Jazz-Musiker.

Ein Album für lange Autofahrten

Jetzt erscheint mit "Jet Set Jazz" ein bemerkenswertes Album von Wigald Boning: Komponiert und eingespielt in etwas mehr als zwei Wochen hat Boning so ziemlich alle musikalischen Einflüsse, die ihn geprägt haben, in dreizehn charmante Instrumentalstücke fließen lassen. Auf seiner MySpace-Seite im Internet hat sich Boning die Mühe gemacht, alle, aber auch wirklich alle Menschen, Werke und Dinge aufzulisten, die ihn künstlerisch geprägt haben. Unter den genau 207 Nennungen findet sich Johann Sebastian Bach ebenso wie Jennifer Rush, Russ Meyer und Spongebob. "Ich wollte ein Album machen, dass ich mir auf langen Autofahrten zwischen meinem Wohnort im Allgäu und dem Münchner Flughafen gerne anhöre", sagt Boning über sein Werk, "weitere Ambitionen hatte ich nicht."

Seine Musik - Ist es Jazz? Oder richtig gutes Easy Listening? - hat viel von französischer Filmmusik der 50er, 60er und 70 Jahre, klingt nach Belmondo-Abenteuern, dem Kuschelsound von Softpornos aus den Siebzigern und aktuellen Electro-Sounds, die so auch von einer Gruppe wie Air kommen könnten. Komponiert hat Boning diese fast 50-minütige Zitatorgie zusammen mit dem Münchner Pianisten Roberto di Gioia ("Marsmobil"). Natürlich spielt Boning alle Blasinstrumente selbst, auch wenn er meint, dass seine Trompeten-Künste"eigentlich nur für Effekte reichen".

"Dann spiel ich halt was Orientalisches!"

Das ist natürlich untertrieben. Wer Boning und seine Musiker live hört, weiß nicht, was er charmanter finden soll: die eigentliche Musik, oder die Art und Weise, wie die Band sie präsentiert: Kleine Fehler, das Unvollkommene also, gehört für Boning zum Musikmachen einfach dazu. Er liebt es, neue Instrumente auszuprobieren, deren Technik er kaum oder nur rudimentär beherrscht. "Ich spiele zum Beispiel Oboe, komme mit dem Fingersatz durcheinander, und plötzlich hört sich das Instrument sehr orientalisch an", sagt Boning, "gut, denke ich da, dann spiele ich halt mal was Orientalisches." So einfach ist das.

"Jet Set Jazz" kommt ganz zufällig ungefähr zur selben Zeit auf den Markt wie das Soloalbum von Bonings langjährigem Comedy-Partner Olli Dittrich. Die Musik könnte unterschiedlicher kaum sein. Wo Dittrich an jedem Wort, an jedem Ton gefeilt hat, geht Wigald Boning es viel lockerer an. Frühere Versuche, mit Musik berühmt zu werden, scheiterten bei beiden Männern kläglich. Boning schaffte es ganz besonders gut, seine Käufer zu vergraulen: Sein erstes Soloalbum, 1989 veröffentlicht, fand 600 Käufer. Das nächste wollten nur noch 400 Menschen hören. Das darauf folgende 200. Dann kam RTL, und Boning wurde zum TV-Star. Setzt sich Bonings Glück als Musiker nun fort, wird "Jet Set Jazz" rein rechnerisch keinen einzigen Käufer finden. Was extrem schade wäre.