Wirtschaftsfaktor Musical Mit "Cats" kamen die Mäuse


Musicals begeistern die Massen. In vielen Städten sind die Shows Touristenmagnet Nummer eins. Und damit nicht nur kultureller Zierrat, sondern ein Millionen-Business, von dem alle Beteiligten profitieren.
Von Ansgar Vaut

Reisebusse voller Touristen waren in Stuttgart früher selten. In die Baden-Württembergische Hauptstadt fuhr vielleicht mal, wer dort eine Tante hatte, oder Geschäfte beim Daimler. Das änderte sich im Dezember 1994: Im neu errichteten Apollo Theater feierte das Vietnam-Drama "Miss Saigon" vor über 1.700 Zuschauern Premiere. Stuttgart hatte sein erstes Musical. Seither treffen regelmäßig Dutzende von Reisegruppen auf dem Parkplatz des Veranstaltungszentrums ein und sind heiß auf "Mamma Mia!" "Die drei Musketiere" oder "Wicked - die Hexen von Oz" - die neuen Musicals, die nach "Miss Saigon" kamen.

"Mehr als 100.000 Übernachtungen jährlich verbuchen wir so" sagt Hilke Langer Sprecherin von Stuttgart Marketing. "Musicals haben Stuttgart auf die touristische Landkarte gebracht." In vielen Städten lassen Musicals den Tourismus brummen. Und anders als die Fußball-WM oder ein Grönemeyer-Konzert sind sie keine einmalige Sache. Rund sieben Millionen Musicalbesuche in Deutschland pro Jahr sind ein dauerhafter Posten, mit dem sich planen lässt.

"'Cats' hat uns 1986 wach geküsst"

Deutsche Musicalhauptstadt ist Hamburg. Seit Jahren sind dort mindestens drei große Shows zu sehen, beinahe täglich: Das Udo Jürgens Potpourri "Ich war noch niemals in New York, das 80er-Jahre-Feeling von "Dirty Dancing" und vor allem der Ruf des "König der Löwen" locken Touristen an die Elbe. Die Hälfte der Besucher hat eine Anreise von mehr als 200 Kilometern hinter sich. "'Cats' hat uns 1986 wach geküsst. Davor spielte Fremdenverkehr in Hamburg fast keine Rolle", sagt Dietrich von Albedyll, Chef der Hamburg Tourismus GmbH. Die Katzen von Andrew Lloyd Webber sangen 15 Jahre ihr Lied an der Reeperbahn und sorgten für jährlich steigende Rekordzahlen des Hamburger Tourismus'. Die Gleichung "Mehr Musicals = mehr Touristen = mehr Geld" geht offenbar auf: Musicals sind für Touristen noch vor Shopping und Sightseeing der meist genannte Grund, ein paar Tage in Hamburg zu verbringen.

Gewartet bis die Busse kamen

Auch Reiseveranstalter verdienen an dem Boom kräftig mit. Musicals bieten sie als Pauschalerlebnis: Busfahrt, Übernachtung, Ticket; dazu Stadtrundfahrt oder Restaurantbesuch. Für "Ruwertal Reisen" im Saarland begann das Musicalgeschäft 1990 mit "Phantom der Oper" in Hamburg. Seitdem bekam die Sparte jährlich etwas mehr Platz im Prospekt. Mittlerweile steuern die Busse jedes Wochenende Theater in ganz Deutschland an. Tourismusmanagerin Lizz Zarth-Wölfl von Ruwertal Reisen: "Diese Touren machen heute mehr als die Hälfte unserer Reisen aus. Wir haben Starlight-Express Fans, die 25 Mal nach Bochum gefahren sind." Dort weiß man, was man an Reisegruppen hat. Als kürzlich ein Ruwertal-Bus stundenlang im Stau steckte, verlängerte die Musicalleitung von das Intro von Starlight Express kurzerhand bis die Saarländer Gäste Platz genommen hatten.

Gut möglich, dass der Reiseveranstalter seine Busflotte demnächst erweitern muss. Denn es werden immer mehr Musicals um die Gunst des Publikums wetteifern. In Hamburg steht ab Herbst ein Lindenberg-Stück auf dem Programm. Köln hofft auf das Mega-Musical "Herr der Ringe" als Nachfolger von "We will Rock You". Mit "Elisabeth" kommt das erfolgreichste deutschsprachige Musical nach Berlin. Und auch München will endlich ein festes Musical. Derzeit sucht die Stadt nach einem Grundstück, das man der Stage Entertainment anbieten kann.

Marketing auf allen Kanälen

Befeuert wird die Reiselust der Musikfreunde zudem durch eine immer ausgefeilte Marketing-Maschine. Regionale Musicals werden wie selbstverständlich bundesweit mit aufwendigen Prospekten und Printkampagnen beworben. Eventagenturen machen Premierenfeiern zu Hollywoodreifen Shows, über die Klatschblätter breit berichten. Auch das Fernsehen zieht mit: Kurz nach dem Start "Wicked" wirbelten die Tanzhexen bei "Wetten dass..?!" übers Parkett. Thomas Gottschalk meinte, bei 120.000 verkauften Karten müsse er wohl keine Werbung mehr machen. Geschadet haben wird der Auftritt aber jedenfalls kaum.

Musical trifft Fernsehen

Ende Februar 2008 wird die nächste Stufe der Reklame-Rakete gezündet. Dann werden Musicals-Castings werden dann zu Talent-Shows à la DSDS. Hugo Egon Balder sucht in einer SAT1 Show die Hauptdarsteller für "Tarzan". Das Disneystück kommt nach Hamburg. Im April legt das ZDF nach: Thomas Gottschalk moderiert dann "Musical-Showstar 2008". Auch deren Gewinnern winkt eine Hauptrolle im Musical. Etablierte Musicalprofis wird man so kaum locken. Über die Internetbewerbung bei SAT1 schafften es neben zahlreichen Schauspielschülern auch eine Zahnarzthelferin und ein Koch vor die Jury. Gut möglich also, dass ein Quereinsteiger ohne viel Bühnenerfahrung sich als Tarzan durch den Dschungel schwingt. Die kostenlose TV-Werbung zur Prime Time sollte das mehr als ausgleichen. Laut Hamburg Tourismus GmbH läuft der Vorverkauf für Tarzan bereits zehn Monate vor dem Start richtig gut.


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