HOME

Zoot Woman: Elektropopper am Puls der Zeit

Zoot Woman wollen mehr als nur die Neuauflage des 80er-Sounds. Auf ihrer Deutschlandtour wollen sie zeigen, wohin ein souveräner Umgang mit Elektropopmusik führen kann. Auch, wenn ihr Mastermind sie nicht auf die Bühnen begleiten wird.

Von Michael Wichert

Was hat eine Elektropopband mit Gangsterklamotten aus dem Amerika der 30er und 40er Jahre zu tun? Dass sich Zoot Woman aus dem englischen Reading bei ihrem Bandnamen gerade an die gangsterhaften, seitlich geschlitzten Zoot Suits anlehnen, könnte auch als anmaßende Geste verstanden werden. Denn die Dreierformation um Stuart Price bezieht sich auf eine Stil prägende Modeerscheinung, die ihren Weg nach Europa bis in die britische Mod-Szene der Sechzigerjahre fand und Pop-Ikonen wie David Bowie und The Who beeinflusste. Zumindest dem Namen nach bewegen sich Price und seine Bandkollegen, die Brüder John und Adam Blake, damit in einem Dunstkreis, der die künstlerische Messlatte ziemlich hoch legt.

Mastermind Price

Dabei ist es vor allem Stuart Price, der sich mit seinem musikalischen Talent einen Namen gemacht hat - als Produzent. Seine Remixe von Coldplay und No Doubt sind Grammy-prämiert; 2005 wurde er als Coschreiber und -produzent von Madonnas Album "Confessions On A Dancefloor" weltberühmt und machte die nicht mehr ganz frische Queen of Pop wieder Tanzflächen-tauglich. Selbst Seal profitierte 2007 für sein Album "System" von Price' Erfahrung auf dem Dancefloor. Price, dessen Eltern Konzertpianisten sind, etablierte sich bereits in den Neunzigern mit seinem Projekt "Les Rhythmes Digitales" und Hits wie "Jacques Your Body" als Produzent in der Clubszene. Als Mitglied von Zoot Woman jedoch agiert er mehr im Hintergrund. Das zeigen auch die Bandfotos, auf denen der charismatische Sänger John Blake mit blond gebleichten Haaren als der vermeintliche Kopf der Gruppe im Vordergrund steht.

Prices musikalische Umtriebigkeit als Produzent und Songwriter erklärt auch, warum er bei den Konzerten seiner Band nicht auf der Bühne steht. Dort vertritt ihn The Zoot Woman, Bassistin Jasmin O'Meara aus Kanada. Auch bei ihrer Deutschlandtour, die am 22. März in Berlin beginnt und auf der sie ihr neues Album "Things Are What They Used To Be" vorstellen. Im Herbst soll das Werk veröffentlicht werden, die bereits erschienen Singles "We Won't Break" und "Live In My Head" sind die ersten Neuveröffentlichungen der Band seit fünf Jahren. Ihre Alben "Living In a Magazine" (2001) und "Zoot Woman" (2003) machten die Formation zu einer international beachteten Popband.

Keine Achtziger-Klone

Offenbar weil Zoot Woman derzeit nirgendwo unter Vertrag sind, liegen von ihrer angekündigten Platte bisher nur die Singles "We Won't Break" und "Live In My Head" vor. Doch auch diese beiden Popsongs zeugen von technischer Raffinesse und dem Gefühl für zeitgemäßen, tanzbaren Elektropop. Zoot Woman erreichen mit ihren Klängen sowohl den Clubgänger als auch den DJ, der die Feinheiten heraushört und selbst gerne an neuen Sounds bastelt. So dürften den Clubgänger in "We Won't Break" die passend zu Blakes Stimme platzierten Bassrhythmen des 70er-Discoboogie anspringen. Während der Soundtüftler in "Live In My Head" darüber staunen wird, wie mit ganz wenig Stimme, sparsamen Melodien und Rhythmen ein in sich rundes Stück getragen werden kann.

Als Instrumentalprojekt 1995 von Price und Adam Blake gegründet, haben sich Zoot Woman vom Synthiepop der achtziger Jahre inspirieren lassen. "Das Genre ist präsent in dem, was wir machen", sagt Sänger John, seit 1998 Bandmitglied. "Aber auch andere Jahrzehnte inspirieren uns." Schon der Opener ihres ersten Albums "It's Automatic" spielt mit dem klassischen Stilrepertoire eines Pop-Hits dieser Zeit: eingängige, naiv-melancholische Soundkompositionen, die aber dank John Blakes sanfter Stimme überformt pathetisch und damit fast schon wieder ironisch klingen. Auch für die Soundeffekte haben sich Zoot Woman aus der 80er-Retro-Kiste bedient: Blakes Stimme hallt durch die Aufnahme, sein Vierzeiler-Gesang wird dank Vocoder roboterhaft verzerrt. Doch die Band will mehr sein als ein Klon ihrer Vorbilder The Human League oder Duran Duran. "Um zu erschaffen, musst du zerstören", bringt es John Blake auf seine Formel. Zoot Woman eignen sich die Klangcharakteristik des Genres zwar souverän an, zerlegen es dann aber in seine Bestandteile und überführen es in eine neue Form.

Von der Studioband zum Live-Act

Auch in ihren aktuellen Singles geizen die drei nicht mit Achtziger-Bezügen. Gleichzeitig nehmen sie hier etwas Pop, dort etwas Punk ihren Elektrosound auf und fertig sind die clubtauglichen Kompositionen, die sich auch gut für Liveauftritte eignen. Seit ihrem letzten Album setzen sie verstärkt Schlagzeug, Bass und Gitarre ein. Diese Mischung aus elektronischen und instrumentalen Klängen verwässert die Grenzen zwischen den Stilen: Synthiepop? Gitarrenpop? Elektropunk? Was auch immer. John Blake, selbst "a massive fan of Depeche Mode", die für diese Stilmelange bekannt sind, beschreibt seine jüngsten Tourerfahrungen so: "Wir begannen zwar als eine Studioband, aber die Kombination aus Elektro- und Instrumentalmusik ist in den letzten drei Jahren wie ganz von alleine Teil unserer Songs geworden". Dass die Engländer auch richtig große Bühnen rocken können, haben sie 2007 auf dem Rock-am-Ring-Festival bewiesen. Auf ihrer Deutschlandtournee werden Zoot Woman daran gemessen werden, ob sie auch mit ihrem aktuellen Material am Puls der Zeit sind.