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Quotenrenner "Under the Dome" Grusel light für alle


Deutschland erlebt ein Fantasymärchen: Die US-Serie "Under the Dome" ist der Quotenhit von ProSieben. Es ist eine Art "Lost" für jedermann und demonstriert, wie eine US-Serie richtig präsentiert wird.
Von Gernot Kramper

Die US-Serie "Under the Dome" packt die Kleinstadt Chestermill unter eine Art Käseglocke – und beobachtet die Reaktionen der Gefangenen wie auf einem Labortisch. Über den Konflikten, die schnell zwischen den Bewohnern ausbrechen, thront die Glocke. Keiner weiß, woher sie kam, keiner weiß, was sie will. "Under the Dome" ist derzeit der Serienerfolg im deutschen Fernsehen. Mit der Rezeptur von Gruppendruck und Fantasy wurde die Serie schon den USA der Quotenhit des Sommers, die Rechte wurden rund um den Globus an über 200 TV-Sender verkauft.

Die Dosis macht es

Was ist das Geheimnis des Kuppel-Epos? Zuerst einmal hat der Sender ProSieben in Deutschland alles richtig gemacht. Von Anfang an wurde eine XXL-Portion TV-Grusel verabreicht: Anstatt jede Woche eine Folge auszustrahlen, gibt es die Kuppel im Dreier-Pack. Das reicht für einen satten Fantasy-Abend und entspricht den Sehgewohnheiten von DVD-Junkies, die eine ganze Staffel an einem Wochenende zu sich nehmen. Vielleicht ist das die ideale Sendeform der neuen, komplexen US-Serien. Warten nervt den modernen Zuschauer. Außerdem geht die Serie bei ProSieben taufrisch auf Sendung. In den USA endete die Staffel am 16. September, bei ProSieben schon 2. Oktober. Meist gilt eine Serie unter Insidern schon als alt, wenn sie im deutschen Free-TV läuft. Begeisterte Zuschauer stoßen dann im Freundeskreis auf ein ernüchterndes "kenne ich schon, war ganz nett". Dieses Problem gibt es bei "Under the Dome" nicht, zumal keine deutsche Version aus dem Pay-TV existiert.

Der Lohn der Mühe: Fast drei Millionen Zuschauer, das entspricht über 20 Prozent Marktanteil und liegt weit über dem Senderdurchschnitt, erreichte die Serie mit der ersten beiden Dreierpacks. Und selbst gegen die Champions League kamen drei weitere Folgen auf 16,5 Prozent Marktanteil. Angesichts der Sportkonkurrenz ein sehr guter Wert.

Simples Strickmuster

Die Serie basiert frei auf dem Roman "Die Arena" von Stephen King. Vom Buch wurden kaum mehr als ein Gerüst und die Grundidee übernommen. Dabei hat man offenbar die richtige Fantasymixtur gefunden. "Under the Dome" ist so in etwa die Light-Version von "Lost". Die Grundmotive sind ähnlich: Eine Gruppe ist auf sich gestellt, der Druck der ungewohnten Situation bringt das Beste und das Schlechteste in den Personen hervor. Und über allem thront eine unsichtbare, schwer zu greifende Bedrohung. Die Handlung folgt einigen Hauptpersonen – aber anders als in Lost kann man dem Geschehen unter der Kuppel leicht folgen. Die Handlung verwirrt sich nicht in einem Teppich von verschiedenen Zeitebenen. Vorteil: Auch Spätstarter können zuschalten und sind nicht komplett ratlos. Anders gesagt: Die Kuppel-Saga passt auch für einen Zuschauer, der sich keinen großen Kopf machen will, sondern sich nur unterhalten möchte.

Unter der Kuppel geht es anders als in vielen Pay-TV-Serien jugendfrei zu: Weder Gewalt, Grusel noch Sex schlagen über die Stränge. Daher läuft "Under the Dome" auch in der Primetime, und die ganze Familie kann mitgruseln. "Lost" dagegen war eine reine Erwachsenenserie. Für Teenies gab es auf der mysteriösen Insel nichts zu gucken, außer Liebesprobleme von verkorksten Typen, die ihre Eltern hätten sein können. "Under the Dome" denkt auch an die Zuschauer, die wirklich jung sind und sich nicht nur so fühlen. Die Älteren können der Liebesgeschichte von Ex-Soldat Dale 'Barbie' Barbara und Lokal-Reporterin Julia Shumway folgen und wissen dabei, dass die Romanze von der unschönen Tatsache überschattet wird, dass Barbie den Ehemann der Reporterin im Wald verscharrt hat, bevor sich die Kuppel herabsenkte.

Jungendliche in der Zielgruppe

Die Jüngsten folgen dem Pärchen Norrie Calvert-Hill und Joe McAlister. Sie ist krank und aufsässig, er wird von den Jungs der Sportmannschaft herumgestoßen. Die typischen sympathischen Außenseiterfiguren in jedem Highschooldrama. Bei Norrie und Joe geht es nicht um Leichen in einem Erdloch, sondern um das erste Mal. Während die Älteren immer weiter in einem Sumpf von Mord und Gewalt versinken, folgen die beiden Königskinder ihrer inneren Stimme und spüren wie im Märchen die Geheimnisse der Kuppel auf.

Der Massenerfolg ist kein Zufall, sondern Kalkül. Zunächst hat der TV-Sender CBS erwogen, aus dem King-Stoff einen anspruchsvollen Mehrteiler fürs Pay-TV zu machen, dann entschied man anders. Der Serienschöpfer Brian K. Vaughan, bekannt als Co-Autor von "Lost", sollte leicht zu konsumierendes Mainstream-Fernsehen liefern. Und das macht er auch. "Under the Dome" erfindet nicht das TV neu und liefert keine tiefgründigen Portraits, es ist aber vergnüglich und spannend anzusehen, weil es eine Mischung aus Erwartbarem und Unerwartetem auftischt. Dazu passt, dass auch mitten in der Apokalypse Dessous und Frisuren perfekt sitzen.

Wer die Serie verpasst hat, kann am 3. November um 21.45 Uhr einsteigen, dann startet der Pilot bei ProSieben FUN. Auf der Webseite von ProSieben gibt es die gesendeten Folgen als Stream.


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