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Letzte "Lost"-Staffel: Der "Hä?"-Effekt

Endlich wird die sechste und letzte Staffel von "Lost" auch im deutschen Free-TV gezeigt. Kaum eine Sendung hat den Zuschauer so erbarmungslos verwirrt wie diese bahnbrechende Mystery-Serie. Warum es großartig ist, Jahre lang mit jeder Folge weniger zu verstehen.

Von Ralf Sander

Bald kann ich wieder mit meinen Freunden reden, endlich. Bei uns herrscht nämlich Funkstille - zumindest, was das Thema "Lost" angeht. Einige haben die letzte Staffel dieser rätselhaften Mystery-Serie bereits im Frühjahr im US-Original gesehen. Doch da ich "Lost" auf Deutsch angefangen habe und es nicht mag, die Sprache in einer Serie zu wechseln, musste ich warten - und jedes Gespräch zum Thema abwürgen. Bis jetzt. Am Donnerstag beginnt auf Kabel 1 (22.15 Uhr) die finale Staffel. Wird das riesige Puzzle um die auf einer Insel gestrandeten Überlebenden des Flugs Oceanic 815 am Ende ein stimmiges Gesamtbild geben? Ich kann mir von einem fulminanten Finale bis zur totalen Enttäuschung alles vorstellen. Doch eines weiß ich jetzt schon: Die mehr als 4300 Minuten "Lost" werden keine Zeitverschwendung gewesen sein. Sondern großartiges Fernsehen, das - trotz Schwächen - die Grenzen des im TV Machbaren verschoben hat.

Schon der Pilotfilm vor fünf Jahren war beeindruckend aufwendig produziert: Die Absturzstelle des Flugs Oceanic 815 ist spektakulär in Szene gesetzt, gedreht an einem Strand auf Hawaii. Trümmer, Gepäckstücke und brennendes Kerosin überall. Und dann dieses riesige Flugzeug-Triebwerk, das aufgrund eines Kurzschlusses immer wieder anspringt und einen gefährlichen Sog entwickelt ... Rasant nimmt die Geschichte um die Gestrandeten ihren Lauf. Hinter jeder Palme lauern böse Überraschungen. Das wird ein spannender, gut gemachter Action-Spaß, dachte ich.

Eine Insel mit Charakteren

Doch nicht nur die aufwendige Produktion und die Action, auch die existenziellen Dramen, die sich dort abspielten, faszinieren: Schuld und Sühne, der Kampf zwischen Gut und Böse, der Widerspruch von Glaube und Wissenschaft. Mit den ganz großen Themen der Menschheit müssen sich die Überlebenden abmühen - wenn sie auf der Insel nicht gerade etwas zu essen suchen oder angegriffen werden. Facettenreiche Charaktere sind den "Lost"-Machern Damon Lindelof, Carlton Cuse und J. J. Abrams gelungen. Zum Beispiel John Locke (Terry O'Quinn), der von einer Lähmung geheilt wird, stirbt, von den Toten aufersteht und immer für eine Überraschung gut ist. Oder der knuddelige dicke Hurley (Jorge Garcia), der nach seinem Lottogewinn glaubt, allen Menschen Pech zu bringen. Dann ist da noch die wegen Mordes verurteilte Kate (Evangeline Lilly), die im abgestürzten Flieger auf dem direkten Weg in den Knast war und sich nicht entscheiden kann: Liebt sie Jack (Matthew Fox), den Arzt mit Vaterkomplex und Helfersyndrom? Oder Sawyer (Josh Holloway), sexy, skrupellos, ein Gauner, aber nicht von Grund auf böse. Ein sehr ansehnliches Trio Infernale bilden die drei. Ganz im Gegensatz zu meinem Lieblingscharakter: der schmächtige, kränklich wirkende Benjamin Linus. Er wird so oft verprügelt, dass er die meiste Zeit aussieht wie ein Pfund Hackfleisch. Dank der genialen Darstellung von Michael Emerson vergisst man aber nie, wie gefährlich Linus wirklich ist. Legendär sind die Konfrontationen zwischen Locke und Linus und die Kabbeleien zwischen Kate und Sawyer. Szenen, die in Erinnerung bleiben, weil gute Schauspieler gut geschriebene Charaktere mit Leben erfüllen. Das Menschelnde in "Lost" ist so überzeugend, dass es gleichberechtigt neben der Action und dem paranormalen Verblüffungs-Overkill der Serie bestehen kann.

Konzentration, bitte!

Der "Lost"-Zuschauer lernt Jack, Kate, Hurley und Co. nicht nur durch ihr Verhalten auf der Insel kennen. In jeder Folge wird in geschickt eingestreuten Rückblenden die Vorgeschichte eines anderen Charakters beleuchtet. Die Flashbacks dienen auf den ersten Blick nur der Entwicklung der Figuren, geben den Dämonen ihrer Vergangenheit ein Gesicht. Doch dann zeigen sich frühere Verbindungen zwischen den Personen, die nur scheinbar zufällig im selben Flugzeug gesessen haben. Manche bereits bekannte Szenen werden aus einem anderen Blickwinkel gezeigt - und bekommen plötzlich eine völlig andere Bedeutung. Mit solchen erzählerischen Kniffen, Perspektivwechseln und Bezügen zu früheren Folgen wird in "Lost" so virtuos jongliert, wie man es im TV bisher nicht gesehen hat. Später in der Serie wird auch noch munter in die Zukunft geblickt, und einige Inselbewohner finden sich plötzlich 30 Jahre in der Vergangenheit wieder. Höchste Konzentration ist oberste Zuschauerpflicht - wer eine Folge verpasst, ist verloren. Aber wenn sich plötzlich Puzzleteile zusammenfügen und aus dem "Hä?"-Effekt ein "Aha"-Effekt wird, ist das ein tolles Gefühl.

Dabei sind die erzählerischen Kapriolen nicht das Komplizierteste an der Serie. Das Mysterium von "Lost" ist inzwischen unfassbar. Zeitreisen, Paralleluniversen, schwarze Rauchmonster, tote Eisbären im Dschungel, die ständig auftauchende Zahlenreihe 4-8-15-16-23-42, wiederauferstandene Menschen, unsterbliche Menschen - und wieso tragen so viele Serienfiguren die Namen berühmter Philosophen? Jede Antwort - wenn sie denn überhaupt gegeben wird - wirft neue Fragen auf. Die Bereitschaft der "Lost"-Macher, die Menschen vor dem Fernseher zu verwirren und zu provozieren, scheint grenzenlos. Und das beschäftigt echte Fans auch im wahren Leben: In der "Lostpedia" haben Serienjunkies einen ungeheuren Schatz an "Lost"-Wissen zusammengetragen. Sie diskutieren in Fanforen die Rätsel der Serie, aber auch in der Kaffeeküche im Büro. Die Faszination bleibt in der Zeit zwischen den Folgen, sogar zwischen den Staffeln erhalten.

Wichtiges Wagnis!

Die "Lost"-Macher haben viel gewagt und gewonnen - und natürlich auch mal daneben gegriffen. Ob die Autoren wirklich bei jeder Drehung und Wendung der Geschichte wussten, wohin sie führen soll, ist eines der größten Rätsel von "Lost". Besonders in der Mitte der Serie tauchten verwirrend viele neue Figuren auf und verschwanden wieder. Das war zu viel des Guten. Dennoch: Lindelof, Cuse und Abrams sind das Wagnis eingegangen, eine über Jahre fortlaufende Mystery-Geschichte zu erzählen, eine Vielzahl an Hauptfiguren - 14 allein in der ersten Staffel - zu pflegen und dem Zuschauer viele komplexe und verwobene Handlungsstränge vorzusetzen. Dieser Mut hat komplizierte Serien wie "Heroes" und "Flash Forward" erst möglich gemacht - zugegebenermaßen mit gemischtem Erfolg. Aber dank "Lost" trauen sich die Fernsehmacher mehr als vorher. Das ist gut.

Ich will nun endlich wissen, welche der zahlreichen losen Enden von "Lost" am Ende zusammengefügt werden und was ewig im Dunkeln bleiben wird. Und ich wüsste gerne, was meine Freunde mir erzählen wollten, als ich ihren Ausspruch "Die Folge gestern von 'Lost' war ja wieder ..." regelmäßig mit "Ich will nichts hören" abgeschnitten habe.

"Lost" läuft donnerstags auf Kabel 1 um 22.15 Uhr in Doppelfolgen

P.S: Die Fans warten schon lange gespannt auf die letzte Staffel von "Lost". Geht es Ihnen auch so? Oder können Sie mit der rätselhaften Serie nichts anfangen? Diskutieren Sie mit auf der Facebook-Seite von stern.de.

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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo