HOME

Letzte Staffel "24" startet: Jack Bauer hat fertig

Nach den Anschlägen vom 11. September meinten wir, Jack Bauer dringend nötig zu haben. Doch am Ende des Jahrzehnts hat der "24"-Held ausgedient - es wurde aber auch Zeit. Kabel 1 zeigt ab Montag die achte und letzte Staffel.

Von Sophie Albers

Er hat alles überstanden: Atombombenexplosionen, Flugzeugabstürze, Heroinsucht, den Tod seiner Frau und auch die ganz realen Vorwürfe, die Serie würde für Folter werben. Für Jack Bauer waren körperliche und seelische Wunden aller Art immer spätestens nach einem Tag vergessen. Nur gegen die Macht der Controller kann auch der härteste Spezialagent in der Popkultur nichts ausrichten.

Nach der Produktion von 194 Episoden in acht Staffeln und einer Quote im Sinkflug bei steigenden Kosten (im Durchschnitt fünf Millionen Dollar pro Folge) hat der US-Sender Fox seinen Serien-Hit "24" abgeschrieben. Im Mai wurde die gnadenlos tickende Uhr angehalten. Ab dem 4. Oktober ist die finale Staffel auch im deutschen Free-TV auf Kabel 1 zu sehen. Nun ist endgültig Schluss mit dem "politisch unkorrekten" Klingelton, der es sogar auf das Handy von "taz"-Redakteuren geschafft hat und mit Serienhelden, die nie aufs Klo gehen - außer sie müssen geheime Telefonate führen.

Es wurde aber auch Zeit.

Bewegungslos gebotoxte Blondine

Am Ende einer Traumkarriere und neuneinhalb Jahren on the air gleicht der Serienhit einer bewegungslos gebotoxten Blondine. Jack Bauer ist definitiv nicht in Würde gealtert. Jack Bauer war so begeistert von sich selbst, dass er gar nicht bemerkt hat, dass die Welt ihn und seine Attitüde nicht mehr braucht.

Sein ewig gequälter Gesichtsausdruck ist Ikone einer vergangenen Ära, der Zeit der Bush-Regierung. Der kleine, dralle, blonde Mann, der nur mit gezogener Waffe entspannen kann, ist ein popkulturelles Sinnbild der diffusen Ängste nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und der Versuch, möglichst schnell mit ihnen fertig zu werden. Dank "24" ließ sich der propagierte "Krieg gegen den Terror" auch vom Sofa aus führen - mit Chipstüte im Schoß. Er war plötzlich so schön einfach: Jack ist gut, die anderen böse. Und diese digitale Aufteilung gab dem Guten alle Freiheiten: "Sie werden mir sowieso sagen, was ich wissen will, es kommt nur darauf an, wie viel Schmerz sie dabei ertragen wollen", lautet das immer schlagende Argument. Jack Bauer erledigte die Drecksarbeit der Terroristenjagd, die der "24"-Fan und damalige US-Vizepräsident Dick Cheney für dringend notwendig hielt.

Der erste schwarze Präsident vor Obama

Seit dem 6. November 2001 jagte der Agent mit den James-Bond-Initialen, aber ohne dessen Eleganz, Terroristen, die die USA bedrohen, die Flugzeuge, ganze Städte oder auch das Weiße Haus in die Luft jagen, mit Giftgas einnebeln oder verseuchen wollen. Er deckte Angriffspläne und Verschwörungen auf, rettete den ersten schwarzen US-Präsidenten, als Barack Obama noch ein Unbekannter war. Ein paar Staffeln später folterte er einen neuen Herren des Weißen Hauses, der als Doppelgänger von Richard Nixon durchging. Jack Bauer kannte keine Gnade, nur seine eigene flexible Moral, und zeigte beim Foltern zuweilen Fantasie, die auch in "Saw" Platz finden würde. "Ich kann Sie unter größeren Schmerzen krepieren lassen, als Sie sich vorstellen können."

Jack Bauers Durchmarsch mit Tunnelblick befriedigte lange Zeit ein Gefühl, das mehr Menschen empfanden, als sie wohl zugeben würden. Doch so wie die Zeiten sich nach 9/11 geändert haben, taten sie es auch im neuen Jahrzehnt. Bush ist weg, wir kennen die Bilder aus Abu Ghraib, Barack Obama ist der große Hoffnungsträger einer toleranteren Welt, und selbst der Dümmste hat hoffentlich mittlerweile begriffen, dass nicht jeder Muslim ein gewaltbereiter Islamist ist. Die Menschen sind der Hysterie tatsächlich müde geworden. Der Krieg in Afghanistan ist noch immer weit weg. Eine Abiturientin, die für Deutschland beim Eurovision Song Contest singt, interessiert mehr als ein blutig verschwitzter Folterexperte.

10 bis 15 Millionen Zuschauer

Natürlich stirbt Jack Bauer trotzdem nicht. Dazu bringt die Figur schlicht zu viel Geld. Über Jahre hinweg hat "24" 10 bis 15 Millionen Zuschauer angezogen. Das füllt auch noch bei sinkenden Zahlen die Kassen. Deshalb sei ein Kinofilm in Arbeit, und es werde über mehrere Spin-Offs nachgedacht, heißt es. Wann ist allerdings noch völlig unklar. Dieses letzte Ausquetschen des Phänomens Jack Bauer zielt auf die Fans. Aber was bleibt von "24" in einer Welt, die sich weitergedreht hat?

Das Realtime-Format (60 Minuten in der Serie entsprechen 60 Minuten Filmhandlung - mehr oder weniger), die Splitscreens und die einsaugende Dynamik haben Standards gesetzt und das Medium Fernsehen ein ordentliches Stück vorangetrieben. Nach David Lynchs brillantem Werk "Twin Peaks" (1990 bis 1991) gehörte "24" im neuen Jahrtausend zur Avantgarde von Serien wie "Lost", "Die Sopranos" und "Prison Break", deren Mut zur dramaturgischen Innovation sie zur Konkurrenz von Kinofilmen gemacht hat.

Für Jack-Bauer-Darsteller Kiefer Sutherland war die Serie zudem die Wiederbelebung einer fast aufgegebenen Karriere. Ganz ähnlich wie bei "Sex and the City"-Star Sarah Jessica Parker und diversen anderen Filmschauspielern, die den lange Zeit als Abstieg geltenden Schritt ins Fernsehen gewagt haben. Und dann ist da noch dieser schnarrende Klingelton der CTU - jedenfalls auf meinem Telefon.

Die finale, achte Staffel von "24" ist ab dem 4. Oktober auf Kabel 1 immer montags um 22.15 Uhr in Doppelfolgen zu sehen. Für Menschen mit weniger Geduld gibt es die DVDs zu kaufen.