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"Tatort"-Kritik: Spannung geht anders - dafür gab's Gänsehaut

Zum Auftakt der neuen "Tatort"-Saison sind die Luzerner Ermittler Flückiger und Ritschard in "Es wird gerichtet“ einem Serienkiller auf der Spur  - die Spannung bleibt zwar auf der Strecke - Gänsehaut gibt's trotzdem.

Von Larissa Schwedes

Tatort Luzern

Machen im ersten "Tatort" nach der Sommerpause keine gute Figur: Liz Ritschard und Reto Flückiger.

Zwei junge albanische Autohändler liegen auf der Straße, kaltblütig exekutiert mit gezielten Kopfschüssen. Was blutig anfängt, geht ebenso weiter. Dieser Krimi spart nicht mit zerfetzten Gesichtern in Nahaufnahme: Am nächsten Tag wird ein Treuhänder auf offener Straße mit der gleichen Tatwaffe niedergeschossen.

Der Heckenschütze arbeitet hochprofessionell und sorgfältig, von der Schussposition bis zum Alibi ist alles minutiös geplant. Wenige Minuten nach dem Attentat steht der Killer Simon Amstad (großartig: Antoine Monot jr.) schon freundlich lächelnd seiner Nachbarsbäckerin gegenüber und bestellt mit makabrer Gelassenheit Brioches und Croissants.

Keine Chance für Rätselspiele

Nicht nur seine Identität, sondern auch das Motiv des Täters ist schnell bekannt. Liz Ritschard (Delia Mayer) entdeckt, was die Opfer verbindet. Alle drei sind straffällig geworden, doch ihre Prozesse lassen seit Jahren auf sich warten.

Selbstjustiz heißt das große Thema, dem sich der Drehbuchautor Urs Bühler gewidmet hat. Das ruft viele weitere potenzielle Opfer auf den Plan der Ermittler: Vergewaltiger, Bankräuber, Organhändler - alle freien Fußes unterwegs. Sie müssen gewarnt werden.

Schwacher Auftritt von Ritschard und Flückiger

Nicht nur diese Pflicht treibt Ritschard und den Kollegen Reto Flückiger (Stefan Gubser) an ihre Grenzen, sowohl psychisch als auch personell. Polizei-Chef Eugen Mattmann (Jean-Pierre Cornu) stellt dem Duo eine eigene Task Force zur Seite. Doch auch mit Verstärkung ist die Polizei maßlos überfordert. Der Killer ist immer schon einen Schritt voraus, das ist der rote Faden dieser Folge.

Der Plot dümpelt vor sich hin wie die beschauliche Stadt Luzern: Schön anzusehen? Ja. Aufregend? Eher weniger. Nach gut 40 Minuten sind alle wichtigen Fragen geklärt, die zweite Hälfte ist reserviert für das Katz-und-Maus-Spiel. Die Kommissare lassen sich fast willenlos vom Täter an der Nase herumführen. Wie gewohnt gibt sich das Duo sympathisch, menschlich und besonnen, doch an den Sherlock-Qualitäten von Ritschard und Flückiger kommen bei ihrem achten gemeinsamen Fall Zweifel auf.

Psychische Abgründe tun sich auf

Interessanter ist die dunkle Psyche des gerechtigkeitsgetriebenen Killers. Posttraumatische Verbitterung, durch die der Glaube an den Rechtsstaat erschüttert wurde - so die Diagnose des Londoner Profilers. Tatsächlich: Amstads Frau Karin (Sarah Hostettler) ist von ihrem Chef vergewaltigt worden. Seither spricht nicht mehr mit ihrem Mann und verlässt kaum das Haus, die Ehe ist zerrüttet. Nur über ein Babyphone lauscht er in seiner Killer-Werkstatt heimlich ihrer Stimme, er ringt um Fassung, Zigarettenrauch mischt sich mit Tränen.

Amstads Wandel ist der Grund, weshalb Abschalten keine Option ist: Von seinem Freund Simic (Misel Maticevic) überrascht, bringt er diesen in einem Anflug von Verzweiflung um. Die akribische Perfektion seiner Taten ist dahin, wilde Kugelhagel fordern falsche Opfer. Das rohe Morden löst Entsetzen aus, und doch gibt der ausgeprägte Wunsch nach Gerechtigkeit dem Killer menschliche, fast schon sympathische Züge.

Es bleibt nur Staunen und Schweigen

Die Fassungslosigkeit über das Justizversagen ist ansteckend. Regisseur Florian Froschmayer hat mit seiner fünften "Tatort“-Folge eine Täterstudie geschaffen, die Gänsehaut auslöst. Ritschard und Flückiger können nur noch tatenlos betrachten, welches blutige Stillleben die Feder der Selbstjustiz gezeichnet hat.

Wer den großen Knall zum Saisonauftakt erwartet hat, mag enttäuscht sein. Doch nach den ruhigen Sommermonaten darf der Adrenalinspiegel ja auch ruhig etwas behutsamer ansteigen.