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"Anne Will"-TV-Kritik: Stoiber + Sido = Gestammel

Warum drehen Jugendliche in Berlin und London durch? Anne Will, vom Politik-Talk am Sonntag vertrieben, versucht es nun mit gesellschaftlichen Themen. Und legt einen glatten Fehlstart hin.

Von Caspar Schlenk

Wo sonst Männer wie Sarrazin oder Lafontaine saßen, hibbelt an diesem Abend Sido bei Anne Will und nippt an seiner Cola. Der Berliner Rapper ist Teil des neuen Konzeptes nach der Sommerpause: neuer Sendeplatz, weichere, eher gesellschaftspolitische Themen, gemütliche Sessel, sogar niedrige Couchtische zieren nun das Studio.

"Hab' kein Wort verstanden", unterbricht Sido irgendwann und beschreibt die sehr beliebigen 75 Minuten Streitgespräch zum Thema "Wut im Bauch" damit ganz gut. Sind die Computerspiele Schuld, dass Jugendliche in London plündern und in Berlin Autos anzünden? Oder fehlende Bildung? Oder gar der Raubtierkapitalismus? Der Talk kratzt nur an der Oberfläche des Problems, obwohl die Gäste selbst mit ihrer Biografie das Unbegreifliche begreifbar machen sollen.

Raue und Sido

Tim Raue, Sternekoch und Kreuzberger Gangmitglied a.D. soll aus dem Nähkästchen plaudern. Raue aber sieht in der Wut einen "Motor" für seinen Erfolg. In den Schlägereien seiner Gang habe er sich lediglich "versucht zu messen". Für die Schläge seines Vaters sei er fast "dankbar", da sie seinen Ehrgeiz antrieben.

Die Erklärung, die Will und Raue für das heutige Elend liefern, ist pauschal: Jugendliche lebten nur noch online und die Gewalt in den Spielen produziere neue Gewalt - ein nicht eben origineller Gedanke. Verzweifelt versucht Anne Will das Thema zu personalisieren und schlägt nun den Bogen zum zweiten Ghetto-Gast, dem Rapper Sido. Fehlschlag: Sido verteidigt seine Mutter. Für sie hat er den Song "Mama ist stolz" komponiert. Schuld für seinen Absturz seien die "wirtschaftlichen Verhältnisse" und der Staat.

Ferres an der Front

Ein weiteres tragisches Schicksal muss her! Veronica Ferres, Tochter eines Kohle- und Kartoffelhändlers, litt als "Arbeiterkind" unter Ausgrenzung. Sie selber findet das alles halb so wild, auch Ferres hat ihre "Autoaggression" in ihre Karriere gesteckt. Zum Glück hat die Schauspielerin aber ihren neuen Film "Sie hat's verdient" im Gepäck, der genau zum Thema passt. Ein junges Mädchen aus "guten Verhältnissen" schlägt ein anderes Mädchen tot. Blöd nur für die Diskussion: "Der Film kann keine Lösungen anbieten". Schuld wolle sie mit dem Film auch niemandem zuweisen, dafür sei das Problem einfach "zu komplex".

Seltsam, denn für Veronica Ferres selbst sind die Dinge offenbar nicht zu komplex. Anders ist der gedankliche Parforceritt nicht zu erklären, den sie innerhalb weniger Minuten absolviert: Von Winnenden über friedliche tibetische Mönche kommt sie umstandslos es zu den "Riots" in London. Ihr Fazit: "Wir züchten uns eine Generation, die in den Mülleimer fällt." Damit nicht genug, eine "Bürgerkriegsgeneration" stehe uns bevor. Bei den Krawallen in London war sie übrigens dabei. Also in einem Hotel, das in einem betroffenen Vierteln lag. Nun ja.

Fingerhakeln mit Stoiber

Zumindest ein Gedanke hätte das Potential gehabt, die Diskussion von dem sattsam bekannten Ratschlag "Wir brauchen intensive frühkindliche Erziehung" wegzubringen. Es ist die These eines Wissenschaftlers: Der Raubtierkapitalismus habe mit seiner Maßlosigkeit die Plünderungen in London befördert. Edmund Stoiber, nicht eben für klare Worte bekannt, soll Stellung beziehen. Die Gewalt dürfe nicht nur "gesellschaftlichen Problemen zugeordnet" werden, widerspricht er. Kurz geißelt er den Raubtierkapitalismus dann doch noch. Aber in England sei alles eh' noch schlimmer als in Deutschland - wegen des defizitären Sozialsystems und der "spezifischen Situation" der Einwanderer. Tacheles zu reden ist immer noch nicht seine Stärke. Eine weitere Fehlbesetzung in der Runde.

Sein Gegenspieler Publizist Christian Nürnberger versucht es endlich mit Argumenten. Das Geld für gute Bildung und Jugendarbeit sei bei den Bankenrettungen versenkt worden. Augenscheinlich hat der Sozialdemokraten Nürnberger allerdings noch eine Rechnung mit Stoiber offen und versucht den ehemaligen CSU-Politiker für die Misere verantwortlich zu machen. Während sich die beiden in der einen Ecke streiten, übernimmt Sterne-Koch Raue in der anderen die Moderation für die überforderte Anne Will.

Lose Enden

Nach der erste Runde ist klar: Anne Will hat einen glatten Fehlstart hingelegt. Es ist nicht gelungen, ein gesellschaftliches Thema über die Biografien der Gäste aufzuschlüsseln und der Debatte damit Anschaulichkeit und Farbe zu geben. Und die Moderatorin hat, wie auch in ihren Polit-Talks, Schwierigkeiten, die losen Enden des Gesprächs zusammenzubinden. Aber Veronica Ferres darf ihren Film promoten.

In der Werbung für ihren neue Sendeplatz sieht man Will, wie sie am Sonntag entspannt frühstückt, die Pflanzen gießt und am Abend mit Popcorn vor dem Fernseher liegt. "Der Sonntag gehört jetzt wieder mir" lautet der selbstironische Slogan. Die Moderatorin wird sicherlich am Sonntag, den 11. September vorm Fernseher liegen und Günther Jauch bei seiner ersten Talkrunde - auf ihrem alten Sendeplatz - zuschauen. Nicht mit Popcorn, sondern mit Wut im Bauch.