"Bräuteschule 1958" Aus Frau mach Hausfrau


Zurück an den Herd - und das auch noch freiwillig! Zehn Mädels kochen, wienern und bügeln für die ARD in der "Bräuteschule 1958".
Von Inga Leister

Die Kohlrouladen schwarz gekokelt, die Kartoffeln kalt: Ist ja auch kein Wunder, dass die jungen Damen mit Pfannen und Töpfen zu kämpfen haben. Schließlich haben sie ihre Zeit bislang nicht hauptsächlich in der Küche verbracht, sondern in der Schule, an der Uni oder bei der Arbeit. Und jetzt hat das Fernsehen sie für eine Serie in die 50er Jahre verfrachtet. Die "Bräuteschule 1958" folgt dem Motto: Aus Frau mach Hausfrau! Nicht fürs Leben lernen die Mädels im Internat, sondern für die Ehe. Über 16 Folgen Gegenemanzipation dürfen Zuschauer sich ab dem 9. Januar dienstags bis freitags ab 18.50 Uhr wundern.

Das Erste hat eine Eva-Herman-seligmachende Vergangenheit zusammen gebastelt - "postfeministischer Feldversuch" grollte da schnurstracks die "Emma". Trotzdem bewarben sich mehr als 10.000 Mädchen zwischen 17 und 23. "Kochen, Backen, Nähen - das waren alles nicht so meine Sachen. Sonst hätte ich sie niemals gelernt", begründet Braut Nadja ihren Schritt zurück. Im Jahr 2007 studiert sie Wirtschaftsrecht, vom Heiraten ist die 22-Jährige noch weit entfernt.

Benimm und Standardtanz

Im Vergleich zum Bräuteinternat wäre jeder Kochkurs allerdings ein Strandspaziergang gewesen: Angesichts der Kälte der Oberlehrerin drohen die Tränen der Mädels zu Eiszäpfchen zu gefrieren. Wenn die Decke nicht glatt liegt, wird das Bett eben noch mal gemacht. Und noch mal. Und noch mal. Auf dem Stundenplan stehen Benimm, Haushaltsführung, Standardtanz. Da ist nicht viel mit Rock'n'Roll - und die Petticoats haben auch nur ein Mal in der Woche Ausgang. Das Internat ist eine Horror-Show, deren Hauptdarsteller Ordnung, Anstand und Disziplin heißen. Mehr als einmal in der Woche Haare waschen ist nicht drin, Telefonieren auch nicht öfter. Gleichberechtigung? Pustekuchen! Dem Hausmeister und seinen beiden Gehilfen wird bei Tisch jeder Krümel hinterher getragen. "Erfreue deinen Mann mit Anmut und Eleganz" bewirbt der Sender die Serie. Eine eigene Meinung passt da überhaupt nicht ins Fernsehbild.

Spaß und Verzweiflung

Doch, auch Spaß haben die Bräute, wenn sie zum Beispiel einmal in der Woche den strikten Tagesplan mit einem Besuch in der Milchbar krönen. Aber es ist vor allem die eigene Verwunderung und die Verzweiflung der Protagonistinnen, die den Zuschauer vorm Bildschirm halten.

"Wir wollten wissen, was passiert, wenn wir die Mädchen vor einem historischen Hintergrund mit ihrer Rolle als Frau konfrontieren", sagt Regisseurin Susanne Abel. Ob gewollt oder nicht: Die Serie hat einen pädagogischen Effekt, Schulfernsehen anders herum. Die Mädchen bekommen den Wert der Emanzipation am eigenen Leib zu spüren, eingeschnürt in Mieder und Schuluniform. Wer den Drill der falschen Fünfziger am Bildschirm verfolgt, denkt bei dem Wort "Emanzipation" nicht mehr automatisch an unrasierte Trägerinnen von lila Latzhosen. Allein deshalb war die Zeitreise eine gute Idee.

Überhaupt vermittelt die "Bräuteschule 1958" nicht den Eindruck, das Erste wolle Deutschlands Frauen zurück an den Herd schicken und jedes Weib zum Muttertier machen. Dafür gibt es viel zu viele Tränen. "Für mich war das einfach ein Experiment", sagt Nadja. "Ich finde nicht, dass man deshalb die Zeit zurückdreht. Frauen sind heute emanzipiert genug, um auch so was mitzumachen." Spätestens nach der Bräuteschule wissen sie auch, wie emanzipiert.


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