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TV-Kritik

"Bundespolizei live": "Wir geben zur nächsten Kontrolle" – Kabel Eins' Grenz-Konferenz ist dröge, aber bestes Slow-TV

 "Bundespolizei live – Großkontrolle an der Grenze" bei Kabel Eins war ein TV-Experiment mit ungewissem Ausgang. Doch es ist gut ausgegangen, trotz – oder vielleicht sogar wegen – zweieinhalb Stunden, in denen wenig passierte.

"Bundespolizei live – Großkontrolle an der Grenze": Moderator Tommy Scheel und Beamter Frank Wittig

Führten durch "Bundespolizei live – Großkontrolle an der Grenze": Moderator Tommy Scheel und Beamter Frank Wittig

Es verging fast eine Stunde, bis Moderator Tommy Scheel die Frage stellte, die sich bis dahin auch viele Zuschauer gestellt haben dürften: "Wofür macht Kabel Eins das eigentlich?" Die Antwort gab er sich selbst: "Weil es uns ein Anliegen ist, die Arbeit der Polizei unverfälscht zu zeigen." Bundespolizist Frank Wittig, der dem Moderator als Experte zur Seite gestellt wurde, konnte da nur noch nickend zustimmen: "Ich denke, das wird 'ne ganz interessante Nummer."

"Das hat Deutschland noch nicht gesehen." So kündigte Kabel Eins sein Fernsehexperiment "Bundespolizei live – Großkontrolle an der Grenze" an, für das der Sender seine Primetime am Mittwoch für fast zweieinhalb Stunden freiräumte – und damit direkt gegen den ZDF-Fahndungsklassiker "Aktenzeichen XY ... ungelöst" antrat.

"Bundespolizei live" mit großem Aufwand produziert

Das Konzept: Der Sender begleitete eine Großkontrolle der Bundespolizei auf einem Autobahnrastplatz bei Görlitz live und ungeschnitten. Mehrere Kamerateams waren im Einsatz, eine Drohne schwebte über der Kontrollstelle und Moderator Scheel und Beamter Wittig kommentieren das Ganze aus einem kleinen Pavillon am Rande des Geschehens, und zwar alles live. (Wobei, wie der Sender erklärte, die Übertragung einige Minuten zeitversetzt ausgestrahlt wurde, um etwaig notwendige Verpixelungen vornehmen zu können.) Rund 200 Beamte sollen im Einsatz gewesen sein, von der Bundespolizei, von der sächsischen Landespolizei und polnische Kollegen. Ein wenig ist das Format vergleichbar mit der Konferenzschaltung an Bundesliga-Spieltagen – aber es stellte sich schnell heraus: Ganz so spannend wie auf dem grünen Rasen ging es an der Kontrollstelle nahe der grünen Grenze selten (eigentlich gar nicht) zu.

Zwar bemühten sich die Macher, zum Beispiel aus der Entdeckung eines Pfeffersprays in einem Auto effekthascherisch einen Verdacht auf einen Waffenfund zu konstruieren oder den Transport von gebrauchten Autoreifen in einem Mittelklassewagen zu einem Diebstahlverdacht hochzujazzen, aber – so viel sei verraten – wirklich fesselnd waren die Kontrollen über die gesamte Sendezeit nicht.

Aber das brauchte es auch nicht. Die große Ereignislosigkeit machte den Charme von "Bundespolizei live" aus. Die Arbeit der Beamten wurde ungeschönt und eins-zu-eins gezeigt und die Livereportage hob sich damit wohltuend ab von den auf Spannung und Dramatik getrimmten Polizeidokus bei Kabel Eins und anderswo – und auch von den viel Action versprechenden Nachwuchswerbespots der Polizeibehörden landauf, landab.

"Ich höre gerade, wir geben zur nächsten Kontrolle." Immer wieder unterbrach Moderator Scheel den Beamten an seiner Seite, während der wahlweise über den "Unterabschnitt Folgemaßnahmen", "grenzpolizeiliche Erfahrungswerte" oder  "pflichtgemäßes Ermessen" referierte. Dann: Schalte zu einem der Kamerateams und Polizisten an den Kontrollstellen erklärten den Zuschauern, während sie kontrollierten, was sie tun. Nämlich kontrollieren. Mal ging es um einen fehlenden Personalausweis, mal um möglicherweise gefälschte Kennzeichen, mal um eine abgelaufene Versicherung. Oft aber auch um gar nichts. Alles weitgehend harmlos, Banalitäten, bestenfalls skurill. Der größte Erfolg war die Entdeckung von 380 Litern Diesel, die ein polnischer Autofahrer in Kanistern und Plastikflaschen im Kofferraum transportierte. Ein Verstoß gegen die Gefahrgutverordnung, soviel ist mal klar. Die zuständige Behörde übernimmt die weiteren Ermittlungen. Doch den von den Doku-Machern in den Raum gestellten Verdacht auf Diebstahl des Kraftstoffs wollten die Beamten nicht bestätigen, einen solchen zu beweisen wäre offenbar auch schwer gefallen. 

Unaufgeregt gingen alle Beteiligten zu Werke, mit Ausnahme des Moderators, der den ganzen Abend auf eine Sensation zu hoffen schien und mit zum Teil geradezu kindlicher Naivität Fragen an Bundespolizist Wittig stellte ("Ach, Smartphones haben Sie auch schon?"). Warum aber offenbar fast nur Osteuropäer in den Fokus gerieten und kontrolliert (oder zumindest gezeigt) wurden, war eine von möglichen kritischen Fragen, die dagegen nicht zur Sprache kam.

Entschleunigungs-TV plus Aufklärung

Und dennoch: Trotz einiger Schwächen ging das Konzept von Kabel Eins auf. "Bundespolizei live" war ein unverstellter Blick in den deutschen Alltag: Ein wenig dröge, aber wenigstens hat alles seine Ordnung. Zweieinhalb Stunden allerbestes Slow-TV, Berieselung, Entschleunigung. Ein ähnliches Format könnte man sich ebenso aus dem Supermarkt, vom Bahnhof oder aus dem Rathaus vorstellen. Eben von überall dort, wo die Dinge so ihren unspektakulären Lauf nehmen.

Unterm Strich ist der Sendung zudem tatsächlich etwas gelungen, was vielleicht manchmal zu kurz kommt: Über die Arbeit der Polizei aufzuklären, ein wenig Transparenz zu schaffen. Das war auch den – wenn er denn ausreden durfte – Ausführungen von Polizist Wittig zu verdanken, der, stets ohne eine Miene zu verziehen, Hintergründe erklärte oder die Arbeit der Beamten an den Kontrollstellen einordnete. Die Bundespolizei jedenfalls dürfte das Format als erfolgreiche PR verbuchen.

"Ich weiß zwar nicht, was hier los ist, aber hier ist 'ne Menge los", bilanzierte Moderator Scheel zwischenzeitlich und drüben bei Twitter schrieb jemand "Irgendwie interessant. Irgendwie spannend. Irgendwie langweilig." Alltag eben.

Gerne wieder, Kabel Eins!

"Bundespolizei live – Großkontrolle an der Grenze" können Sie bei Kabel Eins noch einmal sehen.