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"Courage-Bambi" für Tom Cruise: Würde unter Druck

Über Tom Cruise' Verkörperung des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg wird man diskutieren können, wenn der Film "Valkyrie" ins Kino kommt - die Vorab-Auszeichnung des Hollywood-Stars und Scientologen für seine Rollenauswahl aber mutet doch sehr seltsam an.

Von Peter Luley

Es gibt ein paar Setfotos, die Tom Cruise bei den Dreharbeiten zu seinem neuen Filmprojekt "Valkyrie" zeigen: Angetan mit einer schmucken Augenklappe ist er in der Rolle des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg mal allein zu sehen, mal inmitten seiner Darsteller-Kollegen Kevin McNally, Christian Berkel, Bill Nigby, Terence Stamp, David Schofield und Kenneth Branagh. Man erinnert sich an die Querelen, die es im Sommer um die zunächst verweigerte und dann doch erteilte Drehgenehmigung im Berliner Bendler-Block gab, und an allerlei Boulevard-Spekulationen über private Unternehmungen von Cruise und Gattin Katie Holmes in Berlin. Gesehen aber hat den von Regisseur Bryan Singer inszenierten Film, der nächsten Sommer ins Kino kommen soll, noch niemand.

Schon allein deshalb mutet die Entscheidung des Verlagshauses Burda, dem Mimen für seine Rolle quasi vorab einen Bambi zuzusprechen, höchst merkwürdig an - ganz zu schweigen von der dafür gewählten Kategorie "Courage", die wohl dem Durchsetzungsvermögen des auch als Mit-Produzent firmierenden Darstellers huldigen sollte.

Wer aber gestern die Cruise-Laudatio von "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher miterlebte, kam aus dem Staunen nicht mehr raus: Derart devot pries da der Journalist den bekennenden Scientologen - also den Anhänger einer in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachteten Sekte, die nicht für demokratische Strukturen berühmt ist -, dass der Umstand, dass Schirrmacher den Dreh recht nah begleiten durfte, als Erklärung kaum mehr zu reichen scheint. Womöglich war es die Aussicht darauf, einen deutschen Widerstandshelden in Star-Kino-Form verewigt zu sehen, die eine Art patriotische Dankbarkeit in ihm befeuert hat.

Hätte noch gefehlt, "Top Gun" als Antikriegsfilm zu bezeichnen

Kein Titel, weder Geschäftsführer noch Vorstandsvorsitzender noch Präsident, sei groß genug gewesen für Cruise, als der vor über einem Jahr "United Artists" übernommen habe, fabulierte Schirrmacher, weshalb der Mime das Studio jetzt ganz einfach unter seinem Namen leite. In Cruise' Karriere sei es immer nur nach oben gegangen, nie abwärts; selbst Misserfolge an der Kinokasse seien keine Niederlagen, sondern "ganz bewusste Entscheidungen" für unpopuläre Themen gewesen. Schirrmacher fühlte sich durch Cruise' Umgang mit den gegen ihn gerichteten Angriffen gar an das Hemingway-Wort von "Grace under Pressure", also der "Würde unter Druck", erinnert. Hätte nur noch gefehlt, dass er "Top Gun" als Antikriegsfilm bezeichnet hätte. Die Prämierung Cruise' empfand er jedenfalls "auch als mutig, ja zwingend".

Betretenes Schweigen nach rhetorischen Kraftakten

Getoppt werden konnte dieser Auftritt natürlich nur noch von einem: Cruise selbst. Fast eine Viertelstunde erging sich der Umstrittene in einem Monolog über seine warmherzige Begrüßung in Deutschland, seine schwierige Kindheit und Werte wie Mut und Leistungswillen, die ihm seine Eltern vermittelt hätten.

Dass sich nach zwei derartigen rhetorischen Kraftakten die Zuschauer im Saal nicht zum Applaus erhoben, mag ein Indiz für das gewisse Unbehagen sein, das bei vielen im Publikum geherrscht haben dürfte. Doch schon der bloße Beifall der anwesenden Granden aus Politik, Journalismus und Gesellschaft hinterließ einen befremdlichen Eindruck.

Bekannt wurde im Anschluss nur die auf Cruise gemünzte kritische Äußerung Heiner Lauterbachs: "Einen Film zu drehen, dafür 50 Millionen Dollar zu bekommen - ich finde, da gibt es Mutigeres", erklärte der Schauspieler. Und auch wenn man den Buchautor Lauterbach ("Nichts ausgelassen") nicht unbedingt als filigranen Sprachkünstler kennt - in diesem Fall möchte man ihm uneingeschränkt zustimmen.

Ob "Valkyrie" seinem Helden den Oscar bescheren oder gar "das Bild von Deutschland in der Welt auf Jahrzehnte prägen" wird, wie Schirrmacher am 2. September in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" textete, wird muss die Zukunft zeigen. Zwingend aber war der gestrige Bambi für Tom Cruise genauso wenig wie die meisten anderen Trophäen des Abends. Eher handelte es sich um eine bizarre Provokation, die der Würde der Veranstaltung nicht gerade gut tat und die in zwei von sich selbst berauschten Reden ihren Ausdruck fand.