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TV Serie "Domina" – mit Gift, Klugheit und strategischem Sex wurde sie zur mächtigsten Frau Roms

Kasia Smutniak spielt Livia Drusilla kühl und beherrscht.
Kasia Smutniak spielt Livia Drusilla kühl und beherrscht.
© Sky / PR
In acht Folgen zeigt "Domina", wie das Imperium von einer Frau erobert wird und wie sich ein lebenslustiges Mädchen in ein Monster der Macht verwandelt.

Hinter jedem mächtigen Mann steht eine kluge Frau – hieß es einst. Hinter und neben Octavian Augustus, dem Nachfolger Caesars, dem Sieger des Bürgerkrieges, dem Begründer des Imperiums stand in Rom Livia Drusilla - die Domina. Sie und Caesars Adoptivsohn Octavian begründeten die julisch-claudische Dynastie mit den Herrschern Tiberius, Caligula, Claudius und Nero. Vom Weg der Livia Drusilla an die Spitze der Macht handelt "Domina". Die Serie setzt ein zur Zeit ihrer ersten Verehelichung im zarten Alter von 15 Jahren. Gemeinsam mit ihrem Vater hat der Teen einen Kandidaten für eine passende Verbindung ausgesucht. Liebe spielt keine Rolle, es geht um die Pflicht und die Interessen der Familie. Denn Livia ist eine echte Römerin – diszipliniert, pflichtbewusst und ihrer Familie, einer der ältesten in Rom, zutiefst verpflichtet.

Die Dignitas der Familie steht über allem 

Alles scheint in bester wenn auch liebloser Ordnung, bis Julius Caesar von den republikanischen Verschwörern ermordet wird und der zweite Bürgerkrieg ausbricht. Livias Vater, ein überzeugter Republikaner, stürzt sich nach der Schlacht von Philippi ins Schwert. Mit dieser Niederlage ist das Schicksal der Republik besiegelt. Ihre Anhänger werden gnadenlos von Caesars Adoptivsohn Octavian und seinen Verbündeten verfolgt. Die privilegierte Welt von Livia bricht zusammen. Gemeinsam mit ihrer Dienerin, der Freigelassenen und besten Freundin Antigone folgt sie ihrem Mann auf der Flucht. Nicht aus Liebe, aber den Ehemann in der Not zu verlassen und in Rom zu bleiben, wäre einer Claudierin eben nicht würdig. Lieber führt sie das Leben einer Ausgestoßenen, auf die ein Kopfgeld ausgesetzt ist, an der Seite eines unwürdigen Mannes.

Die jugendliche Livia wird von Nadia Parkes (Rosa de Vargas in der Miniserie "The Spanish Princess") gespielt, mit einer wilden und ungestümen Sinnlichkeit, in der sich bereits der absolute Wille zur Macht zeigt. Als die Gewaltorgien des Bürgerkrieges abklingen, gelingt es ihr, den späteren Augustus dazu zu bringen, sich scheiden zu lassen und sie, die Tochter eines führenden Republikaners, zu heiraten. Hochschwanger von ihrem ersten Gatten verführt sie den späteren Kaiser mit ihrem Körper, aber noch mehr mit einem politischen Bündnis.

Gift als Mittel der Politik

Danach folgt der mühsame Aufstieg zur Mitregentin. Livia Drusilla ist klug, hat einen unbeugsamen Willen und bleibt auch in der größten Gefahr eiskalt, so wird sie zur unverzichtbaren Beraterin des Kaisers, der Zeit seines Lebens mit ihr verheiratet bleibt, obwohl das Paar keine gemeinsamen Kinder und damit auch keine direkten Nachfolger bekommt. Leider betont die Serie die verbürgte Klugheit der Livia damit, dass alle Männer um sie herum ziemlich trottelig wirken. Insbesondere Augustus, eigentlich ein politisches Genie, durchschaut lange Zeit nicht die Schliche seiner Gattin. Und Intrigen gibt es viele, denn Livia sichert sich nur den eigenen Platz im Imperium. Sie will ihrem geliebten Sohn Drusus die Nachfolge verschaffen. Keine leichte Aufgabe, denn ihre Kinder Drusus und Tiberius sind nicht leiblich mit dem Kaiser verwandt. Also müssen die natürlichen Erben durch Gift sterben.

Verwirrendes Personal

"Domina" ist ein Ränkespiel um die Macht wie "House of Cards" nur eben aus der häuslichen Perspektive des Boudoirs und ohne Ironie. Das Ganze ist spannend erzählt, in prächtigen Dekors und Kostümen. Massenszenen insbesondere Schlachtszenen gibt es nicht, dafür jede Menge Sex und in Gastauftritten kann man etwa Isabella Rossellini als verdorbene Puffmutter Balbina erleben. Dazu kommen zahllose kleine Beobachtungen aus dem römischen Leben. Etwa dass auch die Oberschicht, die einem verfeinerten Luxusleben frönt, die Speisen mit den Händen oder mit unförmigen Holzlöffeln zu sich nimmt. Oder dass die Römer wenig Probleme mit körperlichen Ausscheidungen hatten. Nur weil jemand auf dem Abort sitzt, heißt das noch lange nicht, dass andere nicht zum Gespräch eintreten und bei der Reinigung des Hinterns unter der langen Toga tatkräftig zur Hand gehen.

TV-Freunde sind es gewohnt, dass der Legionär auf dem Bildschirm von sehr britischen Typen dargestellt wird. Das ist in "Domina" nicht anders, nur wirken die Frauen wenig römisch. Abgesehen von den Kostümen würden sie vom Typus weit eher in eine Jane-Austen-Verfilmung passen – da hilft es auch nicht, dass der einen oder anderen gelegentlich ein römischer Haarkranz aufgesteckt wird. Die tatsächlichen Verwandtschaftsverhältnisse im Hause des Augustus sind leider überaus kompliziert. Das liegt an den mehrfachen Ehen der Römer entsprechend differenzierten Patchwork-Verhältnissen, dazu kommen die Verwerfungen und Toten des Bürgerkrieges. Der unbedachte Zuschauer kommt schnell ins Schwimmen, denn die Stellung aller Personen wird von ihren Abstammungsverhältnissen zu Augustus bestimmt. Sind es eigene Kinder, sind sie zumindest blutsverwandt? Und wenn ja über die männliche oder "nur" über die weibliche Linie? Stammen sie aus der derzeitigen Ehe oder einer früherer? Sind es Stiefkinder oder Waisen aus dem Bürgerkrieg. Im Laufe der Serie sortiert man die Personen besser. Aber wer nicht aus dem Stand Iullus Antonius, Marcellus, Tiberius, Drusus und Julia unterbringen kann, sollte sich einen Stammbaum ausdrucken. Wer sich auskennt, kann seine Freude daran haben, etwa wie der spätere Kaiser Tiberius schon als Kind seine Giftmischer-Mama misstrauisch beäugt. Oder betrübt die sinnliche Lebensfreude der junge Julia beobachten, wissend, dass sie später in der Verbannung verhungern wird, weil niemand es wagte, den Zorn des Kaisers auf sich zu ziehen, wenn er ihr Obdach und Essen gegeben hätte.

Eine Welt der Frauen 

Die zentralen Figuren der Serie sind die Frauen. Julia Drusilla und ihre beste Freundin, die Freigelassene Antigone (Colette Dalal Tchantcho) auf der einen Seite. Auf der anderen Scribonia, die verlassene Ex-Gattin des Augustus, und Octavia, seine mächtige ältere Schwester. Octavia, dargestellt von Claire Forlani, ist auch schauspielerisch ein würdiger Gegenpol zur Julia. Die männlichen Personen und vor allem Octavian Augustus bleiben blass und berühren den Zuschauer nicht weiter. Einzig Octavians Jugendfreund, Mitregent und Mann fürs Grobe Agrippa, dargestellt von der TV-Allzweckwaffe Ben Batt, gewinnt Statur. Die Liebe zwischen Julia und Octavian bleibt trotz freizügiger Sexszenen römisch kühl, sodass die ganze Serie ein Kopfabenteuer in der Kunst der Intrige ist. Die Sinnlichkeit, die Nadia Parkes der jungen Livia verleiht, fehlt bei der überirdisch schönen Darstellerin der älteren Julia, Kasia Smutniak, völlig.

Ein Monstrum der Macht und kein Role-Model

Ein emotionaler Zugang zu der beherrschten Machtfrau Livia ist schwer. Und das ist das Besondere an "Domina". Die mächtigste Frau Roms wird eben nicht als sympathische aufgeweckte junge Frau von heute dargestellt, sondern als eine Frau der Macht, entsprungen aus der ältesten Familie Roms, erfüllt von der eigenen Dignitas. Eine Frau, die ihren Aufstieg mit Leichen pflastert und die zeitlebens nie eine Kränkung vergessen wird. "Domina" widerspricht zutiefst der These, dass alles besser wäre, wenn nur Frauen an der Macht wären. Livia und Octavian Augustus verbindet vor allem die absolute Liebe zur Macht. Das bemerkt nur ihr scheuer und ungeliebter Sohn Tiberius. Genauso klug wie seine Mutter erkennt er, in was für ein Monster sie sich verwandelt hat. Zu einer Frau, die alle zerstört, die ihr im Wege stehen, und jeden benutzt, um die eigene Macht zu mehren. Den Mann Octavian Augustus genauso wie die eigenen Kinder, durch die sie nach dem Tod des Kaisers weiter herrschen will. Die wirkliche Livia war so machtversessen, dass ihr Sohn Tiberius, als er Kaiser wurde, ein persönliches Zusammentreffen mit seiner mörderischen Mutter vorsichtshalber zu vermeiden wusste.

Bleibt die Frage, ob "Domina" das neue feministische "Rome" ist? Nein, mit dem kolossalen Römer Epos um die Legionäre Lucius Vorenus und Titus Pullo kommt "Domina" nicht ganz mit. Wie zu erwarten war, doch antike Serien wie "Cleopatra", "Ramses" oder gar "Barbaren" überflügelt die Herrin bei Weitem.

Ab dem 3. Juni ist "Domina" als komplette Staffel auf Sky verfügbar. Die lineare Ausstrahlung erfolgt ab 3. Juni immer donnerstags um 20.15 Uhr in Doppelfolgen auf Sky Atlantic.


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