VG-Wort Pixel

"DSDS" auf RTL Stumpf ist Trumpf


Auch erschöpft vom Wellness-Casting der Nenas und Naidoos, vom ständigen Nettsein und Korrektsein? Das Gegenmodell ist zurück: "DSDS". Das Konzept ist trotz des großen Erfolgs der Konkurrenz das gleiche geblieben: Immer voll auf die Zwölf, immer voll daneben. Und das ist gut so.
Von Mark Stöhr

So sieht die Antwort von "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) auf "The Voice of Germany" aus: Ein Umzugshelfer aus Mannheim, schwer verhaltensgestört, mit wahnsinnig hässlichen weißen Riesen-Slippern an den Füßen, brummt ein Lied, das keiner wiedererkennt. Es klingt wie das Mantra einer schweren Kindheit. Eine junge Frau, zur Zeit auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle, blamiert sich mit einer Katastrophenkopie von Christina Stürmer. Viel Spaß schon mal beim nächsten Bewerbungsgespräch. Und ein Großmaul aus dem Plattenbau von nebenan fängt sich von Dieter Bohlen den Spruch ein: "Du hast weniger Töne getroffen, als ein peruanischer Nackthund Haare am Arsch hat."

Die Pistenraupe unter den deutschen Castingshows -"das Original", wie Moderator Marco Schreyl wieder und wieder ins Mikrofon bellt - weicht keinen Millimeter von seinem Kurs ab. Darauf deutete schon die Werbekampagne im Vorfeld hin ("Dieter kann auch anders! ...will er aber nicht!"). Es wird weiter gnadenlos untergepflügt, was wacklig auf den Beinen steht, und ins Tal getragen, was zum Talent die passenden Gefühle liefert. "DSDS" heißt: Immer voll auf die Zwölf und immer voll daneben. Anders wollen wir es auch gar nicht haben. Oder?

Kein Streicheln, kein Kraulen

Der Auftakt zur neunten Staffel war eine Erholung vom Wellness-Casting der Nenas und Naidoos. Kein Streicheln und kein Kraulen. Kein scheinheiliges Gesäusel, die Kunst komme vor dem Kommerz und die Stimme vor dem Aussehen. Und keine Mittdreißiger aus den Innenstadtvierteln, die es noch einmal wissen wollen. "The Voice of Germany" ist das freundliche Gesicht der Gentrifizierung im derzeitigen Casting-Fernsehen: Die Honks und Hänger, Peinlichen und Prekären wurden gar nicht erst eingeladen oder waren schon längst aussortiert, als die erste Kamera eingeschaltet wurde.

"DSDS" hingegen geht mittenrein in die Prolldisco. Wer es dort nicht aushält, kann ja draußen bleiben. In dieser Welt herrschen klare Gesetze. Die Nerds am Rande der Tanzfläche, die die falschen Klamotten tragen, über Körperbehaarung verfügen und nie einen Typen oder eine Frau abkriegen, werden als erste geschasst. Bohlen schickte gestern eine Kandidatin mit den Worten nach Hause: "Du bist wie eine Qualle im Baldriantee, die um ihr Leben quaddelt." Das ist das andere Gesetz: Wer den besseren Spruch hat, gewinnt. Bohlen hat immer den besseren Spruch. Dass seine Sprüche sicher nicht spontan sind, sondern lange vorher ausgedacht, spielt dabei keine Rolle. Bohlen ist Kult in diesen Kreisen. Er ist der Proll, der es mit Fleiß und Spucke zu großem Reichtum gebracht hat und trotzdem Proll geblieben ist.

Authentizität? Hallo?

Wer neben Bohlen am Jurypult Platz nimmt, war schon immer eher egal. Dass diesmal aber Bruce Darnell verpflichtet wurde, war ein kluger Schachzug von RTL. Die Gefühlskanone mit dem Grottendeutsch ("Du kannst es schaffen, wenn du an dir glaubst") ist ein Entertainmentprofi. Seine vielbeschriebenen Tränenausbrüche - auch zum Auftakt gab er davon selbstverständlich eine Kostprobe - mögen so wenig spontan sein wie Bohlens Sprüche: Sie sind gut gespielt, und nur darum geht es. Wer fragt bei "DSDS" schon nach Authentizität?

Darnells Spleenigkeit ist das perfekte Gegengewicht zu Bohlens kühler Berechnung. Wie von der "Bild" schon vor der Sendung groß aufgezogen, versteckte er sich beim Auftritt einer Kandidatin mit seinen Kollegen unterm Jurytisch. "Bild" deutete das als Veralberung der Blind Auditions von "The Voice of Germany". Völliger Quatsch: Es war nur eine der schrägen Showeinlagen des US-Amerikaners, für die er geholt wurde. Von Natalie Horler, der dritten Jurorin im Bunde, wurden bei der Premiere nur ein paar wenige Sätze übermittelt. Sie wird nicht weiter stören.

Dass auch diesmal am Ende kein Superstar herauskommt, ist klar. Gestern wurde von Bohlen ein 16-jähriger Bubi aus der Schweiz in den Himmel gelobt, der den gleichen Mist sang wie alle anderen auch, mit der gleichen austauschbaren Stimme. Sein großes Plus: "Du bist der prädestinierte Bravo-Boy des Jahres 2012." Ein weiteres Jahr Ruhm ist gar nicht eingeplant. Das Konzept ist: einmal "bumm!" und vorbei. Das ist der Bohlen-Weg - und wir gehen ihn bis zum Finale mit.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker