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"Geißeln der Talkshows": Heiner Geißler: Das Talkshow-Reptil

Sie können einfach nicht loslassen und brauchen die große Bühne: Viele Politiker drängt es noch lange nach ihrer aktiven Zeit ins Fernsehen, wo sie den großen Welterklärer geben. stern.de stellt sechs Geißeln der Talkshows vor. Dieses Mal: Heiner Geißler.

Von Wolfgang Röhl

Heiner Geißler heißt eigentlich Heiner Q. Geißler, Q für Querdenker. Der Jesuitenschüler, lange Jahre der semantische Pitbull von Helmut Kohl (Evergreen: "Ohne den Pazifismus der 30er Jahre wäre Auschwitz überhaupt nicht möglich gewesen"), denkt nämlich dermaßen quer, dass für sein sperriges Gedankengut die Türen der Talkshow-Studios verbreitert werden müssten. Dort geht er seit Dezennien ein und aus, vor allem, seit ihn der Pfälzer 1989 als CDU-Generalsekretär abservierte. Geißlers TV-Präsenz hat auch damit zu tun, dass er immerfort Bücher schreibt, die ja irgendwie beworben werden müssen. 27 Stück oder so hat er inzwischen abgeliefert, die Talkshows kommen da mit Einladungen kaum noch hinterher. Das neueste Buch zum Mann trägt den gedankenschweren Titel "Ou Topos: Suche nach einem Ort, den es geben müsste" und handelt vom glücklichen Leben für alle und so. Wer das Werk auf der Website von Amazon bestellt (EUR 18,95), wird auf geistesverwandte Produkte aufmerksam gemacht. Etwa auf das "Heiner Geißler Girlie-Shirt" mit der Sentenz "Die Berühmtheit mancher Zeitgenossen hängt mit der Blödheit der Bewunderer zusammen" (EUR 15,95, drei Größen, sieben Farben). Wie er das wohl gemeint hat?

Heinrich der Morgenfrische

Wenn Geißler-Groupies mit oder ohne Hemd im TV-Studio oder vor der Glotze sitzen, wird schlagartig klar, warum er dort unentbehrlich ist. So sehr, dass er es nach Zählung der legendären Quasselstrippenrunde "Sabine Christiansen" geschafft hatte, dort Stammgast Nummer zwei zu werden, gleich hinter Christiansens Spezi Klaus Wowereit. Fünf Jahre nach Gründung hatte das Frühstücksfernsehen mal ausgezählt, wer dort am häufigsten aufgeschlagen war - Heinrich der Morgenfrische! Der begeisterte Bergsteiger erklimmt im Frühtau klaglos die steilste Stiege, sofern sie zu einem Fernsehstudio führt. Seine Nummer, darf man annehmen, ist in den Telefonen der Talkshow-Caster per Kurzwahl gespeichert. Und seine E-Mail-Adresse poppt bei ARD und ZDF wohl schon auf, wenn man nur "Gei..." eingibt.

Seine Unabdingbarkeit hängt, natürlich, auch mit seinem weisen alten Reptilsgesicht zusammen, in dem die Kamera herumfuhrwerken kann, forschend nach listigen, nonverbalen Kommentaren im Plenum der Runzeln und Fältchen. Er ist ja ein Schauspieler vor dem Herrn, welchem er sechs Jahre lang diente; als Mönchlein, welches keinen schweren Gang scheut.

"Schlimmster Hetzer im Land"

Aber die stete Nachfrage nach Geißler hat auch mit der nicht unberechtigten Hoffnung zu tun, dass von ihm immer wieder mal ein verbaler Schwinger erster Güte erwartet werden darf. Wie bei seinem vorerst letzten Auftritt bei Anne Will, wo er inzwischen auch ein Abo hat und bekannte, er mache zwischen "Steuerbetrügern, Mädchenhändlern und Drogenhändlern keinen Unterschied". Wie der Breitbandaktivist (Mitglied von CDU und Attac) da vom Leder zog, ideologisch untergehakt mit der Hummer-Kommunistin Sahra Wagenknecht; ausgerechnet er, der mal die berüchtigte "Freiheit statt Sozialismus"-Kampagne durchgezogen hatte - das ist der Stoff, nach dem der deutsche Schnarchtalk lechzt. Geißler liefert die Ware. Man muss nur gleichsam, wie auf einer thailändischen Krokodilfarm, ein paar Hühnchenteile in den trüben Teich werfen - zack, schon schnappt sein gefürchtetes Maul zu. Drogenhändler, Mädchenhändler, Steuersünder - same same, not different. Solche Perlen der Abendunterhaltung liebt die Laberbranche.

Manch einer glaubt, dieser Mann habe einen politischen Kurswechsel hingelegt wie sonst nur - andersrum - Bernd Rabehl oder Horst Mahler. Als den "seit Goebbels schlimmsten Hetzer im Land" hatte ihn Willy Brandt einst geschimpft. Brandts Verehrer Hans-Joachim Kuhlenkampff, das Showmaster-Urgestein, kriegte in einer NDR-Talkshow 1988 fast einen Herzkasper, als sich der Wortschwall des ausgefuchsten Jesuitenschülers über ihn ergoss. Auch "Kuli" hatte zuvor die Goebbels-Karte gespielt.

Die smarteste Versuchung, seit es Demagogen gibt

Geißler, Nazi? Ein Riesenmissverständnis! Der war noch nie nazi, sondern immer sozi, im Sinne von sozialradikal. In den Siebzigern versuchte er, die katholische Soziallehre, eine Klebstoffkomponente der Union, zu reanimieren. In den 90ern wetterte er gegen die "Catch-as-catch-can-Marktwirtschaft à la Thatcher" und gegen die Sparpolitik des Theo Waigel, geißelte Einschnitte ins soziale Netz sowie eine angebliche "Demontage des Sozialstaats". Kürzungen beim Arbeitslosengeld, stärkere Beteiligung der Bürger bei der Finanzierung der Gesundheitsreform - rote Tücher für den gar nicht schwarzen Geißler. Der war früh sogar für eine "begrenzte" Zusammenarbeit mit den SED-Erben zu haben, die heute unter "Die Linke" firmieren.

Genau betrachtet, schwimmt der selbsternannte Querdenker genau mit dem Mainstream des Sozialpopulismus, den inzwischen alle Parteien mit Ausnahme der FDP bedienen. Mit der Nummer von der Gerechtigkeitslücke, die das Land angeblich in frühkapitalistische Finsternis zurückgeworfen hat, treten inzwischen ja auch Rudolf Dressler, Norbert Blüm, Gregor Gysi, Renate Künast und die Lobbyisten der Wohlfahrtsindustrie allerorten auf. Jedoch kann keiner von ihnen so hübsch filibustern (etwa über einen Steuerdatenklau, der juristisch "eigentlich" keiner sei). Niemand beißt so herzhaft in gegnerische Waden wie Heiner, der Unbequeme vom Dienst. Keiner kann Binsen, welche so gut wie jeder Clown im deutschen Talkshowzirkus schon mal unter donnerndem Studioapplaus zum Besten gegeben hat ("Der Mensch muss das Maß der Gesellschaft sein, nicht das Geld"), als ureigene Geistesblitze verkaufen. Und weil dem so ist, werden wir Couch potatoes ihn noch ganz, ganz oft auf dem Schirm haben - Heiner Q., die smarteste Versuchung, seit es Demagogen gibt.