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TV-Kritik "Günther Jauch" Alle lieben Willy Brandt

Das Willy-Brandt-Fieber hat auch Günther Jauch erwischt. Er widmet den Sonntagabend dem vierten Bundeskanzler. Doch statt einer politischen Talkshow wird es eine Gedenksendung mit Lagerfeuerromantik.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Bloß nicht zu spät einschalten, bloß nichts verpassen. Endlich, und wie lange haben wir darauf gewartet, eine Talkshow, die so viel Thrill verspricht, dass auch der nervenaufreibendste "Tatort" im Vergleich dazu ziemlich blass dasteht. Wobei es, wie man munkelt, so besonders schockermäßig in den 90 Minuten vorab auch nicht zugegangen sein dürfte. Doch Günther Jauch ist angetreten, fast schon mit dem Mut eines Jedi-Ritters, um etwas zu wagen, was Fernsehgeschichte schreiben wird. Er hätte freilich auch Edward Snowden einladen können. Vielleicht wäre er ja unter Putins Gnaden ins Berliner Gasometer eingeschleust worden. Aber nein, der Jauch, Hut ab, legt noch einen drauf und holt Willy Brandt ins Studio, thematisch freilich nur. Ja, die Damen, die Herren, heute wird nicht nur lahm herumgelabbert, heute wird gezeigt, dass die Debattenkultur im TV noch längst nicht tot ist.

Für die Spätzünder, hier nochmal, das Thema heißt "100 Jahre Willy Brandt - ein Leben für Deutschland" und nun wetzt schon mal die verbalen Klingen, Pro und Contra, lasst es heraus. Talkgast Michelle Müntefering beispielsweise macht vor, wie es geht: "Für die SPD ist Willy Brandt immer noch eine bedeutende Persönlichkeit, weil Menschen sich immer an Menschen orientieren."

Im Online-Forum zur Sendung formiert sich, Wunder auch, Widerstand. "Werden in Talksendungen nur noch die Probleme der Vergangenheit gewälzt? Geißler gegen Bahr, Kohl gegen Brandt - geht's noch? Haben wir keine Probleme mehr, über die man diskutieren und informieren muss?", echauffiert sich ein User. Und ein anderer ist fassungslos: "Was soll denn hier bitte schön diskutiert werden? Bevor ich Willy Brandt missbrauche, um die Sendezeit dieser Talkshow zu füllen, hätte ich ihn eher für eine Dokumentation mit kompetenten Analysen gefüllt, so aber nicht."

Mehr Kanzler als Familienmensch

Dem ist im Grunde nichts hinzuzufügen. Herr Jauch, Ihre Mission ist fehlgeschlagen, packen Sie also ihr Lichtschwert schleunigst wieder ein. Porträts, Dokumentationen, kann man alles machen, um den legendären Willy Brandt zu seinem Jubiläum zu ehren, und es ist gewiss auch angebracht, aber eine Diskussion? So wurde es denn auch eine Gedenksendung mit Lagerfeuerstimmung, an der das Beste die alten TV-Aufnahmen waren, die eingespielt wurden. Ehrwürdige Momente wie den Kniefall von Warschau, Brisantes wie Brandts Äußerung, Geißler sei "der schlimmste Hetzer in diesem Land" und auch Schwarz-Weiß-Idylle mit der Familie. Und hier als Highlight der beliebte Schauspieler Matthias Brandt, drittältester Sohn, im Alter von zwei Jahren, ein grinsender Knopf, der auf dem Schreibtisch des berühmten Vaters sitzt und mit dem Telefon spielt. Und als Erwachsener in einem Interview offenbarte, das Verhältnis zu seinem Vater sei gekennzeichnet gewesen von einer "absoluten Abwesenheit von Nähe".

Tatsächlich zu Gast bei Jauch ist aber der älteste Sohn, Peter Brandt, Professor für Neuere Geschichte. Er erzählt, dass er zwar mehr Verbindung hatte zu seinem Vater, aber wahr sei auch, Willy Brandt sei nicht der typische Familienmensch gewesen. Schließlich habe er als öffentliche Person auch gleichzeitig vielen anderen gehört, das habe der Sohn von Anfang an begriffen. Na, bitte, eigentlich schönes Doku-Material. Zwischendurch darf Ulrich Wickert erzählen, wie er beinahe Redenschreiber für Brandt geworden wäre, aber eben nur beinahe.

Erinnerungen von Freunden

Im Studio dabei auch der langjährige Wegbegleiter des beliebten Bundeskanzlers, Egon Bahr. Auch hier altes Filmmaterial: Bahr bricht bitterlich in Tränen aus bei der Verabschiedung von Brandt. Bei Jauch verrät er den Grund. Herbert Wehner, zu der Zeit Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion und nach Brandts späteren Aussagen mitverantwortlich für seinen Rücktritt, habe damals mit einem Blumenstrauß in der Hand gerufen: "Willy, du weißt, wir alle lieben dich." Bahr dazu: "Das Wort Liebe aus diesem Mund, habe ich als solche Heuchelei empfunden, da konnte ich nicht anders." Bewegend auch die letzte Erinnerung Bahrs an den guten Freund. Er habe nie jemanden erlebt, der so gesammelt dem Tod entgegen sah: "Beim Abschied hat er anders gewinkt wie sonst. Wir wussten, es war das letzte Mal."

Heiner Geißler, früher einer der schärfsten Kritiker Brandts, lobt zwar dessen Ostpolitik, aber warnt vor einer Heiligsprechung des großen SPD-Idols. "Heilig gesprochen werden kann er nur, wenn er im Himmel ist. Und das weiß man nicht so genau", so Geißler. Es geht dann noch ein bisschen hin und her. Wer genau hat sich eigentlich verdient gemacht in Sachen Mauerfall. Kohl, Brandt, Gorbatschow, die Menschen auf der Straße? Schwelgen in Nostalgie auch hier.

Nur Michelle Müntefering holt einen wieder in die bittere Realität und demonstriert mit jedem Satz, wie wortreich Nachwuchspolitiker mit Plattitüden um sich schlagen können: "...Überall, wo Menschen zusammen kommen, gibt es auch Streit... ein Beruf, wo man ein dickes Fell braucht... aber man findet intensive Bekanntschaften und Freunde... es geht darum, etwas gestalten zu können." Jauch irgendwann: "Das war jetzt nicht meine Frage." Auf der Agenda wäre noch das abzuarbeiten: Wo steht die SPD zwei Jahrzehnte nach Brandts Tod? Gibt es heute noch Visionäre im politischen Betrieb? Derlei Nachbohren, Jauch merkt es, lässt er dann doch lieber bleiben.


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