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"Hart aber fair" im Ersten: Entspannt und leger

Gut gelaunt und gewohnt dynamisch absolvierte Frank Plasberg gestern seine Talkshow-Premiere in der ARD. Die 75 Minuten mit Peer Steinbrück und Gregor Gysi als Politstars kreisten um die SPD-Pläne zu einer Hartz-IV-Reform - durchaus kurzweilig dank vieler Einspieler, aber nicht gerade tiefschürfend.

Von Peter Luley

Scheu vor volkstümlich-süffigen Zuspitzungen konnte man Frank Plasberg noch nie nachsagen. Noch im WDR diskutierte der hoch gehandelte "Hart aber fair"-Moderator am 10. Oktober unter der Überschrift "Jetzt auch Beck im Rüttgers-Club: Comeback für den Kuschel-Staat?". Für die gestrige Sendung nun hatte seine Redaktion zum selben Thema wieder kreativ getextet: "Hilfe, sie haben die Reformen geschrumpft" lautete das Motto der erstmals in der ARD gezeigten Talkshow - lässig außer Acht lassend, dass es sich bei den gemeinten SPD-Plänen zu Korrekturen an der Schröderschen Agenda 2010 zurzeit eben noch um Pläne handelt. Dazu hatte Plasberg einen fast Christiansen-mäßig dräuenden Untertitel parat ("geht so der Aufschwung kaputt?") und sich mit Peer Steinbrück und Gregor Gysi zwei notorische Talkshow-Traveller des Politbetriebs eingeladen.

Es gehe ein Ruck nach links durchs Land, erklärte Plasberg in seinem Eröffnungsmonolog und fragte besorgt, ob dieser unsere "Zukunftsfähigkeit" gefährde - und das womöglich, "weil die SPD ihre auch für sie ja schmerzhafte Agenda 2010 ausgerechnet in dem Moment verrät, in dem sie zu wirken beginnt?". Wiewohl in Frageform gegossen, machte diese Ouvertüre gleich die Grundhaltung des Moderators deutlich: Bei den erwogenen Korrekturen, etwa das Arbeitslosengeld I länger an Ältere auszuzahlen, handelt es sich ganz klar um wahlstrategische Maßnahmen, die vielleicht dem gefühlten Gerechtigkeitsempfinden mancher Bürger entsprechen, aber der Sache genauso wenig dienlich sind wie der Glaubwürdigkeit der Politiker.

Eine illustre Gruppe von Kurskorrekturen-Gegner

Da hatte er mit dem knarzigen SPD-Finanzminister Steinbrück, der den Beckschen Initiativen ähnlich skeptisch gegenübersteht wie sein Kabinettskollege Müntefering, natürlich nur einen mäßig leidenschaftlichen Widerpart: Viel mehr, als dass beide Standpunkte "berechtigt" seien, und ein Parteivorsitzender nun mal die Aufgabe habe, die Partei zusammenzuhalten und für Zustimmung zu sorgen, war dem Politiker nicht zu entlocken. Gysi begrüßte zwar erwartungsgemäß die Entwicklung zur Reform der Reform, wurde mit seinen Einlassungen zu Gerechtigkeit zur Verteilung staatlicher Förderungen aber ebenso erwartungsgemäß routiniert als populistischer Wohltaten-Versprecher zurechtgestutzt - und war insofern auch kein gewichtiger Fürsprecher der Agenda-Reformen. Die als enttäuschte Ex-Schröder-Anhängerin geladene Schauspielerin Natalia Wörner, ("halte zurückrudern für falsch"), der Unternehmer Peter Paul Moll ("falscher Ansatz") waren ebenfalls gegen Kurskorrekturen, und die allein erziehende Ex-Arbeitslose Ingrid Köper-Pape, die die Gästerunde komplettierte, zeigte sich grundsätzlich von der Politik enttäuscht.

So kam es, dass ausgerechnet Plasberg, der Gehaltvolle, der für die inhaltliche Substanz seiner Sendungen Gefeierte, gestern nicht so richtig in die Tiefe kam: Die durchaus spannende Grundfrage, wie der Sozialstaat funktioniert, und ob es sich bei der Arbeitslosenversicherung um einen Schutz für den Risikofall oder eine Art Sparvertrag handelt, wurde nicht einmal ausgesprochen. Sie blieb auf dem Themen-Parcours irgendwo zwischen Sympathien für den Lokführerstreik, Preissteigerungen und Neiddebatte auf der Strecke.

<zwitzi>Dank Einspieler Konfrontation auf Knopfdruck

Dass die im Zuge des Wechsels vom dritten ins erste Programm um 15 Minuten gekürzte Show trotzdem keineswegs langweilig geriet, lag zum einen an den vielen kleinen Einspielfilmen. Die erprobten Unterbrecher, von Plasberg gern mit maliziösem Lächeln angekündigt, schaffen immer wieder auf Knopfdruck Konfrontationen, wirken so belebend und gehören zweifellos zu den Stärken des Konzepts - ob nun widersprüchliche alte und neue Äußerungen Kurt Becks effektvoll nebeneinandergestellt werden oder in Straßenumfragen Leute Programm-Phrasen der SPD oder der Linkspartei zuordnen sollten - und meist daneben lagen. Zum anderen verströmte Plasberg so viel gut gelaunte Professionalität, dass selbst der verkrampfte Steinbrück hier und da ein Scherzchen wagte ("Ich muss jetzt gehen" - Plasberg: "Wir sind doch nicht bei Kerner"). Da fiel fast kaum auf, dass auch das "Intensivgespräch", zu dem Plasberg den Minister in eine Zweier-Konfrontation bat, eher menschelnd-unterhaltsam um die Verleihung der Aalkönigkrone an Steinbrück ging, denn um eine sachliche Auseinandersetzung.

Kerner-Scherz sorgt für Lacher im Studio

Zu all dem passte, dass der neue Mittwochs-Matador am Ende launig anmerkte, er wolle nun noch mal "besinnlich werden": Da präsentierte er dann Schröders gewagten Moses-Müntefering-Vergleich ("die Agenda 2010 sind nicht die zehn Gebote...") und Ausschnitte aus dem Mel-Brooks-Film "Die verrückte Geschichte der Welt", um zu belegen, dass Moses einst flexibler war als der amtierende Vizekanzler. Fragte seine Gäste nach einem elften Gebot für Politiker (was ausgerechnet der hin- und hergerissene Steinbrück mit "Du sollst nicht zweideutig sein" beantwortete) und verordnete sich selbst, nicht zu überziehen - was ihm gelang. Als Premierenfazit bleibt festzuhalten: Es war eher entspannt und leger als "hart, aber fair" - aber akzeptabel und ausbaufähig.