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"Menschen bei Maischberger": Alle lieben Alice

Geschlechterkampf zu später Stunde. Die Gäste von Sandra Maischberger debattierten über drei Ks, jenseits von Küche, Kinder, Kirche. Ganz vorn dabei, wie stets, wenn es um Klitoris, Klischees und Kopftuchverbot geht, war die Feministin Alice Schwarzer. Nur der einzige Mann in der Runde hatte wenig zu melden.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Alice Schwarzer, wir wissen es, kann ja viel ab. Ungezählten Buhs und Bähs hat die unermüdliche Feministin immer wieder Paroli geboten. Das kostet viel Kraft. Doch vielleicht ist das eigentlich Anstrengende am Dasein der Alice Schwarzer nicht das derbe Blaffen ihrer Gegner, nicht deren unablässiges Hau-Drauf, sondern die sonderbare Distanzlosigkeit ihrer Anhängerinnen. Jüngstes Beispiel Lady Bitch Ray. Die Rapperin war ebenso wie Schwarzer Gast im ARD-Talk "Menschen bei Maischberger" am Dienstagabend und ereiferte sich: "Ich will mit Alice Schwarzer über meine Muschi reden." Worauf Schwarzer signalisierte, dass das wohl das geringste Problem sei. "Ich bin doch die Erfinderin der Klitoris", so die streitbare Frauenrechtlerin.

Gut, sie nahm's gelassen, vermutlich weil es zu ihrem Alltag gehört wie zu Verona Pooth die Dummchen-Masche. Trotzdem, man mag sich nicht vorstellen, wie es ist, ständig von Frauen angesprochen zu werden, die über ihre Vagina debattieren wollen. Beispielsweise an der Supermarktkasse, auf der Rolltreppe oder vor dem Geldautomaten. Und wenn man es sich vorstellt, dann stellt man es sich hübsch anstrengend vor. Übrigens: Über ihre "Muschi" ließ sich die Rapperin dann doch nicht weiter aus.

Fragen als Lückenfüller

"Machofrauen - Müde Männer: Letzte Runde im Geschlechterkampf", so lautete das Thema bei Gastgeberin Sandra Maischberger. Doch Gastgeberin? Die Moderatorin saß halt auch mit drin, wohl weil das eben ihre Art ist, den Dienstagabend zu verbringen. Beim Thema Sexualität gab sich die routinierte Talkerin betont unverkrampft, ganz so wie eine Mutter, die sich ihrem Kind besonders fortschrittlich zeigt, indem sie demonstrieren will, dass es keinen Unterschied macht, ob man über Penis und Orgasmus parliert oder über Biotomaten und Sojamilch. Ihre Existenzberechtigung, immerhin, wollte Maischberger mit ein paar Fragen beweisen. Die aber waren nichts weiter als Lückenfüller zwischen den Atempausen der Gäste, boten sie doch weder Zündstoff noch Innovatives. Und weil sie kaum am Titelthema der Sendung festhielten, hatten die Talkgäste eine gewisse Narrenfreiheit. Was damit endete, dass man sich am Schluss an einer Kopftuchdebatte versuchte. Und damit anfing, dass Alice Schwarzer die halbe Sendezeit damit bestritt, über einige Stationen ihres Lebens zu reden, weil sie das gerade in einem Buch aufgeschrieben hat.

Wieder einmal wurde in einer TV-Sendung eine Chance verpasst, das äußerst komplexe Thema, dieses ewige Mann-Frau-Ding, um es mal lapidar auszudrücken, so zu beleuchten, dass man jenseits der Klischees sich hin zu gedanklichem Neuland bewegt. Aber gut, unterhaltsam war es, auf eine gewisse Weise zumindest, und das muss wohl reichen. Fehlt der Tiefsinn, muss es ja nicht gleich verdächtig sein. Moderatorin Sonya Kraus, sehr blond, üppiger Vorbau, postulierte: "Ich zeige ganz einfach meine Bälle" und "Blasen ist Macht." Alice Schwarzer zeigte sich begeistert von Lady Bitch Rays so genanntem "Vagina-Fotzen-Power-Kleid." Die Rapperin wiederum, die eben erst ihre Doktorarbeit geschrieben hat, erzählte von ihrer Mission: "Ich möchte Pornografie verweiblichen". Und das vierte "Weib" - so die eigene Bezeichnung - im Bunde, die TV-Produzentin Gisela Marx, begnügte sich hin und wieder damit, das Verhalten der anderen zu analysieren als sei sie bei Sigmund Freud persönlich in die Lehre gegangen. Den einstigen modebiographischen Wandel der Alice Schwarzer von Minikleid in Richtung Sackgewand und das damit einhergehende Mehr an politischem Engagement deutete sie beispielsweise als "Sublimierung ihrer Libido."

Die Kopftuchdebatte

Schnell stand fest: alle haben die Alice lieb. Marx nannte sie "meine feministische Schwester". Sonya Kraus sagte: "Sie hat uns Frauen auf den Weg gebracht." Und Lady Bitch Ray: "Wir jungen Frauen sind alle irgendwie ihre Nachkommen." Und als solche ist die Rapperin neuen Unterdrückungsmechanismen auf der Spur: "Warum müssen sich Frauen immer für ein sexy Outfit rechtfertigen?" Und: "Warum wird nicht akzeptiert, dass eine Frau etwas zu sagen hat und gleichzeitig sexy ist?" Zustimmendes Nicken der anderen "Weiber". Doch mit der nächsten These kippte die Stimmung. Die Rapperin, die mit bürgerlichem Namen Reyhan Sahin heißt, meinte: "Die Kopftücher von muslimischen Frauen sind auch ein Zeichen von Emanzipation." Für ihre Doktorarbeit habe sie 30 muslimische Frauen befragt, die nach eigenen Angaben ihr Kopftuch freiwillig tragen würden, vor allem aus Liebe zu Gott.

Weil plötzlich alle gleichzeitig intervenierten, konnte man kaum verstehen, was dann gesagt wurde. Alice Schwarzer trumpfte im Wortgetümmel auf, so etwas könne man doch nicht sagen, sie wüsste es besser, sie hätte schon mit wesentlich mehr Frauen muslimischen Glaubens zu tun gehabt. Und Sonya Kraus parierte: "Gleichberechtigung ist ein zartes Pflänzchen, das noch sehr fragil ist. Es ist vor allem gefährdet durch religiösen Fanatismus."

Der altbackende Hahn im Korb

Mittendrin ein einziger Mann. Wolfgang Grupp, ein schwäbischer Textilunternehmer. Bekannt als vehementer Verfechter des traditionellen Rollenverständnisses von Mann und Frau. Einer, der im Maischberger-Talk beispielsweise solche Sätze sagte: "40 Jahre Emanzipation haben das Familienleben zerstört und Frauen unglücklich gemacht." Oder: "Ein Top-Mann will keine Emanze zuhause haben." Emanzentum bewertete Grupp als Egotrip nach dem Motto: "Ich ziehe mein Ding durch, komme was da wolle." Dabei gehe es in einer Paarbeziehung doch um gegenseitige Abhängigkeit. Der Unternehmer, seit zwanzig Jahren verheiratet, bekannte: "Ich mag es, gebraucht zu werden." Aufschreie waren ihm garantiert. Doch auch dafür war Platz, für eine entschiedene Wertschätzung der Frau, die sich Kindern und dem Haushalt widmet: "Das ist ein Topberuf. Das wird leider nur immer heruntergeredet." Und über seine Frau, die ihr Medizinstudium aufgegeben hatte, um bei ihm in der Firma mitzuarbeiten: "Ich würde für meine Frau alles tun und sie nie im Stich lassen." Schöne Worte, mit seiner Grundsatzhaltung aber konnte er in der Runde - natürlich - nicht punkten. Zu Gute halten muss man ihm in jedem Fall, dass er sich nicht an Alice Schwarzer ranschmiss, um mit ihr dringend und unbedingt und jetzt sofort über seinen Penis reden zu wollen.

  • Sylvie-Sophie Schindler