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TV-Tipp 1.12.: "Nanuk, der Eskimo": Stumm, ein bisschen gelogen - und doch so aussagekräftig

Gut, die Eskimo-Dame war nicht seine echte Ehefrau. Und was ein Gewehr und ein Grammophon ist, wusste Nanuk auch. Trotzdem gilt dieser frühe "Dokumentarfilm" zu Recht als Meisterwerk.

Das Grammophon - ein gar seltsames Ding? Nein, Eskimo Nanuk spielt nur für die Kamera den Ahnungslosen.

Das Grammophon - ein gar seltsames Ding? Nein, Eskimo Nanuk spielt nur für die Kamera den Ahnungslosen.

"Nanuk, der Eskimo" 0:30 Uhr, Arte
STUMME DOKU-FIKTION Eine drehende, flache Scheibe, aus der die Stimme eines Menschen dröhnt? Unglaublich. Nanuk grinst, inspiziert diesen Kasten vor ihm, beugt sich immer wieder vor und zurück. Sitzt da irgendwo ein kleiner Mann versteckt? Uuuuund Cut.

Natürlich weiß Nanuk, was ein Grammophon ist. Auch Eskimos in den 1920ern wussten das schon. Außerdem heißt Nanuk eigentlich Allakariallak, greift bei der Walrossjagd lieber zur Feuerwaffe statt zur Harpune und seine Ehefrau im Film, mit der er so süß näselt - nun die Dame ist gar nicht seine Frau.

Robert J. Flaherty hat sich einige Freiheiten erlaubt, als er seinen Dokumentarfilm im Jahr 1922 fertigstellte. Aber das Kino war noch jung, die Regeln lax. Und seine Intention gar nicht mal übel: Der Entdecker - heute würde man wohl Ethnologe sagen - wollte zeigen, wie das Leben der Eskimos war, bevor die Kultur westlichen Einflüssen ausgesetzt waren. Dazu verbrachte er Jahre in der Arktis und blieb selbst dann hartnäckig, als 1915 sein gesamtes Filmmaterial verbrannte. Flaherty hatte eine Zigarette achtlos weggeworfen.

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor beim stern

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