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Kinderbetreuung: Schule - Vertreibung aus dem Paradies

Eltern, die glauben, mit der Einschulung würde das Arbeitsleben wieder in geordneteren Bahnen verlaufen, irren gewaltig. Denn wie soll man in den fünf Stunden bis 13 Uhr mittags ernsthaft seinen Job erledigen?

Ein Kommentar von Catrin Boldebuck

Reden wir jetzt mal nicht über Krippenplätze. Reden wir über den Zeitpunkt, wann der Versuch Job und Kind zu vereinbaren etwa so realistisch wird, wie Eskimos Kühlschranke verkaufen zu wollen. Reden wir über die Schule. Denn dort verbringen Kinder viel mehr Zeit als im Kindergarten - bis zu 13 Jahre.

"Wenn die Kinder erstmal in die Schule gehen, wird alles besser. Dann habe ich mehr Zeit für mich", glauben viele Mütter. Ha, ha, ha! Ein Platz in einem guten Kindergarten ist wie ein verlässlicher Partner: Mein Kind wird bis zu zehn Stunden liebevoll betreut, es bekommt zu Essen und in manchen Kitas lernen die Kleinen sogar schon Englisch. Und ich muss mich nicht dafür rechtfertigen, warum ich arbeite. Ich muss lediglich viel Geld bezahlen. Aber das ist ein anderes Thema.

Sobald ein Kind in die Schule kommt, ist damit Schluss. Die Vertreibung aus dem Paradies beginnt damit, dass die Grundschule maximal bis 13 Uhr geht - in vielen Gegenden Deutschlands noch nicht mal das. In den fünf Stunden am Vormittag kann ich keinen qualifizierten Job machen, höchstens ein bisschen Teilzeit. Okay, es gibt Horte. Doch in vielen Schulen wird in der zugigen Pausenhalle eine Ecke abgetrennt in der eine kleine Schar von Verdammten am Nachmittag fest gehalten wird bis Mama oder Papa sie erlösen.

Zwischen Krabbelkindern in der Kita

Oder die Schulkinder hocken zwischen Krabbelkindern in der Kita. Angebote für Schüler, gar ein pädagogisches Konzept für Kinder ab sechs Jahren? Fehlanzeige! Hier werden Kinder wirklich geparkt. Außerdem ist ein Platz im Hort so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto. Weil es auch von denen, wie bei den Krippenplätzen, viel zu wenige gibt.

Richtig schwierig wird es aber in der Ferienzeit. Wie soll ich mit sechs Wochen Jahres-Urlaub zwölf Wochen Schulferien abdecken? Also werden Eltern dazu verdammt, ihren Urlaub zu splitten, Oma und Opa werden rangekarrt, komplizierte Bündnisse mit anderen Eltern eingegangen, die so funktionieren: "Nimmst du meine Laura am Montag und Dienstag, kann Euer Anton Donnerstag und Freitag zu uns."

Willkürliche bewegliche Feiertage

Und dann die "beweglichen" Ferientage, die völlig willkürlich von der Schule gesetzt werden und jedes noch so kompliziert ausgeklügelte System über Nacht ins Wanken bringen. Gemeinsame Ferien mit der Familie sind mit schulpflichtigen Kindern streng genommen nicht möglich.

Und dann die Erwartungshaltung der Lehrer. Viele davon sind Frauen mit Kindern. Aber die haben ja einen Halbtagsjob und kennen das Problem nicht. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum mit Beginn der Schulpflicht für mein Kind, auch meine wieder beginnt. Denn von mir wird plötzlich erwartet, dass ich als Hilfslehrerin einspringe. An vielen Schulen ist Unterricht ohne engagierte Mütter nicht denkbar: Sie leiten die Schulbücherei, unterstützen Computerkurse und organisieren Feste.

In Hessen können Schulen seit letztem Sommer sogar Eltern dazu verpflichten, Unterricht zu erteilen. Dafür bekommen sie dann 15, 20 oder 26 Euro. "Unterrichtsgarantie Plus" nennt sich der Wahnsinn. Auch viele Ganztagsangebote sind nur möglich, weil Mütter (und vereinzelt auch Väter) am Nachmittag die Laubsägearbeiten in der Schule beaufsichtigen. Das ist keine Ganztagsschule, das ist eine Mogelpackung.

In der normalen deutschen Vormittagsschule wird von mir selbstverständlich erwartet, dass ich am Nachmittag die Hausaufgaben beaufsichtige, den Stoff der Schule nacharbeite und Referate vorbereite. Bei Gymnasiasten müssen Eltern mindestens eine Stunde pro Tag dafür einplanen, schätzen Experten. Pro Kind, versteht sich. Hallo, wozu sind eigentlich die Lehrer da? Und bei den Klassenarbeiten wird nicht etwa überprüft, ob mein Kind den Stoff verstanden hat, sondern ob wir auch schön geübt haben. Selbständiges Lernen geht anders.

Schule kein Partner für berufstätige Eltern

Die Schule ist bisher kein Partner für berufstätige Eltern. Im Gegenteil: Sie erwartet, dass sich das Familienleben ihrer Zeitstruktur unterordnet. Aber das ist in den meisten Berufen nicht möglich. Wer denkt eigentlich an die Frauen im Schichtbetrieb, zum Beispiel die Krankenschwester auf der Intensivstation?

Ich bin der Überzeugung, dass sich Job und Kind am besten vereinbaren lassen, so lange die Kinder im Kindergarten sind. Die Debatte um mehr Krippenplätze ist erst der Anfang. Wir brauchen dringen mehr Ganztagsschulen mit guten Konzepten. Bitte beeilt Euch: Meine Tochter kommt im Sommer zur Schule.

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