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Abenteuer Menschheit: Nordamerika

Spätestens vor 15.000 Jahren überquerten Menschen zum ersten Mal die Beringstraße. Es herrschte Eiszeit und die 85 Kilometer zwischen Asien und Amerika waren eine Landbrücke. In mehreren Wellen nahmen die Einwanderer den gesamten Kontinent in Besitz.

Der Oogruk ist die Hauptnahrung der Eskimos

Glatt wie Seehundöl in einer Schüssel. So müsste das Meer sein für eine erfolgreiche Jagd. Heute ist es unruhig, und die Männer können die schwarzen Punkte, auf die sie lauern, nicht rechtzeitig ausmachen. Seehundschnauzen sind auf hundert Meter Entfernung nichts als kleine Flecken auf dem Wasser, und näher lässt ein gewitzter Seehund die Jäger kaum heran. So wird es heute wohl nichts mit dem Auffüllen der Speisekammer. Scheißwind.

Die drei Männer im Boot - einer steuert, einer späht, einer schießt - sind unzufrieden. Die Jagdsaison für den Oogruk, die Bartrobbe, ist kurz, beschränkt auf das Frühjahr, wenn das Eis bricht und die Tiere an Alaska vorbei nach Norden wandern. Zwei, drei Wochen nur treiben sie sich im kalt-grünen Meer zwischen den Eisschollen vor der Küste herum. Da zählt jeder Tag. Denn der Oogruk ist seit Jahrtausenden die Hauptnahrung der Eskimos für den dunklen, bitterkalten Winter.

Ganz Shishmaref geht im Frühjahr auf Seehundjagd. Shishmaref, 400 Einwohner, 95 Prozent davon Eskimos.

Eine Hand voll Holzhäuschen an einer flachen Küste, bedroht vom Meer, das jeden Sommer etwas von dem Sand wegspült, auf den der Ort gebaut ist. Straßen, die im Winter Hohlwegen durch Schneehügel gleichen und im Sommer zu Staubpisten in einer baumlosen Ebene werden. Ein Dorf, dem die Kälte keine Wasserleitungen, keine Spülklosetts, keine Kläranlage erlaubt, weil die Rohre bersten würden. Diese Siedlung sah auch vor gut hundert Jahren, als die ersten Missionare kamen, nicht aus wie unser Klischee vom Iglu-Dorf. An der Westküste Alaskas baute man anders als im Rest des Landes keine Behausungen aus Schneeblöcken, sondern setzte sie aus Grassoden zusammen und wartete, bis die Natur sie mit einem Eispanzer überzog.

»Ein toter Seehund geht in einer halben Minute unter«

Kein einziges Mal sind die drei Jäger bisher auf Schussweite an ihre Beute herangekommen. Bleibt das Jagdglück aus, weil sie den Tieren bei der letzten Ausfahrt nicht den nötigen Respekt erwiesen haben? Dabei haben sie doch jedes Mal den erlegten Seehunden die Kehle durchgeschnitten, damit die Seelen entweichen konnten - wie es sich gehört. Dennoch kommen sie heute trotz modernster Technik nicht zum Ziel.

Zwar benutzen sie Präzisionsgewehre, die auch noch auf 500 Meter ein Objekt von der Größe eines Schuhkartons treffen können. Doch ein Blattschuss auf solche Entfernung bringt nichts. Wilbur, der Chef im Boot, wischt das Gischtwasser von den Fernrohrlinsen. »Ein toter Seehund geht in einer halben Minute unter, und so schnell sind wir mit dem Boot nicht bei ihm.« Man müsse näher ran und die Schnauze des Tieres anvisieren. »Dann taucht der angeschossene Oogruk und flüchtet. Aber mit der verletzten Nase muss er schneller wieder zum Atmen hochkommen als normalerweise, und wir können ihn verfolgen, um ihm den Fangschuss zu geben und ihn zu harpunieren.«

Das hört sich nicht nur blutig und brutal an. Das ist es auch. Doch diese Brutalität ist emotionsfrei und nichts weiter als ein Teil des Überlebenskampfes, den die Eskimos von jeher in einer gnadenlosen Umwelt führen. Hier am Polarkreis, wo im Winter die Pisse gefriert, bevor sie auf den Boden platscht, beweist der Mensch eindrucksvoll wie kaum an einem anderen Ort die unglaubliche Anpassungsfähigkeit der Spezies Homo sapiens sapiens.

Meisterhaft bauten sie Kajaks aus Knochen und Tierhaut

Genetisch ist der Zeitraum von ein paar Jahrtausenden viel zu kurz, um Mutationen hervorzubringen, die das Überleben in Kälte und Dunkelheit erleichtert hätten. Die Vorfahren der Eskimos brachen irgendwann vor dreißig- bis fünfzigtausend Jahren aus Mittelasien auf. Noch immer sind die Menschen eher klein und zierlich. Im Verhältnis zur Masse ist die Oberfläche ihres Körpers groß - keine gute Voraussetzung, um möglichst viel Wärme zu speichern. Bei großen Menschen verkleinert sich die Relation - ihre Haut gibt weniger Wärme ab. Außerdem ist die Haut der Eskimos relativ stark pigmentiert.

Das ist günstig in sonnenreichen Breiten. Denn stark pigmentierte, »dunkle« Haut schützt den Menschen vor einer Überdosis schädlicher ultravioletter Strahlung. In den sonnenlichtarmen Regionen des Nordens jedoch ist helle Haut mit geringer Pigmentierung ein Selektionsvorteil. Denn sie absorbiert die hier eher knappen UV-Strahlen besser, die der Mensch zur Bildung des lebenswichtigen Vitamins D benötigt. Ein Grund, warum in Skandinavien die Blonden, Hellhäutigen vorherrschen. Nach Körpergröße und Hautfarbe sind die Eskimos in

der Arktis also eigentlich deplatziert. Trotzdem schafften sie es perfekt, in dieser widrigen Umwelt zu bestehen - dank ihrer Intelligenz, die den Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheidet.

Die Eskimos lernten die begrenzten Ressourcen des Nordens optimal zu nutzen. Den Mangel an Vitamin D etwa glichen sie aus, indem sie die Vitamin-D-reiche Leber von Fischen aßen. Sie bauten kuppelförmige Häuser aus Schneeblöcken oder Grassoden für den eisigen Winter, Zelte aus Walknochen und Tierhäuten für die Jagdzüge im Sommer. Stellten Kleidung aus den Fellen ihrer Beutetiere her und wandten dabei moderne Erkenntnisse der Wärmelehre instinktiv an: Eskimos ziehen sich traditionell in mehreren Schichten an, die erwärmte Luft dazwischen ist der beste Kälteschutz. Meisterhaft bauten sie Kajaks aus Knochen und Tierhaut, mit denen sie sich schnell und fast lautlos an ihre Beute heranbewegen konnten, und Harpunen mit kunstvoll geschärften Spitzen aus Knochen oder Feuerstein.

Die Frau des Gastgebers zum Beischlaf nehmen, verpflichtet

So gerüstet, besiedelten sie eine Welt, die nicht für den Menschen geschaffen scheint. Große Freiräume für zweckfreie Emotionen konnten sie sich hier nicht leisten. Alte und Kranke, die zur Belastung für den Überlebenskampf der Sippe geworden waren, wurden ausgesetzt, ein Todesurteil, das die Opfer so selbstverständlich wie die »Täter« akzeptierten.

Auch der Frauentausch, der die Fantasie der Europäer so beschäftigt hat wie keine andere Eskimositte, hatte nichts mit Libertinage zu tun. Wenn ein Eskimo einem Fremden seine Frau zum Beischlaf anbot, tat er das, um sich den Gast zu verpflichten. Die freundliche Aufnahme bei dessen Sippe, die er sich im Gegenzug dafür erhoffte, konnte schneller als gedacht für ihn lebenswichtig werden. Und die Blutauffrischung durch den Gast wirkte den Folgen der Fortpflanzung im engsten Familienkreis, der Inzucht, entgegen.

Zwar ist die Welt der Eskimos von Geistern bevölkert. Doch es sind sehr diesseitige Geister, die vor allem das Jagdglück beeinflussen. Daher müssen die Beutetiere mit hohem Respekt, ja mit Ehrfurcht behandelt werden. Der Überlieferung nach hat ein Eskimo seine Beute zu fragen, ob er sie töten dürfe. Ist sie erlegt, muss er dem toten Tier zumindest symbolisch zu trinken geben, um dessen brennenden Durst zu löschen. Tut er das nicht, werden die Geister ihm oder, schlimmer noch, seiner ganzen Sippe den Jagderfolg bei dieser Tierart verweigern.

Die Idee von einem Jenseits war ganz neu für sie

Über ein Leben nach dem Tod haben sich die Eskimos nie Gedanken gemacht. Zu sehr waren sie mit dem Überleben beschäftigt. »Ich erklärte ihnen die Geschichte von Jesus und seiner Sendung«, berichtet eine protestantische Missionarin aus Prince Wales, der nächsten Eskimosiedlung südlich von Shishmaref, Ende des 19. Jahrhunderts. »Sie sagten, die Idee von einem Jenseits sei ganz neu für sie, sie hätten keine Ahnung davon gehabt, dass man nach dem Tode weiterlebe.«

In grauer Vorzeit, sagt Percy Nayopuk, der Besitzer des General Store von Shishmaref, sei das Leben einfacher gewesen. Grüner, wärmer, tropischer. Eine Art Garten Eden. »Aber dann kippte die Erdachse, und so kamen die langen, kalten Winter in die Welt. Die meisten Menschen erfroren. Nur die wenigen, die lernten, Felle zu bearbeiten, blieben am Leben. Das waren wir Eskimos.« So weit der Mythos seines Volkes, das sich im Nordwesten von Alaska selbst Inupiat nennt, die Bezeichnung »Eskimo« aber anders als seine Brüder in Kanada und Grönland nicht als abwertend empfindet. Doch wie kamen die Bewohner der Arktis wirklich in diese Welt? Wie nahm der Mensch Amerika, den letzten Kontinent in Besitz?

Das Meer hinter der Sanddüne, auf der Shishmaref steht, ist die Beringstraße. Sie trennt Asien und Amerika. An ihrer engsten Stelle ist sie nur 85 Kilometer breit. Auf halbem Weg liegen heute wie zwei Trittsteine die Große und die Kleine Diomede-Insel. Die eine gehört zu Sibirien, die andere zu Alaska. An dieser Küste von Shishmaref begann mit großer Wahrscheinlichkeit das Abenteuer der Besiedlung Amerikas.

Die mongolischen Sippen, die hier in der Steinzeit als Erste den Schritt in die Neue Welt taten, brauchten diese Inselbrücke nicht. Auf ihrem Weg von Sibirien nach Amerika hatten sie stets festen Boden unter ihren Füßen. Denn wo jetzt Wasser ist, war damals Land. Eine Zeit extremer Kälte hatte das Eis der Polkappen gigantisch anwachsen lassen. Dabei wurde so viel Wasser gebunden, dass der Meeresspiegel etwa hundert Meter tiefer lag als heute. Zwischen Asien und Amerika bestand eine breite Landverbindung.

So konnten die Menschen zu Fuß nach Alaska hinüberziehen. Vorausgesetzt, der Weg war eisfrei. Denn in einer wild- und vegetationslosen Eiswüste hätten die Jäger und Sammler nicht überleben können. Die Mehrheit der Wissenschaftler geht heute davon aus, dass sich damals ein eisfreier Korridor von Sibirien über Alaska bis nach Westkanada erstreckte. Ihn benutzten die ersten Siedler.

Unter Forschern heftig umstritten ist heute nur, wann Amerika von Asien aus besiedelt wurde. Für die meisten Archäologen setzte der Mensch vor etwa 15000 Jahren erstmals seinen Fuß auf den neuen Kontinent und nahm ihn mit atemberaubender Geschwindigkeit in Besitz. Es dauerte angeblich kaum mehr als tausend Jahre, bis die Jägersippen der Jungsteinzeit die 18 000 Kilometer bis nach Feuerland zurückgelegt hatten. Als Beleg führen die Anhänger dieser These die archäologischen Funde der so genannten Clovis-Kultur an, benannt nach dem Städtchen Clovis in New Mexico. Dort grub man 1929 die erste von später Hunderten charakteristisch geformten steinernen Speerspitzen aus. Man fand sie in ganz Amerika. Die Clovis-Kultur bestand um 11000 v. Chr. herum nur gut tausend Jahre. Also muss der gesamte Kontinent in diesem Zeitraum erschlossen worden sein.

Dieser Deutung widersprechen heute vehement die Genetiker. Nach ihren DNS-Analysen überquerten die ersten mongolischen Einwanderer schon etwa 25 000 v. Chr. die Landbrücke der heutigen Beringstraße und verteilten sich im Lauf der nächsten Jahrtausende in der Neuen Welt. Sie waren jedoch nur in geringer Zahl gekommen, hatten wahrscheinlich bevorzugt an den Küsten gesiedelt, die seit dem Ende der Eiszeit überflutet sind. Daher hinterließ diese erste Einwanderungswelle kaum archäologische Spuren.

Neben der genetischen Vielfalt der indianischen Urbevölkerung Amerikas, so sagen die Anhänger dieser Schule, unterstütze die Vielzahl stark differierender Sprachen die Annahme, dass Amerika früher, jedoch langsamer besiedelt wurde, als die Vertreter der Clovis-Theorie behaupten. Einzelne Fundstätten ganz anders geformter Werkzeuge als die charakteristischen Clovis-Speerspitzen in Chile und den USA seien zusätzlicher Beweis dafür.

Doch nicht alle schafften den Sprung in die Wärme. Schon vor 20000 Jahren setzte die Eiszeit mit neuer Wucht ein. Wer nicht rechtzeitig aufgebrochen war, blieb zurück. Alaska war für Jahrtausende abgeschnitten. Den Menschen dort gelang es zu überleben. Perry, der einzige Eskimo in Shishmaref, der nicht jagen geht, weil ihn ein Bandscheibenvorfall plagt, zeigt uns einen halben Mammutzahn. Er hat ihn im Sand einer Flussmündung nahe des Dorfes gefunden. »Damals muss es hier diese Viecher gegeben haben. Viel Fleisch. Damit kam man gut über den Winter.« Sehr häufig, sagt Perry, finde man Knochen der Urzeit-Elefanten. Ein Indiz dafür, dass auch während der Eiszeit die Nahrung fürs Überleben reichte.

In der Tat ist nur schwer vorstellbar, dass die Steinzeitmenschen die Strecke von Alaska bis Südchile binnen tausend Jahren auf dem Landweg bewältigten, wie die Clovis-Jünger postulieren. Die ersten Amerikaner waren ja keine Entdecker, die zielstrebig zu neuen Horizonten aufbrachen. Sie waren Jäger. Im täglichen Kampf ums Überleben folgten sie den Zickzack-Wanderungen ihrer Beutetiere. Zudem bleibt rätselhaft, wie sie ihre Lebensweise in so kurzer Zeit den extrem unterschiedlichen Klimazonen auf ihrem Weg - von der arktischen Kälte über die Tropen Mittelamerikas und Amazoniens zurück in das subpolare Klima Feuerlands - angepasst haben sollen.

Umgekehrt kann heute niemand genau sagen, warum die Bevölkerung Amerikas sich gerade gegen Ende der letzten Eiszeit um 11000 v. Chr. so explosionsartig über den gesamten Kontinent verbreitete, wie es die zahlreichen Funde der Clovis-Kultur beweisen. Sicher ist, dass die Clovis-Menschen Jäger waren. Erfolgreiche Jäger. Denn sie räumten unter dem Großwild ihrer neuen Heimat gründlich auf. Das dicht behaarte Mammut und der Säbelzahntiger mit seinen bis zu 15 Zentimeter langen Eckzähnen hatten bis zum Vordringen der Menschen die weiten Savannen ebenso ungestört bevölkert wie Riesenfaultier und Bison. Als die seltsamen Zweibeiner auf den Plan traten, machten die großen Säugetiere einen entscheidenden Fehler: Sie erkannten den Homo sapiens nicht als ihren bisher gefährlichsten Feind.

Zu klein, zu schwach, zu unscheinbar erschien er ihnen offensichtlich. Und bevor sie lernen konnten, vor dem mickrigen Kümmerling mit der Lanze davonzulaufen, waren die meisten dieser Riesensäuger in Amerika schon ausgerottet. Die Nachfolger der Clovis-Kultur mussten sich auf dem neuen Kontinent nach anderen Nahrungsquellen umsehen. Die meisten jagten und fischten kleineres Getier oder begannen Gräser zu Getreide zu kultivieren. Die Nordlichter im arktischen Alaska jedoch, die den Zug in den Süden nicht geschafft hatten, gingen einen Sonderweg. Zusammen mit neuen Einwanderern aus Asien lebten sie weiter mit dem Eismeer und aus dem Eismeer.

Warum wanderten diese Proto-Eskimos nicht nach Süden ab, als der Weg wieder frei war? Warum blieben sie in Dunkelheit und Kälte? Eine Frage, die sich erst der moderne Mensch stellt. Wir sind gewohnt, stets Nahrung zur Verfügung zu haben und unseren Wohnort, wenn möglich, nach der »Lebensqualität« zu wählen. In der Steinzeit ging es um die Frage: »Wo verhungere ich nicht?« Unter diesem Blickwinkel ist die Arktis sehr ergiebig. Im kalten, planktonreichen Nordmeer schwimmt Nahrung in Hülle und Fülle. Der Mensch muss nur die extremen Umstände meistern, um diesen Überfluss zu nutzen.

Knirschend schiebt sich der Kiel des Aluminiumbootes auf den Rand der Eisschicht. Jetzt, im Mai, beginnt sie noch immer fünf Kilometer vor dem Festland. Zwei oder drei Oogruks sollten eigentlich auf dem Schlitten liegen, den sie hier an der Kante zwischen Wasser und Eis zurückgelassen haben. Missmutig spannen die Männer in ihren Thermoanzügen die Schneemobile vor das leere Gefährt. Dieser verdammte Wind. Ein vergeudeter Tag.

Ihre Väter hätten ein 20-köpfiges Hunde-Team angeleint. Heute halten sich nur noch sechs Eskimos in Shishmaref Schlittenhunde. Aus Nostalgie oder zum Spaß. Die wahre Arbeit verrichten die japanischen Zugmaschinen namens »Polaris«. Die Väter fuhren einst auch noch im Kajak aus Tierhaut hinaus. Sie trugen Fellanzüge, wasserdichte Umhänge aus Walross- oder Walfischdarm und Stiefel aus Seehundfell. Ihre Söhne benutzen Aluminiumboote mit Außenbordern und greifen auf Outdoor-Kleidung nach US-Standard zurück.

Der leere Schlitten tanzt über das holprige Eis, als die Männer Richtung Dorf

brausen. Obwohl es elf Uhr abends ist, steht die Sonne noch ziemlich hoch. Hier am Polarkreis wird es ab Mai nicht mehr richtig Nacht. Kinder platschen zur späten Abendstunde bei milden drei Grad barfuß in riesigen Pfützen, die das Tauwetter auf der Hauptstraße gebildet hat.

Die Jäger wollen sich nur zwei, drei Stunden hinlegen und ganz früh erneut hinaus. Auch dann wird die Sonne schon wieder hoch stehen und die Eisschollen, die lautlos draußen vorbeitreiben, in schimmernde Skulpturen verwandeln. Jeder wird unablässig nach den schwarzen Punkten Ausschau halten, die schon immer das Überleben für den nächsten Winter garantiert haben. »Ganz so dramatisch wie einst ist die Situation heute nicht mehr«, sagt Percy Nayopuk. »Schließlich gehört Shishmaref zu den USA. Bevor wir verhungern, würde uns die Regierung schon helfen.« Immerhin wird der Ort selbst im Winter täglich von den Arktisstädtchen Nome und Kotzebue aus angeflogen. Diese Luftbrücke garantiert die Segnungen amerikanischer Zivilisation von Diet Coke bis Chicago Pizza für die Mikrowelle. Zu New Yorker Preisen: eine Gallone (3,8 Liter) Trinkwasser etwa kostet sieben Dollar.

Auch wenn es Strom aus dem dorfeigenen Generator gibt, Telefon und Satellitenfernsehen, auch wenn man bei Percy mit der Kreditkarte bezahlen kann: Die Familien, die im Frühjahr nicht ihre sechs bis sieben Oogruks erlegen und auch übers Jahr nicht genug fangen, müssen im nächsten Winter den Gürtel enger schnallen. Dann pfeift der Blizzard um die Häuser, sinkt das Thermometer auf fast 50 Grad minus, und die Sonne ist wenig mehr als eine blasse Erinnerung in der ewigen Polarnacht.

Im Herzen sind die Leute von Shishmaref die Jäger von früher. Zwar setzt niemand mehr die Alten aus. Und auch die Zeit des Frauentausches ist vorbei. Doch Percy hat seinen Namen von einem Großonkel übernommen, wie es sich gehört. Der war gestorben, kurz bevor Percy zur Welt kam. Nach überliefertem Glauben erhält ein Neugeborenes von einem jüngst Verstorbenen mit dem Namen auch dessen Seele - das einzige Weiterleben nach dem Tode, das sich die Eskimos vorstellen können. »Als ich acht Jahre alt war, habe ich meinen ersten Oogruk geschossen. Ich war noch so klein, dass man den Kolben meines Gewehrs absägen musste, sonst wäre ich nicht an den Abzug herangekommen.« Seine Jagdbeute schenkte Percy damals dem Dorfältesten, wie es die ungeschriebene Regel erfordert. Noch heute ist Percy überzeugt, dass er dieser Opfergabe die kaltblütige Hand verdankt, die ihn als Schützen auszeichnet.

Am nächsten Morgen ist es windstill. Nachmittags kehren die Männer mit beladenen Schlitten ans Ufer zurück. Dort warten die Frauen mit dem »Ulu«, einem halbmondförmigen Wiegemesser, dem traditionellen Werkzeug für das Zerteilen der Seehunde. »Schlachten sollte man nicht im Sonntagsstaat«, sagt lachend eine alte Dame und trennt mit der Erfahrung von 50 Jahren einem Seehund elegant den Kopf ab. Dann löst sie das dunkelrote Fleisch in langen Bahnen von der zehn Zentimeter dicken Fettschicht, die samt Fell ausgeklappt wird und auf dem Schnee liegt wie ein gelblicher Vorlegeteppich.

Am Strand füllen sich die Trockengestelle allmählich mit den Fleischlappen. Sie sollen in der Sonne nachdunkeln, bis sie schwarz und ausgedörrt im Wind schaukeln wie die Leichen der Gehängten im Mittelalter. Der Blubber, die Fettschicht, ist mindestens so begehrt wie das Fleisch. Die Sonnenwärme lässt das Öl langsam aus dem Fett heraussickern. Früher diente es auch als Brennstoff für die Specksteinlampen, die einzigen Lichtquellen in der Polarnacht. Heute ist es nur noch Nahrungsmittel. Aber was für eins!

»Ah, Seehundöl.« John Weyiquanna leckt sich die Lippen mit derselben Andacht, die ein Italiener bei »Olivenöl extra vergine« zeigen würde. Getrocknetes Seehundfleisch darin eingetunkt, einfach göttlich! Ganz was anderes als die verdammten Hamburger aus eingeflogenem Rindfleisch, die Shishmarefs einziges Restaurant namens »Che che«, in Wahrheit ein frugaler Stehimbiss, für stolze neun Dollar pro Stück verkauft. »Beef schmeckt nach Pisse«, sagt John kategorisch.

John ist 66 Jahre alt. In seinem Vorgarten kocht er selbst erlegte Erdhörnchen in einem rußgeschwärzten Tiegel. »Zwei bis drei Stunden, dann sind sie weich wie Bohnen.« Je nach Jahreszeit jagt er Wasservögel, die auf dem Weg zu ihren Nistplätzen sind. Er raubt die Eier aus den Nestern, schießt vorbeiziehende Karibus oder Moschusochsen. Und seine Frau kümmert sich um den Vitaminhaushalt: Sie sammelt Beeren aller Art, die auf der Tundra sprießen.

Bei John sieht es um das Haus herum aus wie bei jedem Eskimo. Der Vorgarten gleicht eher einer ungeordneten Mülldeponie: pralle Plastiksäcke, schrottreife Schneemobile, rostige Propangasflaschen und Sperrmüll aller Art. Auf einem abgeschnittenen Moschusochsenkopf rekelt sich ein junger Schlittenhund. Im Haus ist es nicht anders. Johns jüngster Sohn, soeben von der Jagd zurück, schläft auf einem Feldbett inmitten von Kleiderhaufen, ungewaschenem Geschirr und Flinten jeden Kalibers, die so achtlos in einer Ecke stehen, als wären es alte Regenschirme. Im Hintergrund flimmert: »Sex and the City«.

Alles aufzuheben und zu verwerten, was die Umwelt ihnen gibt, scheinen die Eskimos in den Genen zu haben. Doch während früher die Ressourcen knapp und wertvoll waren, überschwemmt heute der Zivilisationsmüll die Menschen der Arktis. Aus uralter Gewohnheit werfen sie trotzdem nichts weg.

Die Welt der Eskimos ist im Umbruch. Aber noch immer ist sie eine ursprüngliche Welt. Noch immer fahren die Männer tagelang hinaus ins Eismeer, schlafen bei Temperaturen weit unter null im Schlafsack in offenen Booten, um ein Walross zu erlegen, ihre Königsbeute. Noch immer wird das Fleisch dieser Giganten wie eh und je über den Sommer gebracht: zerstückelt und am Strand so tief vergraben, dass es auf der Schicht liegt, wo der Permafrost beginnt. Gefriertruhe natur.

Zwar geht man heute mit Funkgeräten auf die Jagd. Doch wer weit draußen vom Schlechtwetter überrascht wird, kann nur noch sich selbst helfen. Wen bei einer Fahrt über Land ein Schneesturm überrascht, der gräbt sich am besten tief ein. So hat er die größten Chancen zu überleben. »Weißt du, wie man im Winter beim Fischen die Netze einholen muss?«, fragt John. »Man darf sie immer nur eine Hand breit um die andere aus dem Eisloch holen. Zieht man sie auf einen Schlag heraus, dann frieren alle anderen Fische fest, während man die ersten aus dem Netz puhlt. So unglaublich fest, dass die Netze reißen, falls man versucht, sie loszukriegen.«

Trotz Satellitenfernsehens sind die langen Winter monoton. Die Selbstmordrate ist hoch unter den Eskimos. Die Alkoholikerquote ebenfalls. Zwar herrscht in Shishmaref Schnapsverbot. Doch für 200 Dollar ist auf dem Schwarzmarkt eine Flasche Whisky zu haben. Käufer gibt es genug. Dennoch hängen die Menschen hier an ihrem harten Leben. Percy Nayopuk etwa hat in Anchorage studiert. Er ging freiwillig zurück ins Heimatdorf. »In Anchorage gibt es nur Beton. Du spürst keinen Boden unter den Füßen.« Außerdem drängten sich da viel zu viele Menschen auf einem Haufen.

Und dann ist da die Jagd, das Kribbeln, sobald im Mai das Eis aufbricht. Der Kick, wenn in der Ferne die Walrosse prusten und balzen. »Ein geübter Jäger hört sie manchmal auf zehn Meilen. So still kann das Meer da draußen sein.« Oder der Adrenalinstoß, falls man einen Eisbären sichtet. Bären seien extrem vorsichtig und würden normalerweise vor den Jägern fliehen.

»Mit den Schneemobilen kann man ihnen den Weg zum Wasser abschneiden. Und dann muss man sie in den After schießen. Nur dort kann eine Kugel einen Bären auf der Flucht tödlich verletzen. Sonst bleibt sie im dicken Fell und der Fettschicht darunter stecken.« Angeschossen aber greife der Bär häufig den Schützen an, wobei er stets mit der linken Pranke zuschlage: »Alle Bären sind Linkshänder.«

Auch John Weyiquanna kann sich ein Leben weit weg vom Polarkreis nicht vorstellen. Im Urlaub war er einmal in Mexiko. Schön, aber viel zu heiß. Ihm würde die tiefe Ruhe der Wintertage, die dunkle Nächte sind, fehlen. Die aufstiebenden Vogelschwärme des Frühjahrs, »wie eine weiße Wolke«. Und natürlich der getrocknete Seehund in feinem Seehundöl.

Der wettergegerbte alte Herr steht leicht über seinen Kochtopf gebeugt inmitten des grandiosen Chaos auf seinem Hof. Der Schnee ist fast weggetaut. Bald werden die Mücken, die Sommerplage der Arktis, zu schwärmen beginnen. Kein Baum weit und breit. Den nächsten, so hat man uns erzählt, gebe es in 120 Kilometer Entfernung. »Na und?«, sagt John lächelnd. »Bäume versperren nur die Aussicht.« Und sacht brodeln im Pott die Erdhörnchen.

Von Teja Fiedler und Matthias Ziegler (Fotos)
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(