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"Oliver-Pocher-Show": Pocher macht den Westerwelle

Oliver Pocher will nicht mehr der geschmacklose Suppenkasper sein. In seiner neuen Late-Night-Show, die gestern Abend Premiere hatte, versuchte er sich als gereifter Gastgeber. Teilweise gelang ihm das sogar - zum Schaden der Show. Denn Pocher kann nur eines richtig: geschmacklos sein.

Von Mark Stöhr

Nicht selten steckt der Witz im Detail. Bei der Premiere der neuen "Oliver-Pocher-Show" steckte er schon fast in der Werbepause. "Sollte Guido Westerwelle einen Englischkurs besuchen?", lautete die Gewinnspiel-Frage vor jedem Reklameblock. Der Seitenhieb wird den zukünftigen Vizekanzler geärgert haben, der so gerne Weltmann wäre. Auch die Zoten über seine Homosexualität kamen gewiss nicht gut bei ihm an. Zugegeben, sie waren auch arg abgehangen: Er mit Partner auf Staatsbesuch in der muslimischen Welt ("Das wird ein zünftiger Spaß in der Sauna"), er als "Westerwilli" mit "Biene Merkel" ("Ich will auch Bundeskanzlerin sein").

Doch was könnte Oliver Pocher ärgern, der sich über alles und jeden lustig macht und sich selbst dabei scheinbar nicht ausnimmt?

Vielleicht das: Pocher ist der Westerwelle der deutschen Fernsehunterhaltung. Früher forsch und peinlich, heute fad und peinlich. So wie Westerwelle den Imagewechsel vom Leichtfuß zum Amtsträger versucht, versucht ihn Pocher vom Suppenkasper zum Showmaster. Er war gestern Abend merklich um ein seriöses Auftreten bemüht und vermied schlimmere Geschmacklosigkeiten. Der Haken an der Sache: Die Geschmacklosigkeit, die gezielte Provokation unter die Gürtellinie ist sein einziges Talent.

Pocher als Resteverwerter

Pocher fehlt alles, was andere deutsche Late-Night-Größen, die der Gegenwart wie der Vergangenheit, ausmacht: Die Bildung eines Harald Schmidt, die Kreativität eines Stefan Raab oder auch die Imitationsbegabung einer Anke Engelke. Pocher kann nur als Resteverwerter punkten, der Dinge aufschnappt, sie im Magen umdreht und möglichst ungenießbar wieder ausspuckt. Wenn Guido Westerwelle der trottelige Maja-Freund Willi ist, ist Pocher Puck, die Stubenfliege.

Er wolle das Rad der Late-Night-Show nicht neu erfinden, sagte der 31-Jährige im Vorfeld. Er hat Wort gehalten. Die Showtreppe ist die gleiche wie anderswo, nur steiler. Die Band ist die gleiche Jingle-Kapelle, nur weiblich. Pocher packte sogar noch einmal die uralte Kartonnummer mit Vorher-Nachher-Abbildungen aus. Aus dem SPD-Wahlkampfslogan "Unser Land kann mehr" wurde "Unser Land kann mehr oder weniger einpacken". Darüber lacht dieser Tage nur noch das Willi-Brandt-Haus - aus grimmiger Verzweiflung.

Papa Pocher als Stichwortgeber

Dass Pocher keine Gespräche mit Gästen führen kann, hat er schon in seinem 18-monatigen Praktikum bei "Schmidt & Pocher" bewiesen. Mit Johannes B. Kerner, seinem künftigen Sat.1-Kollegen, palaverte er fahrig und ohne Esprit über die bevorstehende Vaterschaft ("Ich nehme zur Geburt mein Handy mit, stelle mich frontal davor und verkaufe den Film dann meistbietend"); bei Sängerin Shakira versuchte er es mit saftlosen Sexismen ("Lass uns im Dom Sex haben!") und scheiterte ansonsten an seinem grottenschlechten Englisch.

Blieb noch das Ping-Pong-Spiel mit seinem Vater. Gerhard Pocher soll wohl als fester Sidekick in der Show etabliert werden. An sich keine uninteressante Konstellation. Pocher sen. ist hart im Nehmen und lässt alle Respektlosigkeiten seines Sohnes mit einem Lächeln über sich ergehen. Ob in einem Einspieler, in dem er beim Deutschen Fernsehpreis in die prominente Gesellschaft eingeführt wurde (Pocher jun. zu Jeanette Biedermann: "Dieser debile, alte Mann würde gerne in ‘Anna und die Liebe‘ mitspielen") oder bei den zahllosen Frotzeleien im Studio ("Du bringst uns ältere Zuschauer"). Papa Pocher ist in seiner Unbedarftheit rührend. Ob er jedoch auf Dauer zum Stichwortgeber taugt, darf bezweifelt werden.

Für seinen Sohn ist die auf zunächst 33 Folgen angelegte Sendung die bisher größte Chance, zu zeigen, dass er mehr sein kann als der wüste Bühnen-August. Vielleicht sogar seine letzte. Den möglichen Verriss seiner Premiere hat er gestern schon einmal in einem fiktiven Brief an die Kritiker vorformuliert - mit der ihm eigenen Selbstironie, die immer auch wie ein Panzer gegen mögliche Verletzungen wirkt. Die Show sei "Schrott", schrieb er, "mit billigsten Einspielern", in denen sein Vater "ekelhaft vorgeführt" werde. Gerne würde man Oliver Pocher den Gefallen tun, doch nichts von alldem ist wahr. Der Vorwurf muss vielmehr lauten: Die Show ist pures Mittelmaß. Wie Guido Westerwelle eben.