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Versäumnisse des Senders Trash-TV kann Großes vollbringen – warum "Promis unter Palmen" leider kläglich gescheitert ist

"Promis unter Palmen" Tobias Wegener
"Promis unter Palmen": Der einzig wahre Gewinner heißt Tobias Wegener
© SAT.1
Viel ist geredet worden über "Promis unter Palmen". Die Show fing unterhaltsam an, endete dann aber im Eklat. Das hätte verhindert werden können und, wichtiger noch, müssen. 

An dieser Stelle vorweg: Gut gemachtes Trash-TV zaubert Fernsehmomente für die Ewigkeit. Als Fan der leichten Unterhaltung erinnert man sich manchmal sehnsüchtig an vergangene Dschungelcamp-Staffeln zurück, oder aber an Spiele im "Sommerhaus der Stars", die auf großartige Art und Weise die Abgründe menschlichen Handelns illustrierten. Trash-TV als Sozialstunde. Abgründe, Intrigen und die Bereitschaft, für ein bisschen Kohle über Leichen zu gehen sind dabei die Hauptzutaten.

"Promis unter Palmen": Sat.1 hat eine Chance verpasst

"Promis unter Palmen", das Sat.1-Trash-Format, in dem am Mittwochabend ausgerechnet Bastian Yotta zum Sieger gekürt wurde, hätte Potenzial gehabt. Hätte. Denn der Sender hat ein paar elementare Fehler begangen. Die Versäumnisse von Sat.1 haben dazu geführt, dass aus einer Sendung mit anfangs hohem Entertainment-Faktor ein einziges Trauerspiel wurde.

Dabei wurde die Folge von vergangener Woche zum Exempel dafür, wie man gerade nicht vorgehen sollte. Es war unangenehm mit anzusehen, wie Bastian Yotta und Carina Spack (unterstützt von Matthias Mangiapane) Claudia Obert mobbten. Wie sie ihr emotional wehtun wollten, indem sie ihr sagten, auf sie würde ohnehin niemand warten zuhause. Wie Yotta die 58-Jährige mit seinem Eiterpickel verglich, wie Spack immerzu mit der Chipstüte raschelte, um Obert bis an den Rande des Wahnsinns zu treiben. Diese Szenen waren aber nicht nur unangenehm mit anzusehen, weil sie veranschaulichten, wie unglaublich charakterschwach Yotta und Spack sind. Sie taten den Zuschauern darüberhinaus weh, weil Sat.1 es verpasste, das Mobbing einzuordnen und als solches zu benennen. Denn genau das ist der Unterschied zum echten Leben. Im Fernsehen ist diese Einordnung unmittelbar möglich.

Sehen Sie im Video: So reagiert das Netz auf die Absage des Oktoberfestes. Die weltweite Corona-Krise hat nun auch das größte Volksfest der Welt erwischt. Das Oktoberfest findet 2020 nicht statt ­– Das teilt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder am Dienstagmorgen mit. Das Netz reagiert mit gemischten Gefühlen auf die Absage. Viele User sind froh, dass die Wiesn nicht stattfindet. Vor allem, damit das Virus eingedämmt wird: Viele Einheimische freuen sich aber auch über die ausbleibenden "Nebenwirkungen" der Wiesn:  Traditionelle Wiesngänger wie  Tennislegende Boris Becker  bedauern die Absage natürlich. Auch für tausende Gäste aus aller Welt ist die Wiesn jedes Jahr ein Highlight. Viele sind enttäuscht, dass der Trip in diesem Jahr ins Wasser fällt. Doch die meisten sehen die Absage positiv und freuen sich auf die kommenden Wiesn-Besuche umso mehr.
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Einzig Tobias Wegener verkörperte die moralische Instanz, die man auch vom Sender erwartet hätte. Wie, mögen sich einige Kritiker fragen: Warum sollte man das von einem Sender erwarten, der eine solche Show konzipiert und ausstrahlt? Und genau das ist der Knackpunkt und der Grund, warum Sat.1 in diesem Fall auf ganzer Linie versagt hat. Denn die Produzenten haben zwei wahnsinnig starke Mittel zur Hand: Schnitt und Drehbuch. Beim Anschauen des Materials spätestens hätte man als Verantwortlicher merken müssen, dass die Mobbing-Szenen zu weit gehen. Dass es einer klaren Positionierung bedarf. Besser noch wäre es gewesen, wenn sie ein Finalspiel konzipiert hätten, bei dem der sportliche Tobias Wegener größere Chancen auf den Sieg gehabt hätte. Es sind die Mittel, die einem Fernsehsender zustehen, um Genugtuung zu ermöglichen, wenn schon die Zuschauer selbst nicht eingreifen können. Die Show, so schlecht sie auch war, hat nur einen einzigen Sieger verdient und das wäre Wegener gewesen.

Der einzige kleine Moment Trost war, mit anzusehen, wie Claudia Obert zu den Klängen von Lily Allens "Fuck you" ins thailändische Meer rennt und ihren Ex-Mitbewohnern den Mittelfinger zeigt. Aber auch das war zu wenig und zu spät. 

Zuschauer müssen das Sagen haben

Es ist wohl der Grund, warum das Dschungelcamp seit über einem Jahrzehnt Erfolg hat. Denn hier gibt es gleich zwei Regulative: die Moderatoren Sonja Zietlow und Daniel Hartwich und, noch wichtiger, das Publikum. 

Es ist nicht lange her, da versammelte sich (fast) ganz Fernseh-Deutschland an einem Montagabend im Januar vor den TV-Geräten, um mit anzugucken, wie Sarah "Dingens" Knappik im Dschungelcamp zur Persona non grata wurde. Sie wurden Zeugen, wie der sehr viel ältere und erfahrene Schauspieler Mathieu Carrière das junge Model pathetisch anflehte, das Camp zu verlassen, wie sich ein Großteil der Campbewohner im Dschungeltelefon sammelte, um die Produzenten vor die Wahl zu stellen: entweder wir gehen, oder sie. Und die "Ibes"-Fans konnten live mit ansehen, wie sich ein Einzelner zur moralischen Instanz entwickelte und nicht auf den Sarah-Dingens-Bashing-Zug aufsprang: Peer Kusmagk. Dass Kusmagk die Show gewann, war die größte Genugtuung für all jene, die von der fiesen Gruppendynamik im Camp schockiert waren. 

Und die Krönung des genauso erschöpften wie erleichterten Kusmagks wurde zum Symbolbild für Gerechtigkeit. Mag pathetisch und übertrieben klingen, zugegeben, aber wenn der Bösewicht verliert und der Held gewinnt, ist es doch ganz gleich, ob der Sieg im Rahmen von Trash-TV stattfindet oder von vermeintlicher Hochkultur.

Das Gefühl der Gerechtigkeit bleibt dasselbe. 

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Der Mythos vom guten Trash-TV - warum die Aufregung über "Promis unter Palmen" verlogen ist


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