"Schmidt & Pocher" im Ersten Paar mit Potenzial


Zum großen Late Night-Gau kam es bei der ersten Sendung "Schmidt und Pocher" nicht, obwohl Dramaturgie und Zusammenspiel der beiden noch etwas hakte. Immerhin wirkte der Altmeister motivierter als vor der Sommerpause. Das lag nicht zuletzt an seinem neuen Spaß-Maskottchen.
Von Peter Luley

Ist der Thron des größten deutschen TV-Humoristen durch Harald Schmidts verwerfliche Fusion mit Oliver Pocher endgültig verwaist? Wird die Paarung des amtsmüden intellektuellen Zynikers mit dem prolligen "Media Markt"-Werbeträger und Kino-"Vollidioten" sich wie Champagner mit Alcopops anfühlen? Und müssen womöglich schon bald die Abschiedstexte zu Schmidts Rückzug aufs Altenteil geschrieben werden?

So etwa lauteten die kulturpessimistischen Fragen, die das Feuilleton vor der gestrigen Erstausgabe von "Schmidt & Pocher", der nach Plasberg zweiten großen ARD-Premiere innerhalb von zwei Tagen, aufgeworfen hatte - und Antworten darauf konnten weder die zahllosen Interviews und Porträts der Protagonisten vorwegnehmen noch die dürftigen Hinweise auf die Beschaffenheit des neuen Formats: Einmal wöchentlich 60 Minuten Schmidt im Duett statt bisher zweimal 30 solo, erst mal 22 Folgen, Günther Jauch als Stargast - viel mehr gab's nicht an Vorab-Informationen.

Schmidt ist der klare Chef im Ring

Die ersten Erkenntnisse nach dem mit entsprechender Spannung erwarteten Debüt fallen indes vergleichsweise undramatisch aus. An der grundsätzlichen Bauart der ARD-Late-Night-Comedy hat sich nicht viel geändert; Schmidt ist der klare Chef im Ring. Kompagnon Pocher darf nur gelegentlich Akzente setzen, macht dieses aber gar nicht schlecht - man hatte tatsächlich den Eindruck, dass die Konfrontation des 50-jährigen Schmidt mit dem von ihm selbst zur Nachwuchshoffnung ausgerufenen 29-jährigen Pocher dem amtsmüden Großmeister neuen Schwung verleiht. Mehr Impulse als vom bisherigen Sidekick, dem schläfrig-stummen Manuel Andrack, gehen von Pocher jedenfalls allemal aus.

Nach einem knapp zehnminütigen Solo-Stand-up Schmidts zur Eröffnung, der die Top-Nachrichten der vergangenen Woche zu behandeln vorgab und dabei eher mäßig originell die jüngsten Promi-Trennungen von Carpendale/Catterfeld & Co. mit dem SPD-Parteitag und der Piëch-Dominanz bei VW und Porsche verquirlte, führte sich Pocher mit einer hübsch kontrastierenden Michael-Jackson-Tanzeinlage ein - und der kecken Einschätzung "bisher war ich viel lustiger als du". Was mit gebührend verhaltenem, aber freundlichem Applaus quittiert wurde.

Ihre latente Konkurrenzsituation, ihr Rollenverhältnis und ihr unterschiedlich zusammengesetztes Publikum nutzten die beiden in der Folge noch des Öfteren als Gagmaterial - ob im satirischen Einspielfilm "Das große Promi-Pilgern", in dem Meister und Lehrling sich auf religiöser Wanderschaft ankeiften, oder in der Rubrik "Die Hirschhausen-Akademie", in der der namensgebende Kabarettist die beiden als Chefarzt und Assistent präsentierte. Das Live-Zusammenspiel der ungleichen Match-Partner lief dabei insgesamt noch verhalten ab, aber mit viel versprechenden Ansätzen: Schön daneben etwa die Idee eines "Nazometers", eines blinkenden und tönenden Warngeräts für skandalverdächtige Nazi-Phrasen, das Schmidt und Pocher in Anspielung auf den Eva-Herman-Rausschmiss bei Kerner wechselweise mit Testsätzen über Autobahnen und Gasherde zum Einsatz brachten.

Win-win-Situation - mit Perspektive auch fürs Publikum

Ansonsten hatten beide vor allem denkwürdige Einzelszenen: Schmidt gönnte sich ein paar Oneliner auf Stammtisch-Niveau ("Was ist Tierquälerei? - Wenn man 'ner Schlange Viagra gibt") und eine harmlose kleine Reprise seines Bettina-Böttinger-Bashings ("Was haben Anne Will, Veronica Ferres, Carmen Nebel und Bettina Böttinger gemeinsam? - Dass sie sensationell erfolgreiche Frauen im deutschen Fernsehen sind"). Pocher wiederum punktete mit einer in pseudo-pathetischem Singsang vorgetragenen Erklärung zur Trennung von Wayne Carpendale und Yvonne Catterfeld und mit geradezu brillanten Imitationen der Fußballer Podolski und Kahn.

Für Stargast Günther Jauch blieb da in den Schlussminuten nur noch ein eher bescheidener Auftritt - dessen beste Pointe wiederum Pocher setzte: Nachdem er sich betont bescheiden Rederecht erbeten hatte ("ich darf auch mal was fragen?") wollte er von dem zwischenzeitlich als Christiansen-Nachfolger gehandelten RTL-Mann wissen: "Kommen Sie jetzt noch zur ARD oder nicht?". Und ergänzte selbst: "Ich sach' ma so: Es ist so einfach." Und noch während Jauch souverän abblockte, konnte der Zuschauer seine Schlussbilanz ziehen: Die Dramaturgie der Sendung und das Ping-Pong-Spiel zwischen den neuen Partnern mögen noch hier und da holpern, aber unvereinbar sind die beiden keineswegs. Im Gegenteil, auf der selbstreferentiellen und medienreflexiven Ebene können sie sich jederzeit treffen. Schmidt verliert nicht durch Pocher, und wenn man sich angesichts dessen offenkundig großen Respekts vor dem Altmeister sogar fragt, ob er nicht eigentlich sogar zu kurz kommt, hat eigentlich auch Pocher gewonnen. Allen Unkenrufen zum Trotz also fast eine Win-win-Situation - mit Perspektive auch fürs Publikum.


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