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TV-Kritik

"Tatort"-Folge "Im Schmerz geboren": Was sollte das ganze Theater?

Shakespeare, Western, französischer Liebesfilm, und dazu spielt ein Sinfonieorchester. Die als Wiederholung gezeigte "Tatort"-Folge "Im Schmerz geboren" mit Ulrich Tukur war so hochwertig, dass es angestrengt wirkte.

So viel große Kunst muss man einfach belohnen. 2014 heimste diese "Tatort"-Folge aus Hessen noch vor seiner Ausstrahlung in der ARD zwei Preise ein: Eine Auszeichnung gab es für "Im Schmerz geboren" auf dem Münchner Filmfest, und in Ludwigshafen wurde die Krimifolge mit dem Medienkulturpreis geehrt. Und wofür? Dafür, dass sich die Macher etwas trauten: Oder wann nahmen zuletzt Shakespeare-Anspielungen eine so große Rolle in einem "Tatort" ein? Oder wann wurden andere Filmgenres und Kinoklassiker so deutlich zitiert?

Es gab Anleihen an US-Western und Anspielungen auf den französischen Leinwandklassiker "Jules et Jim" von François Truffaut, Hinrichtungsszenen wie in einem Gangsterfilm und zum Schluss eine monumentale Schlacht mit Dutzenden Toten. Vermutlich sind schon lange nicht mehr so viele Darsteller in einem "Tatort" den Leinwandtod gestorben, noch dazu in Zeitlupe.

Wie fanden Sie den "Tatort" aus Wiesbaden?

Berühmte Gemälde wurden im Laufe der Handlung gezeigt, Schauspieler in die Bilder hineinprojiziert. Das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks nahm eigens für "Im Schmerz geboren" neun Stücke auf. Und das Bild eines Schmetterlings mit einem Totenkopf am Anfang des Krimis wurde vermutlich von vielen Zuschauern als Zitat des Kannibalen-Klassikers "Das Schweigen der Lämmer" gedeutet - das allerdings führte auf die falsche Fährte. Denn das gefühlt so ziemlich Einzige, was dieser Krimi nicht bot, waren Menschenfresser.

Monumentale Konflikte im "Tatort"

Dieser "Tatort" (Buch: Michael Proehl, Regie: Florian Schwarz) bewegt sich zwischen Extremen wie Freundschaft und Rache, Liebe und Gewalt, Treue und Verrat - eigentlich kein schlechtes Rezept für einen packenden Krimi. Zudem macht sein unkonventioneller Start Hoffnung auf außergewöhnlich gute Unterhaltung: Ein Erzähler (Alexander Held) führt - wie auf einer Bühne - in das Geschehen ein, es folgt eine packende Szene: An einem Provinzbahnhof warten in brütender Hitze drei düstere Gestalten auf einen ankommenden Reisenden. Als dieser eintrifft, werden die drei auf dem Bahnsteig spektakulär erschossen.

Es werden nicht die einzigen Morde bleiben. Der angereiste Unbekannte, ein weltbekannter Gangster namens Richard Harloff (Ulrich Matthes), ist aus irgendeinem Grund auf Rache an einer ganzen Reihe von Menschen in Hessen aus. Harloff ist Deutscher, hat aber die vergangenen drei Jahrzehnte in Südamerika gelebt. Er hat seinen Sohn (Golo Euler) mitgebracht, ein Heckenschütze, der das Morden für den Vater in vielen Fällen erledigt.

Parodie im Stil von Shakespeare-Komödien

Über Harloffs Ankunft, die Ärger und Gewalt bedeutet, dürfte sich niemand freuen. Wirklich niemand? Ausgerechnet LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) ist entzückt über den unverhofften Besuch. Denn er und Harloff sind uralte Kumpel, lebten einst mit derselben Frau in einer Dreierbeziehung zusammen und haben, so wird gleich beim ersten Gespräch nach mehr als dreißig Jahren klar, noch immer einen guten Draht zueinander. Getrübt wird die alte Freundschaft durch den Umstand, dass Harloff einst wegen einer Drogensache aus dem Polizeidienst flog. Er verschwand mit der gemeinsamen Freundin nach Südamerika und avancierte dort zum Gangsterboss.

Dieser Mann führt nichts Gutes im Schilde. Nur was genau? Das versucht Ermittler Murot zu klären - zunächst in einem lockeren Plausch mit dem alten Freund. Und schon diese Szene nervt, so unrealistisch und gekünstelt ist sie: Da plaudern der Kommissar und der Gangster auf einer Parkbank, trinken guten südamerikanischen Kaffee und noch besseren Wein, während um sie herum schwer bewaffnete Polizeikräfte aufpassen. Schließlich spendiert Murots dubioser Gesprächspartner Getränke für alle Anwesenden, worauf sich diese Szene fröhlich auflöst. Das, was wohl als kleine Parodie im Stil von Shakespeare-Komödien gedacht ist, lässt den Zuschauer ratlos zurück. Ironie schön und gut - aber was soll sie an dieser Stelle ausdrücken? Dass die "Tatort"- Schöpfer sich mit klassischem Theater auskennen? Etliche Stilmittel wie dieses wirken als reiner Selbstzweck.

Ärgerlich ist auch, dass vieles an diesem Krimiabend nach dem gleichen Handlungsmuster abläuft. Gangster Harloff mordet sich von Szene zu Szene, was irgendwann eintönig wird. Und das monumentale Blutbad, das er gegen Ende inszeniert und mit dem er Ermittler Murot "zwingen will, Menschen zu töten", wird vorher detailliert erklärt. Keine überraschende Wendung.

Letztlich steht hinter diesem Fall ein Konflikt von Ausmaßen wie in einer Shakespeare-Tragödie. Shakespeare hätte ein solches Geschehen aber kaum mit so vielen Stilmitteln und unlogischen Brüchen überladen. Deshalb sind die Stücke des englischen Dramatikers heute Klassiker. Diesen "Tatort" dagegen mmuss man kein zweites Mal sehen.

Die "Tatort"-Folge "Im Schmerz geboren" wurde erstmals am Erstausstrahlung: 12. Oktober 2014 ausgestrahlt.