"Tim Mälzer kocht" Der Bulle nach dem Bio


Im Gegensatz zur Pocher-Verpflichtung hat dieser Verjüngungs-Coup der ARD geklappt: Starkoch Tim Mälzer übernimmt nach zweijähriger Pause den Samstagsslot vom kochenden Talkmeister Alfred Biolek. Vor dem Auftakt treffen beide noch einmal aufeinander. Kann das gut gehen?
Von Johannes Gernert

Tim Mälzer steht an seinem neuen Arbeitsplatz, schweigt und schaut auf den Fernsehküchenboden. Hinter ihm Lauch und Cocktail-Tomaten auf einer Ablage, schräg über ihm hängen Würste, ein Bund Lavendel, rote Peperoni und eine Käsereibe. Mälzer trägt einen Pullunder, ein kariertes Hemd und graue Chucks. Ein wenig bieder, trotzdem irgendwie leger. Rechts neben ihm lächeln der Programmdirektor des NDR und die Kulturchefin, links der Unterhaltungschef, gestärkte Hemden, Krawatten, großes ARD-Aufgebot. Tim Mälzer hat die Hände in der Hosentasche. "Herzlich Willkommen im Ersten", sagt der Programmdirektor.

Mälzer räuspert sich kurz ins Mikro. "Ja, guten Morgen." So viel, sagt er, kann er dazu jetzt eigentlich gar nicht sagen, außer vielleicht: "Das Ding ist 'ne Kochsendung - nicht mehr und nicht weniger." Und dann erzählt Mälzer doch wieder eine ganze Menge, nämlich darüber, dass er in seiner neuen Kochsendung, die immer samstags um 15.30 Uhr in der ARD laufen wird, gerne ein bisschen weniger reden würde, damit die Zuschauer vor lauter Kochgeschichten am Ende nicht das Essen übersehen. "Aber", sagt Mälzer, "ganz so weit sind wir noch nicht."

"Ganz simpel nur das Essen"

Obwohl er sogar einen Coach engagiert hat, der bei den Aufzeichnungen von "Tim Mälzer kocht" immer da steht, wo jetzt all die Journalisten ihre Kameras, Aufnahmegeräte und Notizblöcke hochhalten. Der Coach sagt in regelmäßigen Abständen nur ein Wort: Redepause. Eine Anweisung. Mälzer möchte das so.

"Inhaltlich", sagt Mälzer, "soll wirklich ganz simpel nur das Essen im Mittelpunkt stehen." Und das sei das Schwierige im Wettbewerb der "ganz, ganz, ganz vielen Kochsendungen, die derzeitig auf dem Markt sind, die auf dem Markt waren und die auch noch kommen werden." Und so redet Mälzer erst einmal ein wenig weiter. Die versammelten NDR-Chefs, die ihn gleich noch als beliebtesten und bekanntesten Koch, als "Obama des Kochens" preisen werden, die seine Auftritte beim Musikpreis "Echo" und in der "Sesamstraße" loben und die eine ganze E-Mail-Fanpost-Sammlung aus irgendeinem Forum vortragen, sie legen die Köpfe schief und schauen zufrieden.

Vor "Lafer! Lichter! Lecker!"

Tim Mälzer ist ein ARD-Coup, wie er mit Oliver Pocher gerade nicht gelungen war. Der Kultkoch der Nullerjahre, der mit seiner Vox-Sendung "Schmeckt nicht, gibt’s nicht" als deutscher Jamie Oliver das Kochen demokratisiert hat, soll zum jugendlich-frischen Nachfolger von Alfred Biolek werden. In dessen Show "Alfredissimo" hatte der studierte Jurist und gelernte Talkmaster mit seinen Gästen vor allem eines getan: Wein trinken, reden - und nebenher ein wenig Kochen.

Auch "Alfredissimo" lief samstags, zwölf Jahre lang. Bioleks Lieblingswort war: "Hmmmmm". Nach dem Ende vor zwei Jahren hat die ARD erst einmal auf einen Ersatz verzichtet. Es ist eine interessante Entwicklung, die die Kochshows in der ARD genommen haben. Die allererste, Anfang der 50er, hat noch ein Schauspieler moderiert: Clemens Wilmenrod, der Erfinder des Toast-Hawai und der Erdbeere mit Mandelfüllung.

Für Mälzer wurde nun der Samstagnachmittag ein bisschen umgeräumt. Seine halbe Stunde haben sie so gelegt, dass er fertig ist, wenn nebenan im ZDF "Lafer! Lichter! Lecker!" beginnt, auch so eine öffentlich-rechtliche Kochshow. Samstagnachmittag ist vielleicht gar kein so ungünstiger Termin, da erholt sich das junge Partyvolk von den Ausschweifungen der Freitagnacht und Hausfrauen haben auch ein bisschen Zeit. Für Mälzer könnten sich prinzipiell beide interessieren.

Ruhiger Küchenbulle

Er gibt den sympathischen, offenen Typen, der beim Gemüseschneiden ganz beiläufig sein Hamburger Anekdoten-Allerlei einstreut. Der Meerrettich beispielsweise. Kommt von Mähre, vom Pferd also. Denn: Früher hätten die Händler ihren alten Zossen immer geschälten Meerrettich in den After geschoben, damit die vor sich in tänzelten und sich besser verkauften.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welches Angebot Mälzer Alfred Biolek macht - und wie der darauf reagiert

"Das Gute an mir ist, dass ich 'ne Hausfrau bin", sagt Mälzer. Er stellt klassische Gerichte vor: Gurkensalat, Schnitzel, Bratkartoffeln. Mit einfachen Tipps: Gurke richtig herum schälen, damit sich nicht die ganzen Bitterstoffe darüber verteilen. Seine Lieblingsspeise ist nach wie vor "Spaghetti Bolo", er war schon immer einer für's Bodenständige, Spitzname: Küchenbulle. Gelernt hat er in einem großen Hamburger Hotel, später arbeitete er in einer Londoner Spitzenküche mit dem britischen Kochstar Jamie Oliver zusammen. Mälzer war von dessen Sendung "Naked Chef" begeistert. Als er das Format allerdings ins deutsche Fernsehen bringen wollte, fanden es die Programmverantwortlichen zu modern.

"Hallodri-Koch" wird zum TV-Star

2003 bekam er dann auf Vox die Sendung "Schmeckt nicht, gibt's nicht". Dank seiner TV-Prominenz war sein damaliges Hamburger Restaurant, das "Weiße Haus", ständig überfüllt. Sogar ein Brötchen wurde nach ihm benannt. Er war zu Gast in Kerners Kochsendung und brachte es zu einem eigenen Privatfernseh-Parodisten in der Pro-Sieben-Sendung "Switch". Sein Buch "Born to Cook" wurde ein Bestseller. Er selbst nannte sich "Hallodri-Koch". Als er während der Dreharbeiten zu einer "Schmeckt nicht, gibt's nicht"-Folge wegen Erschöpfung zusammenbrach, beschloss Mälzer, sich mehr Ruhe zu gönnen. Ein neues Vox-Format ist später mit ihm gescheitert. Vom "Weißen Haus" hat er sich irgendwann getrennt, es war ihm zu voll, sagt er.

Im Juni soll sein neues Hamburger Restaurant eröffnen: die Bullerei. Die Deutschland-Kochtour danach hat er erst einmal verschoben. Er ist ruhiger geworden, auch in der Sendung. Er zwingt sich dazu, nicht mehr permanent in der Küche hin und herzurennen. Es gibt tatsächlich Pausen, Schweigen.

Die Brombeere - "Ooohhhhh!"

Er ist ein anderer Tim Mälzer, als der, der in "Switch" parodiert wurde. Dieser Küchenderwisch, der nie die richtigen Zutaten hatte, aber immer eine Alternative fand. Für mehr Ruhe sorgen auch die Essensaufnahmen, die die fertigen Gerichte filmisch glorifizieren. Es dauert manchmal Stunden, und er hat bestimmte Sachen dafür auch drei Mal hintereinander gekocht, denn es soll am Ende gut aussehen. "Sinneseindrücke kommunizieren", sagt Mälzer. Den gebratenen Speck fand er toll. Wunderbare Bilder. Oder die Brombeere. "Ooohhhhh", haben sie da im Studio gemacht, als sie die auf dem Fernsehschirm gesehen haben. "Wenn man das auch bei den Leuten zu Hause erreicht", sagt Mälzer, "geil."

Bevor "Tim Mälzer kocht" am 18. April startet, wird am Ostersonntag nun erst einmal der Kochgipfel mit seinem Vorgänger Alfred Biolek zu sehen sein. Dabei treffen zwei völlig unterschiedliche Typen aufeinander: der intellektuelle Feinschmecker auf den hemdsärmeligen Küchenknaben. Beide haben aber eines gemeinsam: Sie können einfach nicht still sein.

Und so zucken die Mundwinkel des einen jedes Mal ungeduldig, wenn der andere gerade spricht. Auch als Mälzer Biolek fragt, ob der Weine aus Mallorca kenne, nicht die, die man mit Strohhalmen aus Eimern trinke, sondern die guten. Auf Mallorca, wo Mälzer seinen Zweitwohnsitz hat, habe sich die Weinqualität deutlich verbessert. So wie das auch in Deutschland passiert sei, sagt Mälzer, "dank Ihnen", dank Biolek. Und der antwortet, nicht bescheiden aber gewohnt gewitzt: "Ich hab' viel für den deutschen Wein getan, aber der deutsche Wein hat auch viel für mich getan."

Sein neues Motto: "Silent cooking"

Es ist ein großes Erbe, das Mälzer da antritt. Das weiß er. Vielleicht hat er auch deshalb Biolek nach der Aufzeichnung gefragt, ob er nicht Lust hätte, öfter mitzumachen. Biolek wollte nicht. Aber er werde bestimmt noch mal als Gast kommen irgendwann, sagt Mälzer. Für's Erste übt er jetzt alleine, gelegentlich zu schweigen. Er hat auch ein neues Vorbild. Die Sendung heißt "Silent cooking".


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker