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Zum Ende von "Wetten, dass ..?": Das Lagerfeuer ist aus, das Fernsehen glimmt weiter

Lange Zeit war "Wetten, dass ..?" das Lagerfeuer, an dem sich die Fernsehnation wärmte. Ist damit das Fernsehen tot - und unterhalten uns künftig nur noch Streamingdienste wie Netflix?

Von Carsten Heidböhmer

Sie moderierten "Wetten, dass ..?", als es noch das wärmende Lagerfeuer der TV-Nation war: Frank Elstner und Thomas Gottschalk

Sie moderierten "Wetten, dass ..?", als es noch das wärmende Lagerfeuer der TV-Nation war: Frank Elstner und Thomas Gottschalk

Der 9. Februar 1985 war eigentlich kein besonderer Tag. Es gab kein bedeutendes Sportereignis, keine Mondlandung, keine Bundestagswahl. Und doch schauten an diesem Samstag 23,42 Millionen Westdeutsche die gleiche Sendung im Fernsehen: "Wetten, dass ..?" mit Frank Elstner. Ein Rekordwert, der heute im wiedervereinigten Deutschland nur bei ganz großen Fußball-Ereignissen übertroffen wird - und das nur, wenn die deutsche Mannschaft beteiligt ist.

Keine Frage: Diese Show war das Lagerfeuer, an dem sich die Fernsehnation wärmte. In den 80er Jahren waren Werte über 20 Millionen keine Seltenheit, und auch in den 90ern wollten durchschnittlich 16 bis 18 Millionen Menschen die von Thomas Gottschalk moderierte Show sehen. Doch im Laufe der Jahre nahm die Strahlkraft dieses Feuers kontinuierlich ab. Der Niedergang setzte schon in den letzten Gottschalk-Jahren ein und gewann in den vergangenen zwei Jahren unter Markus Lanz rasant an Tempo - bis im Oktober 2014 keine fünfeinhalb Millionen Zuschauer mehr die Show sehen wollten.

Das große Lagerfeuer ist erloschen. Ist damit das lineare TV tot? Unterhalten ab sofort Streaming-Dienste wie Netflix oder Sky Go die Nation, die nur noch zu großen Sportereignissen den Apparat einschaltet?

Viele kleine Flammen ersetzen das große Feuer

Mitnichten! Das Fernsehen wird es noch sehr lange geben. Das zeigt der Erfolg des "Tatorts", der Sonntag für Sonntag rund zehn Millionen Zuschauer vor dem Bildschirm versammelt und beweist, wie attraktiv es sein kann, wenn viele Menschen das Gleiche gucken und währenddessen (auf Twitter und Facebook) oder am nächsten Tag (im Büro) darüber reden.

Aber es sind nicht nur "Tatort" und Fußball, die das Medium am Glimmen hält. An die Stelle des einen großen Lagerfeuers treten viele kleine Flammen, um die sich wechselnde Gruppen scharen. Das funktioniert vor allem dann, wenn das Fernsehen in der Lage ist, Live-Events zu generieren.

Castingshows als TV-Event

Als etwa RTL vor zehn Jahren mit "Deutschland sucht den Superstar" eine neue Art von Castingshow etablierte, in der die Zuschauer ein gehöriges Wort mitsprechen durften, war ein neues TV-Ereignis geboren. Durchschnittlich 12,8 Millionen Zuschauer verfolgten die Gesangsversuche von Daniel Küblböck, Alexander Klaws & Co. Im Laufe der Jahre hat "DSDS" stark an Popularität eingebüßt, dafür haben sich neue, frischere Castingformate etabliert, etwa "The Voice of Germany". Trotz mäßiger Quoten sorgt das Format während der Ausstrahlung für viel Austausch und Interaktion unter den Zuschauern und schafft damit für eine kleine Gruppe ein Event, das man als Fan nicht verpassen darf.

Auch das Dschungelcamp sorgt jedes Jahr für zwei Wochen dafür, dass halb Deutschland über elf Prominente redet, die im fernen Australien im Urwald absitzen. Beachtlich, denn angeblich guckt ja niemand diese Sendung.

Solange das Fernsehen Ereignisse schafft, über die die Zuschauer sprechen, Stars produziert, die Menschen bewegen, spannende Filme und Serien ausstrahlt, die uns an den Bildschirm bindet - solange wird dieses Medium weiterleben.