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"Wetten, dass ..?" Mallorca Im Zeichen der Zeitverschwendung


Ohne Pamela Anderson, dafür mit den Geissens, Hauptsache billig: Die Mallorca-Premiere von Markus Lanz glich sich dem Inselniveau an. Der originellste Wettkandidat hatte einen Hintern aus Stahl.
Von Mark Stöhr

Es war, bevor Michelle Hunziker in eine Gewürzgurke biss und zwischendurch mal auf dem Klo verschwand (schwanger) und Carmen Geiss ins Mikrofon krakeelte "Isch hab ein neues Leeed!" (neureich). Ein Maschinenbautechniker (Hobby: Showtanz) war gerade mit einem achtfachen Salto, zwölf Flickflacks und einer Doppelhelix in eine Badehose gesprungen – als Stefan Raab für einen Moment ins Bild kam. Er fühlte sich unbeobachtet. Sein Gesicht: müde und fassungslos. Später musste sich Gerard Butler (Star) einen Eimer Eiswürfel in die Hose schütten, und Raab sagte: "Ich bin nur Gast in dieser Sendung."

Diese Sendung ist der reinste Horror. Ein Horror der Hänger und Hangeleien. Dauernd wird irgendetwas erklärt, dauernd wird irgendwohin gelatscht. Von der Couch zur Wette, von der Wette zur Couch, meterweit, minutenlang. In der Zeit allein, in der sich die Prominenten jedes Mal ausführlich zur Begrüßung gegenseitig auf den Rücken klopfen, sind bei Raab schon fünf Wok-Fahrer den Kanal runtergerutscht.

Ausgebuht vom deutschen Urlauber-Mob

Markus Lanz hat seine ganz eigene Methode, diese Leerläufe zu überbrücken: Superlative. Sie sollen die Spannung hochhalten. Wie bei einer inversen Form von Tourette bricht es aus ihm heraus: "Wahnsinnswette", "freue mich wahnsinnig", "sensationeller Showact", "unglaublicher Kandidat". Wenn Lanz nicht übertreibt, kichert er übertrieben. Das ist eigentlich noch schlimmer. Beliebtes Objekt seiner Erheiterung ist die Spaßschwarte Cindy aus Marzahn. Die ist nicht mal eine schräge, lustige Transe, die sieht nur so aus.

Bei der Mallorca-Ausgabe von "Wetten, dass..?" sind die Probleme dieser Show potenziert. Die Wege in der Stierkampfarena fühlen sich an wie Tagesreisen, das Kichern von Lanz wird zu einem Wiehern. Das Publikum: ein deutscher Urlauber-Mob. Alle braun wie im Ofen vergessene Aufbackbrötchen, alle komplett auf Sangria und Stimmungsmusik. Als sich eine Stefanie aus Bochum bei der "Lanz-Challenge" durch eine Limbo-Nummer stolperte und trotzdem einen zweiwöchigen Hawaii-Aufenthalt spendiert bekam, kochte die Volksseele über. Es hagelte Buhrufe. Immer wieder brandete danach der Unmut auf, so groß war der Neid der Pauschaltouristen und Jürgen-Drews-Fans auf den erschummelten Exklusivtrip nach Honolulu.

Dass dieser Fernsehabend, freundlich formuliert, nicht zu ertragen war, lag wie immer nicht an den Wettkandidaten. Sie hatten sich teilweise wieder irrwitzigen Blödsinn ausgedacht, was ja sehr lustig sein kann. Ein Typ zum Beispiel ließ sich nacheinander auf 50 Walnüsse runterplumpsen und knackte sie allein mithilfe seiner angespannten Gesäßmuskeln. Das sprach für einen Hintern aus Stahl. Dazu erfuhr man, dass es Bodybuilder gibt, die Anabolika ablehnen und trotzdem durch keine Tür passen. Sie nennen sich "Natural Bodybuilder", vegetarische Eisenbieger also sozusagen. Was es nicht alles gibt.

Zu Gast in der Modem-Welt

Schlimm wird es bei "Wetten, dass..?" immer auf der Prominentencouch. Wenn Lanz seine Beine übereinander schlägt und seine Befragungen einleitet mit: "Es gibt den schönen Satz von dir, ich weiß nicht, ob er stimmt..." Dann beginnt die Spanne der reinen Zeitverschwendung. Dann erfahren wir, dass Michelle Hunziker im fünften Monat schwanger ist und erst dreieinhalb Kilo zugenommen hat. Dass Gerard Butler mal Anwalt war und wegen zu vieler Fehlzeiten gefeuert wurde. Und dass die neue Yacht der Geissens bei der Probefahrt gegen eine Kaimauer geknallt ist.

Stefan Raab war eigentlich nur da, um eine von ihm selbst entwickelte Duschbrause zu promoten. Nach zweieinhalb Stunden hatte auch er es geschafft. Er, der immer in VDSL-Geschwindigkeit unterwegs ist, war wie wir alle mal wieder in der Modem-Welt zu Gast. Immerhin ein Gutes hatte dieser endlose Abend: Bei einer Spendenaktion für die Flutopfer kamen mehr als 500.000 Euro zusammen.


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