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"Wetten dass..?": Kackburger und Speichellecker

In drei Stunden "Wetten dass...?" haben wir wieder gelernt. Zum Beispiel: Der Kot eines Eisbären riecht "kräftig und vielfältig im Spektrum", der eines Schimpansen eher süßlich.

Von Mark Stöhr

Baden-Arena in Offenburg, 23.15 Uhr: "Wetten dass...?" ist zu Ende. Nun wissen wir nach der 179. Folge: Jörg Pilawa hat Schuhgröße 45 und spielt im Urlaub gerne auf der Gitarre "Jingle Bells". Nackt. Das deutsche Nachwuchsmodell Toni Garrn mag keine Rippchen mit Kraut, und die ausgebildete Religionslehrerin Désirée Nick keine Pfaffen mit Hut. Barack Obama swingt beim Gehen, Angela Merkel latscht durch die Welt wie bei der Kartoffelernte. Und Tom Cruise kichert wie ein pubertierendes BD-Mädel. Vielleicht hat ihm der Simultanübersetzer auch nur laufend Hitler-Witze erzählt, die er noch nicht kannte.

Eine halbe Stunde zurück: 22.45 Uhr

Gastgeber Thomas Gottschalk sagt den besten Satz des Abends: "Wir haben es fast hinter uns." Er hat ein d"Artagnan-Bärtchen im Gesicht und trägt eine Westen-Frack-Kombination wie Lady Winter beim Jagdausflug. Gerade hat Seal, "der Barack Obama des gefühlvollen Souls" (Gottschalk), seine neue Single präsentiert. Was bei den Privaten die Werbepause ist bei "Wetten, dass..." der Showblock: Zeit zum Pullern und Proviant-Auffüllen.

Zeit ist bei der "größten Show Europas" (Eigen-PR) überhaupt ein Rohstoff im Überfluss. Eine alte Frau kommt mit ihrem Gehwagen schneller über eine stark befahrene Straße als Gottschalk von der Gästecouch zu seinen Wettkandidaten. Von den umständlichen Erklärungen der Wetten gar nicht zu reden. "Wetten, dass..." ist die Wiederentdeckung der Langsamkeit oder: Wie riecht eigentlich Schildkröten-Kot?

Das ZDF musste sich gestern mächtig strecken gegenüber der kommerziellen Konkurrenz. RTL krönte den Dschungelkönig, Gottschalk konterte die Ekelprüfungen in Australien mit einer Fäkalwette in Baden. Zwei Tierpfleger aus dem Karlsruher Zoo bekamen "Kackburger" (Gottschalk) exotischer Tiere serviert, die sie allein aufgrund ihres Geruchs zuordnen mussten. Die Wette glückte, genau wie jene, die einen ähnlichen Gruselfaktor besaß: Harald ("Ich grüße meine Kollegen vom Raiffeisen-Lagerhaus") leckte Süßstoff-Stückchen aus einer Batterie von 50 gespannten Mausefallen. Die kleinen Nager-Guillotinen schnappten nicht nur einmal zu und provozierten Entsetzensschreie im Publikum (Gottschalk: "So nehmen Masochisten Viagra").

Dagegen nahm sich die Wette des Mädchens, das alle Bundesligaspieler allein an deren Augenbrauen erkennen konnte, weitaus harmloser aus. Gottschalk legte eine Schippe drauf, es war einer seiner wenigen wirklich lichten Momente: "So müssen die Iraner die Spielerinnen ihrer Damen-Nationalmannschaft erkennen."

21.50 Uhr: Tom Cruise fliegt

Traditionell bleiben die US-Stars nur für die Dauer ihrer Wettpatenschaft. Vielleicht fürchten sie, von den deutschen Prominenten-Kollegen auf der Couch mit dem Anti-Glamour-Virus infiziert zu werden. Vielleicht geht ihnen auch nur das Geplapper von Gottschalk auf die Nerven. Cruise hatte es noch vergleichsweise lange ausgehalten, zu viel Speichelleckerei versperrte ihm den Ausgang. In vorderster Linie dabei natürlich der Moderator, selbst die meiste Zeit in Übersee zu Hause, der Cruisens Stauffenberg-Film "Operation Walküre" über den grünen Klee lobte. Nun wüssten auch die amerikanischen Jugendlichen, dass es in Deutschland nicht nur Nazis gegeben habe. Schauspieler Christian Berkel, der an der Seite von Cruise einen Widerstandskämpfer spielt, assistierte ihm und verstieg sich zu der These, mit diesem Film sei der Kalte Krieg endgültig zu Ende. Eine sehr eigenwillige Sicht der Dinge.

Und Cruise? Der sagte die üblichen Promo-Floskeln, lachte freundlich und verfolgte genüsslich das Schauspiel einer deutsch-deutschen Selbstgeißelung. Da waren die Auseinandersetzungen im Vorfeld darüber, ob der Film an den Originalschauplätzen gedreht werden dürfe, plötzlich "nur noch peinlich" (Berkel). Kein Wort davon, dass ein Großteil der Aufregung auch mit der Scientology-Mitgliedschaft von Cruise zusammenhing.

Da war in den USA mal wieder alles besser und bunter. Die Filmindustrie, die über mehr Geld und Know-how verfügt als hierzulande, die Politik, deren neuer Präsident so viel mehr Ausstrahlung und Sex-Appeal besitzt als die Beamtenseelen im deutschen Kabinett. Dass das Hohelied auf eine charismatische Führer-Figur gerade im Zusammenhang mit dem Stauffenberg-Film etwas komisch rüberkam, mochte niemandem auffallen.

So war es dem Kabarettisten Michael Mittermeier vorbehalten, einige Dinge zurechtzurücken. "Der Cruise hat behauptet", sagte er, "auch er hätte Hitler damals getötet. Der Führer von Scientology hätte mir schon gereicht." Tom Cruise war da schon hoch oben in den Wolken über Good Old Gemany. Vielleicht packte er zum Spaß noch einmal seine Stauffenberg-Augenklappe aus und sagte leise vor sich hin: Mit dem Zweiten sieht man besser.