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"Wir sind das Volk": Wenn die Handlung an ihre Grenzen stößt

Mit dem Fernsehzweiteiler "Wir sind das Volk" setzt Sat.1 seine "Eventmovie"-Tradition fort und zeigt eine aufwändige Filmproduktion über den Untergang der DDR. Doch trotz überzeugender Darsteller und einem um Authentizität bemühten Drehbuch haben sich die Macher mit der Handlung übernommen.

Von Annabel von Gemmingen

Berliner Mauer, ein Tag im August 1983. Schüsse fallen, mehrere Kugeln durchsieben den Körper von Matthis. Doch Andreas will seinen Freund nicht aufgeben, versucht ihn zu sich hoch auf die Mauer zu zerren. Er schafft es nicht und muss am Ende dessen Hand loslassen: Matthis' lebloser Körper plumpst zurück auf östlichen Boden, Andreas lässt sich mit letzter Kraft von der Mauer in den Westen hinüber fallen, dann verliert er das Bewusstsein. Keine drei Meter voneinander entfernt liegen beide im Dreck, getrennt nur durch die Berliner Mauer - ein symbolträchtiges Bild, von der Kamera eingefangen aus der Vogelperspektive: Für den einen fängt jetzt das Leben in Freiheit an, für den anderen ist es vorbei, ehe es begonnen hat.

Der Sat.1-Fernsehzweiteiler "Wir sind das Volk - Liebe kennt keine Grenzen" beginnt dramatisch und düster und macht deutlich, was die Zuschauer in den knapp 180 Minuten Filmlänge erwarten dürfen: eine aufwendig produzierte Achterbahn der Gefühle. Die Zutaten: wohl dosiertes menschliches Leid, eine Hand voll Adrenalin und ganz, ganz viel Liebe.

Stellenweise übertriebene Filmdramatik

Denn "Wir sind das Volk" handelt zwar vom Untergang der DDR, doch der schwülstige Filmtitel-Zusatz "Liebe kennt keine Grenzen" lässt erahnen, dass der historische Kontext lediglich als Kulisse für eine dramatische Liebesgeschichte dient, die sich im geteilten Deutschland abspielt: Bei seiner Flucht in den Westen muss Andreas seine große Liebe Katja in der DDR zurücklassen. Was er nicht weiß: Katja erwartet ein Kind von ihm und es werden sechs Jahre vergehen ehe die kleine Familie - und ein Jahr später auch Deutschland - wiedervereint ist. Vor allem für Katja, die nach einem gescheiterten Fluchtversuch ins Stasigefängnis nach Hohenschönhausen kommt, wird dies eine Zeit des Leids. Eine Liebe mit Hindernissen also, die jedoch so stark ist, dass sie den Repressalien des DDR-Regimes trotzt und am Ende selbst die deutsche Teilung überdauert.

Ist der neue Event-Zweiteiler demnach eine hoffnungslos verkitschte Liebesschnulze? Nein, ein solches Urteil wäre überzogen und würde dem ernsten Hintergrund nicht gerecht, vor dem sich die Liebesgeschichte abspielt. Denn solch tragische Beziehungsgeschichten wie die von Andreas und Katja hat es zu DDR-Zeiten schließlich wirklich gegeben. Und dank der zwei überzeugenden Hauptdarsteller Hans-Werner Meyer und Anja Kling lässt sich das zeitweilige Übertreten der Grenze von der realistischen Erzählung hin zur übertriebenen Filmdramatik auch ertragen.

Künstlich aufgeblasene Filmszenen

Zumindest gilt das für den ersten der beiden Teile von "Wir sind das Volk", denn gen Ende des zweiten Teils werden Augen- und Nasenschleimhäute dann doch etwas überreizt und Szenen, die an sich schon genug Aussagekraft besäßen, in ihrer Emotionalität noch künstlich aufgeblasen.

Ein Beispiel: Wenn Oberstleutnant Jäger - den es auch im wahren Leben gegeben hat - angesichts der stetig wachsenden Menschenschar vor dem Grenzposten 7 in Berlin den alles entscheidenden Satz sagt: "Macht die Schlagbäume auf, wir fluten", dann läuft es einem eiskalt den Rücken hinunter. Und wenn hunderte von Menschen über die Grenze strömen, jubelnd, weinend, fassungslos, wenn sich wildfremde Menschen in den Armen liegen, dann rührt das zuhause vor der Mattscheibe zu echten Tränen. Man möchte rufen: "Ja, genau so war es damals. Das habt Ihr ganz fantastisch umgesetzt!".

Tatsächlich ist diese historische Szene so authentisch nachgestellt worden, dass man im ersten Moment glaubt, man habe es hier nicht mit Statisten, sondern mit Original-Filmmaterial von 1989 zu tun, wie es auch schon an anderen Stellen des Zweiteilers geschickt in die fiktive Handlung miteinbezogen wurde.

Doch die Macher von "Wir sind ein Volk" ließen es mit dieser zu Recht rührenden Szene nicht genug sein und versetzten kurzerhand alle Weggefährten und Helfer von Katja und Andreas an diesen einen Ort in Berlin. Und auf wundersame Weise finden sie alle zueinander inmitten der tausenden, freudetrunken über die Straße taumelnden Menschen. So schön kann Fernsehen sein - und eine Szene, die wunderbar authentisch begonnen hat, wirkt am Ende einfach nur noch übertrieben und leider auch überflüssig. Im zweiten Teil gibt es nicht wenige solcher Zufallsbegegegnungen.

Ein Marathonfilm, dem die Puste ausgeht

Ohnehin könnte man meinen, wegen der Längen, die der Sat.1-Zweiteiler bisweilen hat, sei am Ende der 180 Minuten nicht mehr genügend Zeit übrig gewesen, die zahlreichen Nebenhandlungsstränge sauber und vor allem: glaubwürdig zusammenzuführen. Stattdessen wirken sie wie hektisch wieder zusammengestrickt und in Teil Zwei wimmelt es nur so von glücklichen Zufällen.

Das ist vor allem deshalb schade, weil sich mit der Umsetzung ansonsten sehr viel Mühe gegeben wurde: Ein halbes Jahr lang hat die Drehbuchautorin Silke Zertz recherchiert, Verhörprotokolle gelesen, mit zahlreichen Zeitzeugen gesprochen, ehe sie das Drehbuch geschrieben hat. Beim Dreh wurde akribisch darauf geachtet, mit Originalrequisiten an Originalschauplätzen zu drehen: Zwei Drittel des Films sind in Berlin entstanden. Für die Szenen an der Berliner Mauer ist man nach Prag ausgewichen und hat dort hundert Meter Mauer bis ins kleinste Graffiti detailgetreu wieder aufgebaut - eine perfekte optische Täuschung. Und selbst die Darsteller sind bis in die kleinste Rolle gut ausgewählt, darunter bekannte Fernseh-Gesichter wie Heiner Lauterbach, Felicitas Woll, Matthias Koeberlin und Jörg Schüttauf.

Man habe versucht, Zeitgeschichte auf Einzelschicksale herunter zu brechen, heißt es seitens Sat.1. Ja, das hat man wohl und leider merkt man das. Drei Nebenhandlungsstränge weniger hätten dem Film sicherlich gut getan, seine ganze Komplexität ein wenig entzerrt und den einzelnen Charakteren mehr Entfaltungsspielraum gegeben. So wirkt "Wir sind das Volk" beizeiten arg konstruiert.

Alles in allem ein 180-minütiger Marathonfilm, der zwar gut besetzt und vorbildlich recherchiert ist, dem irgendwo zwischen Anfang und Ende aber leider die Puste ausgeht - weil er sich zu viel vorgenommen hat.

Der Zweiteiler "Wir sind das Volk - Liebe kennt keine Grenzen" läuft am 6. Und 7. Oktober um 20:15 auf Sat.1.