HOME

ARD-"Tatort" aus Münster: Wo die Liebe hinfällt

Boerne als Liebhaber? Prahl im Anzug? Der "Tatort" aus Münster überrascht - allerdings nicht unbedingt mit dem Täter, denn der ist schnell erraten.

Rechtsmediziner Boerne wird zum Tiger, Ermittler Thiel jagt in Boxershorts einen hinkenden Zuhälter und seine Assistentin Nadeshda erliegt russischem Charme: Mit wenig Albernheiten, einer guten Geschichte und starken Nebendarstellern überzeugt der neueste ARD-"Tatort" aus Münster um den spleenigen Pathologen Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) und Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl). Einziger Nachteil: Wer der Täter sein muss, ist schnell erraten. Am Ende wartet die Folge "Hinkebein" dennoch mit einigen Überraschungsmomenten auf.

Die Startvoraussetzungen sind gut. Der jüngste "Tatort"-Fall aus Münster entstand unter der Regie von Manfred Stelzer. Der bescherte der ARD mit der Folge "Spargelzeit" 2010 die höchsten Einschaltquoten eines "Tatorts" seit 13 Jahren. Die Drehbuchautoren Stefan Cantz und Jan Hinter hatten den Münster-"Tatort" 2001 ins Leben gerufen und haben seitdem sieben Fälle zusammengedichtet. Da konnte (fast) nichts schiefgehen.

Ungewohnt: Thiel im Anzug

In Thiels Leben dagegen geht zunächst einiges schief. Der brummelige Ermittler muss eine Delegation russischer Kollegen bespaßen, die zu Besuch bei der Mordkommission in Münster ist. Während seine Assistentin Nadeshda (wie immer bezaubernd: Friederike Kempter) ihr Herz prompt an den schönen Russen Andrej verliert, nutzt Thiel jede Gelegenheit zur Flucht. Mit Hornbrille und schlechten Witzen geht ihm zudem der schmierige Polizei-"Presseheini" Hausner (Arndt Schwering-Sohnrey) auf die Nerven. Da findet der ausnahmsweise mit Anzug bekleidete Thiel sogar die Nachricht von einer Leiche "ganz wunderbar" und erklärt: "Ich bin raus aus dieser Völkerverständigungsnummer."

Die Getötete ist Katja Braun (Tanja Schleiff), war früher Polizistin, später alkoholkrank und liegt nun nur mit einem Schlüpfer bekleidet in den Büschen. Einen Tag zuvor hat sie noch ihren alten Liebhaber Boerne in dessen Labor besucht und den "Tiger", wie sie ihn nennt, um tausend Euro angeschnorrt. Seine Liaison mit ihr beichtet Boerne später Thiel, während er die Ex-Geliebte auf dem Seziertisch auseinandernimmt: "Es kam zum Äußersten. Ich bin ein Mann aus Fleisch und Blut." Ihr Chef als Liebhaber? Boernes kleinwüchsige Assistentin Alberich (Christine Urspruch) findet das zum Totlachen.

Viele Verdächtige, doch der Täter ist absehbar

Der Rechtsmediziner selbst hat wenig zu lachen, als plötzlich jemand auftaucht, der noch eine Rechnung mit Katja Braun offen hat - und der auch Boerne nicht gut gesinnt ist: der Zuhälter Hinkebein, der wegen eines Jahre zurückliegenden Mordes an einer Prostituierten auf der Fahndungsliste steht. Kurzerhand engagiert der verängstigte Boerne Thiels taxifahrenden Hippie-Vater (Claus D. Clausnitzer) als Personenschutz. Eine zweifelhafte Wahl, denn der hält das zwar für einen "coolen, affengeilen Deal", kifft jedoch entspannt im Auto statt aufzupassen - und öffnet damit die Tür für eine grandiose Verfolgungsjagd, an deren Ende Thiel mit nackten weißen Beinen in Unterhose vor einem Kinopublikum steht.

Zu den Verdächtigen gehört neben Hinkebein aber auch Katja Brauns schnoddriger Ex-Mann, ein abgekämpfter Kerl, der als Fahrer in einer Fleischerei arbeitet. Und auch Brauns kluge wie undurchsichtige Teenager-Tochter Marie (beeindruckend: Michelle Barthel) weiß mehr, als sie zugibt. Wie sich alles am Ende auflöst, ist zwar etwas vorhersehbar. Auf dem Weg dahin biegen die Autoren aber an so mancher Stelle unerwartet ab und bescheren dem "Tatort"-Zuschauer so einen unterhaltsamen Sonntagabend.

Julia Wäschenbach, DPA / DPA