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Bastian Pastewka: "Vor Dick und Doof habe ich mich gefürchtet"

Das sagt ausgerechnet ein Komiker, einer unserer vielseitigsten. Heute gruselt sich Bastian Pastewka eher, wenn er Comedy im Fernsehen sieht: Das Spaßprogramm ist beliebig geworden und vorhersehbar - denn die Sender wagen keine Experimente.

Herr Pastewka, Ihr Kollege Hugo Egon Balder sagt: "Jedes Land kriegt die Humoristen, die es verdient." Warum haben wir Sie?

Oh Gott, das ist aber eine ganz, ganz traurige Frage - und das zum Anfang. Ich gehe ja, da bin ich erfrischend egoman, immer von mir aus: Was sehe ich in meinem - zwangsläufig deutschen - Umfeld, was komisch ist oder tragisch? Und das versuche ich gern in Spielform ins Fernsehen zu bringen. Kann das Land was dafür? Nein. Es ist allein meine Schuld.

Sie sind vor zehn Jahren in der "Wochenshow" bei Sat 1 als schwuler Sex-Berater Brisko Schneider ...

... angemalt worden!

... bekannt geworden. Nun spielen Sie sich in Ihrer Reihe "Pastewka" selbst. Sind Sie alberne Verkleidungen heute leid?

Früher habe ich geglaubt, dass sich für Bastian Pastewka niemand interessieren würde - und habe damals meine Eigenschaften in Sketchfiguren gepresst: Naivität in Brisko Schneider, Bräsigkeit in Ottmar Zittlau, einen etwas langsamen Typen aus der "Wochenshow". Und als ich merkte, dass diese Zeit für mich vorbei war, hat mir "Genial daneben" geholfen. Da saß ich plötzlich als Bastian Pastewka und war sämtlicher Verkleidungen, Dialekte beraubt - und habe erkannt: Es geht auch ohne meine Rollen.

"Pastewka" erzählt eher leise aus dem Alltag eines gutmütigen, etwas tollpatschigen Komikers, der in Hundescheiße tritt oder gegen eine automatische Schiebetür rennt. "Dick und Doof" reloaded?

Ich als lebendes Zitat der Stummfilmzeit? Zu viel der Ehre. Auf den Running Gag mit der Tür kamen wir durch Zufall. Wir haben vor einer Postfiliale gedreht, und immer wenn ich zügig reingehen sollte, musste ich bremsen, weil diese Türen einfach zu langsam aufgehen. Und das sah eben lustig aus. Im Übrigen habe ich mich als Kind vor "Dick und Doof" gefürchtet.

Wie geht das denn?

Da gab es die Folge "Zwei Studenten in Oxford", in der ein paar fiese Kommilitonen Stan und Ollie in ein Gartenlabyrinth schicken. Die beiden verlaufen sich hoffnungslos, schließlich wird es dunkel. Während Stan und Ollie auf einer Bank rasten, erscheint hinter der Hecke ein Gespenst, das die zwei ganz böse beobachtet und sich ihnen langsam nähert, dazu Gruselmusik. Ich habe erst Jahre später begriffen, dass dieses Gespenst ein verkleideter Student war, der sich einen Jux machen wollte. Der steckte nur unter einem Laken mit aufgemaltem Mund und schlechtem Hut - aber das Bild hat mich lange verfolgt. Dagegen hat mich "Scream" später gelangweilt.

Zappt man sich heute durch die deutsche Comedy-Landschaft, ist das meiste plump und vorhersehbar. Ständig macht irgendwo irgendjemand Witzchen über seine körperlichen Deformationen - der kleine Bernhard Hoecker, der noch kleinere Kalle Pohl, der Maddin mit seiner riesigen Klappe.

Ich werde meinen Kollegen hier nicht vorwerfen, dass sie häufig im Fernsehen auftreten. Man fragt ja auch nicht: Warum gibt es so viele News-Sendungen, oder warum muss Kabel 1 jetzt auch noch eine Reihe über Killerbakterien machen? Ich würde das weder den Bakterien vorwerfen noch Kabel 1, ehrlich! Das Problem liegt in der Erwartbarkeit der Programmierung: Wetten, dass die nächste komische Sendung auch noch in den Fun-Freitag eingebunden werden muss?

Die Wette gewinnen Sie.

Es gibt zwei Strömungen. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern findet man kaum noch Unterhaltungsformate, die Spaß machen. Eine Perle wie "Dittsche" traut sich das Erste nicht vor 0.20 Uhr zu zeigen. Man bekommt den Eindruck, so was darf dort eigentlich gar nicht stattfinden. Das andere Extrem sind die Comedy-Massenstimulationen des Privatfernsehens: RTL und Sat 1 legen seit Jahren alle Komikformate - unabhängig von ihrer Qualität und ihrem Humor - am Freitag direkt gegeneinander und glauben, sie würden sich damit befruchten. Da läuft "Axel!" gegen "Die Camper" und "Mein Leben & ich" gegen "Ladykracher". Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich jemand von 20.15 Uhr bis Mitternacht diese Stücke ansieht, auch wenn die Marktforschung meine Annahme widerlegt. Aber es gibt auch schon Fernsehmacher, die sagen: "Freunde, der erste der beiden Sender, der sich entscheidet, am Freitag keinen Fun mehr zu machen, hat gewonnen." Könnte durchaus sein, dass das den Markt beleben würde.

Und wer dann ein paar Jahre lang weniger Comedy macht, kann die alten Gags irgendwann wiederbeleben in einer neueren Form?

Ich glaube nicht, dass das so funktioniert. Rudi Carrell - Gott habe ihn sehr selig - hat zwar mal gesagt: Alle zehn Jahre kann man alles wiederholen ...

... das hat er auch gemacht.

Tatsächlich gibt es seinen berühmten Sketch "Jetzt singe ich mal ein Sonnenlied und Sie ein Regenlied" in einer frühen Version mit Heinz Erhardt und später noch mal mit Harald Juhnke. Genau das kann man heute aber nicht mehr machen, weil Comedy-Fans - und das ist eine sehr große, sehr genau schauende Gruppe - Kopien sofort erkennen. Schon jetzt kippt der Erfolg der Panel-Shows, weil da überall die gleichen Spaßmacher an einem Tisch sitzen - das ist eine Beliebigkeit, die offensichtlich auf Dauer nicht gut ist.

Man hat sich da eine Truppe rangezüchtet, die senderübergreifend einsetzbar ist.

Richtig erkannt. Von der WM-Runde im ZDF über die Chart-Show bei RTL bis zum Ratespiel des NDR. Die Einladungen zu diesen Sendungen erkennt man auch gern mal an der Adressierung: "LiebeR Barbara Schöneberger!" - habe ich so bekommen, kein Scherz! Das sind nämlich längst Rundmails, die an die Agenturen gehen und meist von 19-jährigen Praktikantinnen versendet werden. Dafür habe ich jetzt nahezu alle E-Mail-Adressen meiner lieben Kollegen im Verzeichnis!

Sie sind so irrsinnig schlau, dass Sie nur zur Mutter dieser Panel-Shows gehen, zu "Genial daneben" bei Ihrem Haussender Sat 1?

Da bin ich Idealist. Sicher, ich bin auch schon in anderen Sendungen aufgetreten, aber ich habe gemerkt: Ich kann nicht überall gleich gute Stimmung machen. Ich kann das aber bei "Genial daneben", weil ich Hugo Egon Balder kenne und Hella von Sinnen für mich eine Art Entdeckerin war, als sie mich Anfang der 90er Jahre zu ersten Sketch-Versuchen in das Kölner "Theater in der Filmdose" eingeladen hat. Und wo ein guter Geist herrscht, werde ich Familienmensch.

Gibt es intelligente Comedy?

Wenn sich Komik damit brüstet, intelligent zu sein, ist sie meist schon fehl am Platz. Und es ist Quatsch zu denken, die anspruchsvolle Pointe gehöre in den "Scheibenwischer" und der flache Hundescheiße-Gag in die Freitags-Comedy. Das Dieter-Hildebrandt-Wortspiel zu Roman Herzog, der damals eine Frau als seine Nachfolgerin vorgeschlagen hatte - "es muss ein Rock durch Deutschland gehen" -, das hat es bei "7 Tage - 7 Köpfe" eins zu eins genauso gegeben.

Haben wir uns nicht auseinander gelacht: Maddin & Co. für die Dummen, Harald Schmidt für die Schlauen?

Ob die Intellektuellen, die Schmidt gucken, sich wirklich im Klaren darüber sind, wie sehr der sie auslacht? Und seien Sie versichert: Hochintelligente Menschen beömmeln sich am meisten über Maddin Schneider. Der ist nämlich selber ein hochintelligenter Mann - nun gut, im Rahmen seiner Möglichkeiten. Er kann diese indifferente Schläfrigkeit wunderbar auf Abruf herstellen. Der lebt in einer fröhlichen Zwischenwelt, in der wir alle mal zu Gast sein dürfen.

Aber den einen Humoristen, der das Volk eint, über den alle lachen können wie einst über Heinz Erhardt - den gibt es nicht mehr.

Nein, weil es nicht mehr nur ARD und ZDF gibt, wo man am nächsten Morgen fragen konnte: "Hast du auf die Eins oder die Zwei gedrückt?" Aber es gibt nach wie vor gute Sendungen, gute Protagonisten, und die werden entdeckt. "Zimmer frei" mit Christine Westermann und Götz Alsmann ist kein Quotenhit, erfreut aber seit zehn Jahren eine große Fangemeinde.

Über einen Loriot lacht man noch heute. Werden wir uns in 30 Jahren an das erinnern, was Sie jetzt machen?

Ich glaube fest daran! Vieles wird ja weitertransportiert über die Generationen. Ich musste mich damals vor Stan und Ollie fürchten, weil mein Vater gesagt hat: "Das ist lustig, mein Junge, schau dir das mal an!" Und im deutschen Fernsehen wird ja ohnehin alles ständig wiederholt. Neulich habe ich "Sketch Up" gesehen mit Diether Krebs und Beatrice Richter ...

... zum 150. Mal?

Mindestens. Und über den Witz: "Küss mich!" - "Ich habe Skrupel" - "Macht nichts, ich bin geimpft", habe ich auch diesmal sehr laut gelacht.

Interview: Ulrike von Bülow, Alexander Kühn / print