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Behinderten-Talk mit Guildo Horn: Und alles ohne Mitleid

Schade. Die zweite Staffel von "Guildo und seine Gäste" ist zu Ende. Ob Herr Horns Talk mit Behinderten fortgesetzt wird, hat der Südwestrundfunk noch nicht entschieden. Wir sind dafür!

Von Christoph Wirtz

Dirk Windgassen ist ein ziemlich abgezockter Fernsehsack. Reporter bei "RTL-Explosiv" war er, dann Chef vom Dienst bei "Bärbel Schäfer", später bei RTL2. Der Mann ist fleischgewordenes Unterschichtenfernsehen. Sein Schädel ist stoppelkurz rasiert, auf seinem schwarzen Shirt steht: "My life is not a soap opera". Neben ihm sitzt Guildo Horn und raucht Selbstgedrehte. Ein schütterer, leicht angefetteter Haarkranz umspielt seine schmächtigen Schultern. Guildo Horn ist der "Ritter der Zärtlichkeit". Der Herr der Nussecken. Die Reinkarnation von Roy Black. Dirk Windgassen ist Leadsänger der Punkrockband "Der Fluch".

Im Moment sitzen beide im Frühstücksraum des Hotels "Tannenhof" in Baden-Baden und lauschen gemeinsam mit Jutta, Marcel und Holger, was der Stefan zu den Auswirkungen der verschiedenen Mondphasen auf den Hobbygartenbau im Allgemeinen und unter besonderer Berücksichtigung der Adventskranzbindekunst ausführt. Seit zehn Minuten. Ununterbrochen. Satz an Satz. Stefan ist geistig behindert. Jutta, Marcel und Holger auch.

Die weltweit erste Talkshow dieser Art

Guildo Horn ist Musiktherapeut und Sozialpädagoge mit abgeschlossenem Studium. Er hat in einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung gearbeitet, tritt regelmäßig mit der Band "Tabuwta" auf, deren Mitglieder ebenfalls geistig behindert sind, war Schirmherr der WM der Menschen mit Behinderung. Er wollte immer schon mal eine Sendung mit geistig behinderten Menschen moderieren. Seit Juni tut er das nun beim SWR: "Guildo und seine Gäste" - die weltweit erste und einzige Talkshow dieser Art. Dirk Windgassen ist der Executive Producer der Sendung. Außerdem ist er Diplompsychologe. Und so was wie der Herbergsvater vom "Tannenhof": "Jutta, Stefan, Marcel, Holger - los, umziehen. Halb zwölf fahren wir ins Studio. Pünktlich."

Das Herausragende an "Guildo und seine Gäste" ist, dass hier zum ersten Mal geistig behinderte Menschen nicht gezwungen sind, Mitleid für den guten Zweck zu erregen oder über ihre Behinderung zu sprechen. Dass sie vielmehr ihre persönliche Sicht auf die Welt und deren Themen von Tatjana Gsell bis Gasprom-Gerd ungefiltert verbreiten dürfen. Und zwar witzig oder flach, geistreich oder banal - wie's halt grad kommt. "Einfach geiles Fernsehen" findet Windgassen. "Wir machen hier nicht den Pfarrer Fliege und 'oh du armer Behinderter'. Pädagogischen Ansatz gibt’s nicht!" Für letzteres steht schon Guildo Horn. Man fragt sich, was die Programmverantwortlichen des SWR mehr Überwindung gekostet hat - das Format oder der Moderator. Beides passt jedenfalls zusammen. Findet auch Dirk Windgassen: "Unser Hörnchen nimmt die Leute einfach ernst - hart aber herzlich." Gerade hat die Sendung den Paralympic Media Award gewonnen.

Zwischen Flipperautomat und Musiktruhe

Das Studio sieht aus, als sei der SWR-Fundus explodiert. Vermutlich trifft es den persönlichen Geschmack des Moderators ziemlich genau. Besonderer Blickfang zwischen Flipperautomat und furnierter Musiktruhe, offenem Kamin und Notrufsäule, Kinosesseln, Torwand und diversen Topfpflanzen: Ein von zwei gekreuzten Delfinflossen getragener Glastisch auf einem Kuhfell - gekrönt von einem Adventskranz mit neun Kerzen. Der Moderator sitzt im hellgrünen Rüschenhemd auf einem rosafarbenen Sofa neben einer pinken Pappmaché-Sau, knuddelt eine Mosi-Daisy aus Plüsch und sagt Sätze wie: "Hier ist 'Guildo und seine Gäste' - die wahrscheinlich längste Praline der Welt". Und stolz verkündet Windgassen: "In der Sendung ist locker 20 Prozent Anarchie drin." Er untertreibt maßlos.

Die Gäste von "Guildo und seine Gäste" wechseln von Sendung zu Sendung. Manche sind zwei oder drei Mal dabei. Sie werden regulär nach Fernsehtauglichkeit gecastet, von Anfang an soll das betulich-gutmenschliche keine Chance bekommen. Dem Vorwurf öffentlicher Zurschaustellung begegnet Horn knapp: "Wir haben in Deutschland 450.000 Menschen mit geistiger Behinderung - sollen wir die alle verstecken? Wir schaffen hier eine Plattform. Alles was Berührungspunkte schafft hilft." Und überhaupt: "Ich will ja keinen in den Tagebau schicken." Beruhigend. Aber das erklärt noch nicht, warum man sich die Sendung anschauen soll. "Weil meine Gäste eine andere Sicht auf die Welt haben. Individuell und völlig authentisch. Und weil sie nichts vorspielen oder verkaufen wollen wie all die Nasen bei Kerner oder Christiansen."

Ein Quantensprung

Manchmal kann soviel unverstellte Offenheit natürlich auch ganz schön langweilig sein. Dann verraten die Antworten der Gäste nicht viel mehr als eine gehörige Portion gesunden Menschenverstand: "Was soll Schumi eigentlich mit seiner ganzen Kohle machen?" "Och, erst mal Urlaub." Problematischer aber ist, dass der Sendungsaufbau die Gäste zu Teilen sichtlich überfordert. Schon Talkgäste ohne Behinderung bekommen ja regelmäßig Beklemmungen angesichts der Herausforderung vier Themenblöcke in dreißig Minuten inklusive zwei Einspielern, drei Mitdiskutanten und dem hektischen Geschiebe eines guten Dutzends Fernsehfuzzis zu bewältigen.

Und doch: Dass es im SWR nun ein Format gibt, in dem Menschen mit geistiger Behinderung ganz selbstverständlich zu Wort kommen, dass mit ihnen und nicht nur über sie geredet wird - das ist ein Quantensprung und lohnend anzusehen. Lohnend auch, weil sich beim Zuschauen vieles relativiert und weil die ungewohnte Floskelfreiheit ausgesprochen gut tut. Und weil Guildo Horn ein guter Gastgeber ist, der seine Gäste einfach ganz normal behandelt. Na ja, normal im Rahmen seiner Möglichkeiten.