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Momente der TV-Geschichte Piep, piep, piep - als Guildo Horn die Nation erregte

ESC-Vorentscheid 1998 mit Guildo Horn
Ein "Meister" mit zotteligem Haar: Guildo Horn singt 1998 im Samtanzug beim ESC-Vorentscheid in Bremen.
© Ingo Wagner/ / Picture Alliance
Vom "Schlager-Krieg" ist 1998 die Rede: Guildo Horn will Deutschland beim ESC in Birmingham vertreten. Eine Ungeheuerlichkeit, wittern einige. Doch nach der ersten Empörung folgt eine Woge der Sympathie.

Wochenlang sorgt die Show, die zum "Schlager-Krieg" stilisiert wird, für Schlagzeilen. "Darf dieser Mann für Deutschland singen?", fragt die "Bild"-Zeitung und spricht von einem Sänger mit "Zottelmähne, Schwabbelbauch und Anzügen aus der Altkleidersammlung". Am 26. Februar 1998 kommt es in der Bremer Stadthalle zum Showdown. In der Sendung "Countdown Grand Prix 1998" schwingt sich einer auf, Deutschland beim Eurovision Song Contest in Birmingham zu vertreten, der angeblich das Land spaltet: Guildo Horn.

Es ist der erste ESC-Streich von Stefan Raab. Der hat für Horn das Lied "Guildo hat euch lieb" geschrieben und will damit die Vorherrschaft von Schlager-Legende Ralph Siegel brechen. Der Altmeister ist mit gleich drei Liedern beim Vorentscheid vertreten. Doch der Mann, der mit "Ein bisschen Frieden" und Nicole 16 Jahre zuvor für Deutschlands ersten Grand-Prix-Sieg sorgte, ist dieses Mal chancenlos.

Über 60 Prozent stimmen für Guildo Horn

"Jetzt kommt einer, der hat sich von ganz unten nach oben hochgearbeitet", kündigt Moderatorin Nena Horn an. Der sitzt in einem riesigen Umhang und Samtanzug auf der Bühne – der neue Schlagerkönig ist da. Highlight seines Auftritts ist ein Gang durch die Zuschauerreihen. Am Schluss klettert er schwitzend und völlig außer Atem auf ein Baugerüst. Anarchie! So etwas hat der deutsche Vorentscheid noch nicht gesehen.

Das Publikum in der Halle tobt. Und auch die fünf Millionen TV-Zuschauer zuhause erobert Horn im Sturm. Mit seiner kuriosen Show bekommt er 61,8 Prozent der Zuschauerstimmen. Gegen den schrillen "Meister", wie er von seinen Fans genannt wird, haben "Rosenstolz" (Platz zwei) oder die "Drei jungen Tenöre" (Platz drei) keine Chance. Siegel landet mit seinen Liedern abgeschlagen auf den hinteren Rängen.

Ralph Siegel tobt

"Mein Sieg war die Perestroika im Schlagergeschäft", erklärt Horn und schiebt bescheiden hinterher: "Ich hoffe, ich bin würdig." Doch einer ist mit dieser Wahl ganz und gar nicht einverstanden. Ralph Siegel steht mit versteinerter Miene hinter der Bühne, ätzt hinterher: "Wir erleben hier einen Riesen-Skandal! Mit dieser Witzfigur werden wir in Birmingham mit wehenden Fahnen untergehen. Ich werde nie mehr etwas zum Grand Prix beisteuern."

Mit beidem sollte er Unrecht behalten. Siegel, bis heute Mister Grand-Prix, wird schon ein Jahr später wieder antreten (mit der Gruppe "Sürpriz", mit der er beim ESC 1999 Dritter wird). Und Horn, der für Deutschland nach Birmingham fährt, holt dort einen respektablen siebten Platz. Er gilt als Sieger der Herzen.

mai

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