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Binge-Watching: Ich habe in 19 Tagen 67 Stunden "Game of Thrones" geschaut – und fühle mich jetzt irgendwie schlecht

Unser Autor hat den Lockdown genutzt, um in Rekordzeit "Game of Thrones" durchzuschauen. Auf neue Staffeln musste er dabei nicht warten – und dennoch beneidet er all diejenigen ein wenig, die die Serien damals im Fernsehen gesehen haben. 

Neue Folgen von "Game of Thrones" will der Sender HBO möglichst lange geheim halten

"Wenn ich mal richtig viel Zeit habe", habe ich oft gesagt, "wenn ich mal richtig viel Zeit habe, dann schaue ich 'Game of Thrones'." Die große Fantasy-Serie hatte ich immer nur von außen verfolgt: Man las ständig darüber, die Kollegen redeten andauernd davon, aber ich selbst hatte meinen Zugang dazu noch nicht gefunden. Ein Versuch wurde nach der ersten Folge abgebrochen, die vielen Königreiche waren mir zu unübersichtlich und überhaupt, mit einer Serie anfangen, wenn alle anderen schon über Staffel vier oder fünf sprechen – was soll das?

Also schmunzelte ich darüber, wenn die Kollegen mit allen Mitteln Spoiler zu umgehen versuchten, schaltete innerlich auf Durchzug, wenn sie über das angeblich vermurkste Finale sprachen und schob es weiter auf, diese Bildungslücke zu füllen. Bis dahin, wenn ich ganz viel Zeit hätte eben – aber wann sollte das schon sein ...

Nun, die Zeit kam. Es hätte nicht unbedingt eine Pandemie mit landesweitem Lockdown sein müssen, aber so konnte ich zumindest in Ruhe dieses Projekt angehen. In den vergangenen 19 Tagen habe ich mehr als 67 Stunden "Game of Thrones" geschaut, von der ersten bis zur letzten Folge. Nebenbei habe ich noch gearbeitet, aber man schafft so einiges, wenn sich die meisten Freizeitaktivitäten von selbst erledigen. Eine Folge nach der anderen zog über den Bildschirm, die Staffeln schlossen nahtlos aneinander an, dann war klar, wer am Ende auf dem Eisernen Thron sitzt. Und doch fühlte ich mich nach diesem Serienmarathon irgendwie schlecht. 

"Game of Thrones"-Serienmarathon: Drei Wochen statt acht Jahre

Das liegt mit Sicherheit nicht an "Game of Thrones". Eine großartige Serie, genauso spannend und packend, wie alle gesagt haben. Möglicherweise hätte ich sogar freiwillig auf soziale Kontakte und Veranstaltungen verzichtet, um mir Zeit für die nächste Episode freizuschaufeln. Und die übernächste. Denn einen großen Vorteil hatte ich gegenüber all jenen, die die Serie damals im Fernsehen verfolgten: Ich musste nicht eine Woche auf die nächste Folge warten.

Das, wofür andere acht Jahre brauchten – nämlich "Game of Thrones" bis zum Ende zu verfolgen –, erledigte ich in nicht einmal drei Wochen. Das ist nicht nur eine veritable Zeitersparnis. So ein Marathon im Sitzen entledigt vor allem von Unannehmlichkeiten, die eine lineare Ausstrahlung der Folgen für den Zuschauer mit sich bringt: Es gibt kein lästiges, nervtötendes Warten auf die nächste Episode oder Staffel, keine Nervosität nach einem Cliffhanger. Alles ist da, wenn du es brauchst. Zeitsouveränes Fernsehen nennt man das.

Die Krone aus der Serie "Game of Thrones"

 

Etwas Entscheidendes fehlt

Das klingt gut, ist aber womöglich genau der Ursprung meines Unbehagens. Ich weiß jetzt zwar über "Game of Thrones" Bescheid – aber trotzdem habe ich das Gefühl, etwas Entscheidendes verpasst zu haben. Etwas, das diejenigen, die sich die Serie nicht mit dem Vorschlaghammer gegeben haben, erlebt haben. Ich erinnere mich daran, wie Bekannte jede Woche die aktuelle Folge diskutierten, wie sich in den sozialen Netzwerken Staunen und Entsetzen über den nächsten Coup der Serienmacher breit machten. Ein Medium als Lagerfeuer, um das sich viele Menschen versammeln – das ist sehr selten geworden.

Diesen Effekt gab es bei meinem "Game of Thrones"-Erlebnis höchst selten. Natürlich hat mich die "Red Wedding" auch kalt erwischt und am Ende konnte auch ich nicht ins Bett gehen, ohne zu wissen, wer das Rennen um den Thron macht. Aber die Zeit, mir darum große Gedanken zu machen, sogar so etwas wie (An-)Spannung aufzubauen, war nie wirklich da. Zwischen der Ausstrahlung der vorletzten und der letzten Staffel im Fernsehen lagen fast zwei Jahre. Bei mir waren es zwei Klicks.

Beim Binge-Watching geht die Wertschätzung verloren

Binge-Watching – also sich mehrere Folgen einer Serie, womöglich sogar eine ganze Staffel am Stück anzuschauen – ist ein weit verbreitetes Phänomen, seit es Mediatheken, Netflix, Amazon Prime oder Sky Ticket gibt. Meist werden auf diesen Plattformen vollständige Staffeln zur Verfügung gestellt, selten kommt es vor, dass die Folgen nur im Wochenrhythmus veröffentlicht werden. Lineares Fernsehen zu einer bestimmten Zeit ist ohnehin vollkommen aus der Mode gekommen. 

Das gibt dem Zuschauer viel Freiheit – aber irgendwie fehlt auch etwas. Bei Serien wie "Breaking Bad" oder noch früher "Verbotene Liebe" kam nach dem Cliffhanger das Warten auf die Fortsetzung. Beim Streaming ist die Fortsetzung keine eigene Entscheidung mehr, sondern einfach der Lauf der Dinge: Die nächste Folge startet automatisch, sofern wir uns nicht für den Abbruch entscheiden. Und das kann – siehe "Game of Thrones" – ganz schön lange so gehen.

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Was fehlt, ist die Wertschätzung für ein Produkt – und möglicherweise auch ein Teil des Vergnügens. Bei näherer Betrachtung fühlt es sich nicht richtig an, eine Serie, an der Autoren, Regisseure und Schauspieler jahrelang gearbeitet haben, wie ein Maxi-Menü hinunterzuschlingen. Die Geschichte folgt einem bestimmten Plot, der sich entfalten muss und im Idealfall auch intelligent genug ist, dass man sich die Zeit nimmt, ein wenig darüber nachzudenken.

Wie beim Fast Food hält der Serienstoff beim Binge-Watching aber nicht lange vor. In einer Studie an der Universität Melbourne hatten Zuschauer, die eine komplette Staffel innerhalb von 24 Stunden durchschauten, den Großteil des Inhalts deutlich schneller vergessen als solche, die sich mehr Zeit damit gelassen hatten. Außerdem hatte ihnen das Schauen der Serie weniger Spaß bereitet. Vielleicht ist es also doch mal wieder Zeit für das gute, alte Fernsehen.

Quellen: Studie "The impact of binge watching on memory and perceived comprehension" / "Washington Post"

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