HOME

"Club der roten Bänder": Wie ein Spanier den Serienhit des Jahres schuf

Mit 14 erkrankte Albert Espinosa an Krebs. Es war der Beginn eines Lebenskampfes, der ihn schließlich zum gefeierten Autor machte. Zu Besuch beim Poeten des Clubs der roten Bänder.

Von Silke Wichert

Club der roten Bänder

Erkennungszeichen am Handgelenk: die sechs Hauptdarsteller von "Club der roten Bänder". Die Serie geht auf Vox nun in die zweite Staffel.

Sie müssen Abschied nehmen. Nicht zwei Menschen, die sich Lebewohl sagen, sondern ein Junge, der sein Bein verlieren wird. Aber wie tut man das? Wie? Zumindest sollte man sich ordentlich verabschieden, wird dem krebskranken Teenager Jonas in Folge zwei von "Der Club der roten Bänder" geraten. Also lädt er seine Freunde im Krankenhaus zu einer Party ein. Er tanzt mit einem Mädchen, vielleicht zum letzten Mal. Am nächsten Morgen wird er in den Operationssaal gefahren.

Albert Espinosa hat diese Party selbst gefeiert, vor 29 Jahren, mit 14, in einem Krankenhaus in Barcelona. Als bei ihm ein Tumor gefunden wurde, gaben ihm die Ärzte eine Überlebenschance von drei Prozent und rieten den Eltern, mit ihrem Sohn noch einen schönen letzten Monat in einem Kinderhospiz auf der Insel Menorca zu verbringen. "Wir blieben eine Woche und entschieden dann, dass drei Prozent eigentlich gar nicht so wenig sind", sagt Espinosa. Sie flogen nach Hause - und begannen zu kämpfen.

Espinosa hat sich die Welt seiner Figuren nicht ausgedacht, er hat in ihr gelebt. Beim echten Abschiedsfest hat er allerdings nicht mit einem Mädchen, sondern mit einer Krankenschwester getanzt. Und er hat noch einen Torwart eingeladen, gegen den er als Jugendspieler beim FC Barcelona nur einmal getroffen hatte. "An diesem Abend sagten wir, er hätte mindestens 50 Dinger von mir kassiert", erzählt Espinosa und lacht.

Manchmal träumt er davon, selbst Fußball zu spielen

Der 43-Jährige sitzt in seiner Wohnung im neunten Stock eines schmucklosen Wohnblocks mit Blick auf Barcelonas berühmtes Fußballstadion "Camp Nou". Sein Schreibtisch steht direkt am Fenster. Wären die Zuschauerränge nicht so verdammt hoch, er könnte "Barcas" Spiele gratis sehen. "Wenn ich die Rufe der Fans höre, gibt mir das unglaubliche Energie", sagt Espinosa. Manchmal träume er davon, selbst Fußball zu spielen. "Die einzigen Momente, in denen ich mich noch mit zwei Beinen sehe."

Die Darsteller der Vox-Serie: Sie sind der "Club der roten Bänder"
Leo (Tim Oliver Schultz)

Tim Oliver Schultz (Leo)
Der Schauspieler Tim Oliver Schultz kann trotz seiner 29 Jahre bereits ein beeindruckendes Schaffen vorweisen. Der Berliner wirkte in rund 40 Filmen mit. In "Club der roten Bänder" spielt er den Langzeit-Patienten Leo, der bereits seit mehr als einem Jahr in der Klinik liegt und dem ein Bein amputiert wurde. "Es war ein riesiger Reiz für mich, einen krebskranken Kämpfer zu spielen, der seine Haare verloren hat, der nur ein Bein hat und im Rollstuhl sitzt", sagt Schultz über die Rolle. "Ich habe mich im Vorfeld viel damit beschäftigt und habe jemanden getroffen, der ein ähnliches Schicksal durchlebte wie Leo. Er sagte, dass es auf eine Art die schönste Zeit in seinem Leben war, obwohl er einige Chemotherapien mitmachen musste." Leo ist der Anführer vom Club der roten Bänder - und in Emma verliebt.

Nach seinem linken Unterschenkel wurden ihm später ein Lungenflügel und ein Teil seiner Leber entfernt, aber nach drei Chemotherapien und zehn Jahren ständiger Krankenhausaufenthalte gilt Espinosa heute als geheilt. Er hat seitdem alles aufgeschrieben, was er erlebt und gelernt hat; hat Romane, Theaterstücke, Drehbücher daraus gemacht. Zwei Bücher sind gerade auf Deutsch erschienen, "Club der blauen Welt" und das neueste, "Die roten Geheimnisse". Aber sein größter Erfolg, "meine Star-Wars-Saga", wie er nur halb im Scherz sagt, ist "Der Club der roten Bänder".

Es erzählt die Geschichte sechs junger Patienten, die auf der Jugendstation zu ganz besonderen Freunden werden und eine "Gang" gründen. Wie sich das für fast normale Jugendliche gehört. Erkennungszeichen: rote Operationsbänder. Einmal brechen sie nachts in einen verlassenen Trakt ein und überraschen ältere Patienten beim Glücksspiel. Als Leo, der Anführer der Gang, statt der einfachen Holzprothese blindlings die "Terminator-Version" bestellt, sitzen er und ein anderer Junge bald selbst am verbotenen Pokertisch, um das fehlende Geld zu beschaffen.

"Club der roten Bänder" erscheint in 20 Ländern

Der Stoff erschien mittlerweile in über 20 Ländern, in einem Dutzend davon auch als Fernsehserie. Steven Spielberg hat für seine Version in Amerika einen Emmy gewonnen, der bei Espinosa auf dem Wohnzimmertisch steht. Dem deutschen Sender Vox ist damit Ende vergangenen Jahres ein Überraschungserfolg gelungen, der mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Am 7. November startet die zweite Staffel.

Was die Serie so ungewöhnlich macht, ist die Perspektive: Normalerweise stehen in Krankenhausserien die Ärzte und ihre Herzschmerzgeschichten im Mittelpunkt, hier sind - wie bei John Green und seinem gefeierten Buch "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" - die jungen Patienten die Helden. Und sie kämpfen in ihrer Schlacht gegen den Krebs, einen Herzfehler oder die Magersucht ohne falsches Pathos, dafür mit erstaunlich viel Humor, den ihnen Albert Espinosa mitgegeben hat.

"Ich stehe seit meiner Operation immer mit dem richtigen Bein auf", sagt er. Als Teile seiner Leber entfernt wurden und die Ärzte ihm erklärten, sie sehe jetzt sternförmig aus, erzählte er allen, er trage einen Sheriffstern unter der Brust. "Wir Kinder hatten im Krankenhaus vielleicht kein normales Leben, aber wir hatten auch Spaß", sagt der Autor. "Wir konnten nicht in die Disco gehen, aber fünf Etagen mit unseren Rollstühlen unsicher machen." Nachdem die Serie im spanischen Fernsehen ausgestrahlt worden war, stiegen die Besucherzahlen auf den Kinderstationen fast um das Doppelte. Die Leute verloren ihre Berührungsängste. Noch immer bekommt Espinosa Tausende E-Mails pro Tag von Patienten und deren Angehörigen.

Albert Espinosa macht keine Pläne mehr

Heute geht der einst Todgeweihte jeden Tag schwimmen und spielt Trompete, alles Dinge, die unmöglich schienen. Es gehe in seinen Büchern trotzdem nicht darum, wie man überlebt, sondern, wie man lernt, richtig zu leben, sagt Espinosa. Er selbst macht keine Pläne mehr, die länger als drei Monate in die Zukunft reichen. Er lebt sein Leben für den Moment. Genauer gesagt: seine 4,7 Leben. "Wir hatten im Krankenhaus einen Pakt geschlossen: Wenn einer von uns starb, würden die anderen sein Leben untereinander aufteilen", erzählt Espinosa. Und sie würden versuchen, die Träume und Wünsche für ihn zu erfüllen. Jeder hatte eine Liste gemacht. Was auf seiner eigenen stand, verrät Espinosa nicht, aber das meiste davon hat er gleich im Jahr nach seiner Entlassung abgearbeitet. Da war er 24, das Krankenhaus war zur Schule seines Lebens geworden. Andere hätten das alles wahrscheinlich ein für allemal hinter sich lassen wollen, Espinosa aber sieht diese Zeit nicht als Verlust, sondern als Gewinn. "Woody Allen hat unzählige Filme über Manhattan gedreht - ich habe ein anderes Thema gefunden."

Noch immer ist er ständig unterwegs, um bei den Dreharbeiten dabei zu sein, wenn seine Geschichte wieder in einem anderen Land verfilmt wird. In Italien, in Argentinien, bald in Frankreich. Oder eben in Deutschland. Gerade ist er von den Dreharbeiten zum Ende der zweiten Staffel zurückgekehrt. Der Club der roten Bänder droht in diesen Folgen auseinanderzubrechen, weil die Ersten das Krankenhaus verlassen dürfen. Doch der Weg zurück ins alte Leben ist schwieriger als gedacht.

"Die deutsche Version ist meine liebste", verrät der Autor, "weil sie so real ist." Er sei ja jetzt ohnehin zu 14 Prozent deutsch. Sein linkes Bein kommt aus der Nähe von Hannover, vor ein paar Wochen wurde es angepasst. "Alle fünf Jahre ist das Material verschlissen", sagt Espinosa, "aber jede neue Prothese ist ein echter Fortschritt, die Technik wird immer besser." Mit seinem neuen Bein kann er sogar wieder das tun, woran er seit seiner Abschiedsparty damals nicht mehr geglaubt hatte: mit jemandem tanzen.