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"Club der roten Bänder" auf Vox: Kinder krank, Fernsehen gesund

Mit "Club der roten Bänder" gelang Vox etwas ganz Besonderes: Eine TV-Serie über todkranke Jugendliche, die gleichermaßen unterhaltsam wie berührend ist.

Club der roten Bänder

Szene aus "Club der roten Bänder": Leo (Tim Oliver Schultz, l.) macht Bekanntschaft mit dem unausstehlichen Alex (Timur Bartels). Krankenpfleger Dietz (Sahin Eryilmaz) schaut gebannt zu.

Dieser Fernsehmehrteiler verstößt wohl gegen jede Regel, wie eine erfolgreiche Serie auszusehen hat: Der Erzähler der Geschichte spricht aus dem Koma zu den Zuschauern. Erwachsene kommen hier nur am Rande vor. Die jugendlichen Hauptfiguren sind allesamt schwer krank. Und obwohl sich die Handlung im Krankenhaus zuträgt, spielen Ärzte keine Rolle. Zudem kommt die Produktion ohne bekannte Schauspieler aus. Willkommen bei "Club der roten Bänder", dem wohl ungewöhnlichste Serienstart des Fernsehjahres 2015.

Was mindestens ebenso ungewöhnlich ist: Die neue Produktion startet nicht bei einer der üppig finanzierten öffentlich-rechtlichen Anstalten, sondern beim Privatsender Vox.

Die größte Überraschung aber ist: "Club der roten Bänder" ist großartige Fernsehunterhaltung. Dabei schreckt die Handlung zunächst ab: Wir begleiten den Jugendlichen Jonas (Damian Hardung), der ins Krankenhaus eingewiesen wird: Ihm soll ein Bein amputiert werden. Krankenpfleger Dietz (Sahin Eryilmaz) kommt sogleich mit einem Rollstuhl angelaufen. "Noch kann ich gehen", will ihn Jonas abservieren, doch der Pfleger kontert. "Freu dich, dass du einen Chauffeur hast."  

Bei "Club der roten Bänder" wird niemand in Watte gepackt

Im Krankenzimmer lernt er den Altersgenossen Leo (Tim Oliver Schultz) kennen, der die Beinamputation bereits hinter sich hat und zum Schulunterricht abkommandiert wird und Jonas die Nachteile am Leben im Krankenhaus erklärt: "Du kannst nicht mal eben krank machen."

Noch bevor man sich als stressgeplagter Fernsehzuschauer abwenden will, weil man sich seinen Feierabend nicht mit den Geschichten todkranker Jugendlicher vermiesen lassen will, hat einen die Serie gepackt. Wir lernen weitere Patienten kennen: Emma (Luise Befort), die an Essstörungen leidet, aber ansonsten gut austeilen kann: "Immerhin kann ich dir in den Arsch treten", knallt sie Leo vor den Kopf, als der sie ärgert.

In solchen Szenen zeigt sich die große Stärke von "Club der roten Bänder": Hier wird nichts beschönigt, niemand in Watte gepackt. Die Serie ist ein Musterbeispiel dafür, wie man schwere Stoffe federleicht erzählt. Wie man unterhält, ohne weichzuspülen. Wie man von schlimmen Schicksalen erzählt, ohne rührselig zu werden.

Auch Patienten können Arschlöcher sein

Umgekehrt wird nichts verharmlost. Auch die Ängste und das Leiden der Patienten finden hier Raum und Ausdruck. Während in herkömmlichen Krankenhausserien wie "In aller Freundschaft" (ARD) am Ende meist alles gut ausgeht, sind die Beine von Jonas und Leo unwiederbringlich amputiert. Emmas Essstörungen sind ein ernstes Problem. Und der kleine Hugo, der als Erzähler aus dem Off zu uns spricht, liegt seit zwei Jahren im Koma. 

Alle müssen sich auf eine lange Zeit in der Klinik einstellen. Und so gründen sie eine Bande: den Club der roten Bänder. Ein rotes Band bekommt jeder, der eine Operation hinter sich hat. Wie in der Welt draußen sind auch im Krankenhaus nicht alle Patienten Sympathieträger. Der schnöselige Alex (Timur Bartels) ist ein echtes Ekelpaket, der seine Klassenkameraden erniedrigt und auch im Krankenhaus noch glaubt, Oberwasser zu haben: "Was kann man von einem Typen erwarten, der Krankenschwester wird", disst er den Pfleger Dietz.

Nein, in dieser Serie ist die Welt wirklich nicht in Ordnung. Und doch zeigen die Protagonisten, wie man das Beste draus macht. Leo überredet Jonas, eine Abschiedsparty für sein Bein zu geben. Er solle sich nicht runterziehen lassen, egal wie schlimm alles sei. Sie versuchen eben, das beste aus der Lage zu machen, getreu dem Motto: "Du kannst hier drin an Krebs sterben. Aber auch an Langeweile."

Die Zuschauer dieser Serie, so viel kann man jetzt schon sagen, werden nicht an Langeweile sterben.

Die Darsteller der Vox-Serie: Sie sind der "Club der roten Bänder"
Leo (Tim Oliver Schultz)

Tim Oliver Schultz (Leo)
Der Schauspieler Tim Oliver Schultz kann trotz seiner 29 Jahre bereits ein beeindruckendes Schaffen vorweisen. Der Berliner wirkte in rund 40 Filmen mit. In "Club der roten Bänder" spielt er den Langzeit-Patienten Leo, der bereits seit mehr als einem Jahr in der Klinik liegt und dem ein Bein amputiert wurde. "Es war ein riesiger Reiz für mich, einen krebskranken Kämpfer zu spielen, der seine Haare verloren hat, der nur ein Bein hat und im Rollstuhl sitzt", sagt Schultz über die Rolle. "Ich habe mich im Vorfeld viel damit beschäftigt und habe jemanden getroffen, der ein ähnliches Schicksal durchlebte wie Leo. Er sagte, dass es auf eine Art die schönste Zeit in seinem Leben war, obwohl er einige Chemotherapien mitmachen musste." Leo ist der Anführer vom Club der roten Bänder - und in Emma verliebt.