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Die Medienkolumne: Du kommst auch drin vor - Fernsehen als Heimat

Wenn es in den USA haufenweise Lokal-Fernsehen gibt, müsste das bei uns doch auch gelingen. Doch weder die regionalen Fensterprogramm der großen Sender noch die offenen Kanäle des Bürgerfernsehens stellen zufrieden. Im "jecken" Köln kommt man der Lösung näher.

Von Bernd Gäbler

"Global Village" - andersrum. O.k. - die Welt wird zum Dorf. Aber die Globalisierungs-Weisheit stimmt auch andersrum: das Dorf als letzte Antwort auf die Globalisierung. Auch aus einer Großstadt kann ein Dorf werden. Jedenfalls in Köln. In der "Jeckenstadt" lebt ein kommerzieller Sender von dieser Stimmung und erzeugt sie auch. "center tv" heißt die Firma und "Heimatfernsehen" nennt sie ihr Produkt. Das wichtigste für den Kölner: Er kommt auch drin vor. Das eigene Kind wird beim St. Martins-Umzug gefilmt, das Feuerwehrfest in Erftstadt-Lechenich gewürdigt, die "Veedels-Reporter" stellen Kurzfilmchen ins Programm ein, "Rolladen Porz" und "Foto Gregor" sind mit selbstgebastelten Werbesports vertreten, Vereine und Karneval gibt es en masse, aber auch aus den in den Kirchen ausliegenden Fürbitt-Büchern wird vorgetragen, und "als Christoph Daum Trainer des 1. FC Köln wurde, war das für uns wie bei anderen Sendern der 11. September", erklärt André Zalbertus, Macher, Initiator und Eigentümer des kleinen Senders. Mit mehreren Kameras wurde live vom ersten Training berichtet, rund um die Uhr waren Meinungen der Fans gefragt.

"Zosamme luure, zosamme fiere" als "user generated content"

. Journalismus muss man das nicht unbedingt nennen, was dieser gefühlige Sender an "Emo-tainment" betreibt, aber er gehört zu den wenigen kommerziellen Medien, denen es gelingt, sogar so etwas wie eine Basisbewegung des Mitmachens und Genießens auszulösen. Dieses "Heimatfernsehen" bietet eine Art "underground" für Vereinsmeier, Selbstbespiegelung der Nachbarschaft, fröhliches Wohlfühlen durch Nähe. Man kann mitmachen und sich selber anschauen. Der Mini-Sender ist beweglich, schnell und unkompliziert - und oft auch ganz unten. Er will gar nicht so sein wie der kleinteilig regionalisierte WDR, aber auch auf keinen Fall ein von Interessensgruppen okkupiertes Video-Amateur-Treffen, wie es die "offenen Kanäle" inzwischen meist sind. Weder staatstragende Töne wird man hören noch Belehrung. Nah dran und direkt - so heißt das artistische Credo.

Die Ignoranz der Großmedien. Die lokalen Großmedien - sowohl der WDR wie der dominante Verlag Neven DuMont - haben den Sender ignoriert. Durch diese Arroganz fiel dem Sender-David, der selber durch und durch kommerziell konzipiert ist, sogar der Bonus einer "Gegenöffentlichkeit" zu. Inzwischen hat er erste, kleine "Stars" hervorgebracht: Selcuk und Maurice, die Kölner Hip-Hop vorstellen; Tobias Ufer, ein richtiger "Fußball-Junge", der massenhaft Sport präsentiert - und natürlich die Zwillinge Angela und Melanie Knobloch, die im genetisch identischen Doppelpack moderieren. Wie gesagt: Vieles ist nicht nur eigen, sondern auch eigenartig.

Billig, billig, billig - wie Aldi-Fernsehen.

Inzwischen kann sich der Sender sogar schon leisten, einen Reporter auf die Israel-Tour des Dom-Chors mitzuschicken. Das ist neu. Denn von Beginn an wurde so sehr auf die Kosten geachtet, dass getrost von einem neuen "Billig-Fernsehen" gesprochen werden kann. Das Studio ist groß wie ein Wohnzimmer, die Kameras werden automatisch gesteuert. Es gibt weder Kameramänner, noch Regie oder Cutter. Die Schlüsselfigur ist der "VJ", ein "Video-Journalist". Dazu bildet "center tv" auch aus. Sogar öffentlich-rechtliche Regionalprogramme haben bei André Zalbertus und dem US-Pionier Michael Rosenblum schon entsprechende Kurse gebucht.

Dieser Typus Journalist macht alles selbst: gedreht wird mit kleinen DV-Kameras von Sony; die Schnittprogramme sind auf PCs geladen, Licht- und Tonprobleme werden durch Enthusiasmus wettgemacht. Kalkulieren die üblichen Regionalsender wie "TV.Berlin" oder "Hamburg 1" mit Jahresetats von 20 oder 30 Millionen Euro, will "center tv" mit einem "einstelligen Millionenbetrag" (Zalbertus) auskommen. Gesendet wird von Bad Münstereifel bis Kürten, von Pulheim bis Bad Honnef, parallel im analogen Kabel und im Internet unter www.center.tv. 750.000 Haushalte sind empfangsbereit, die mittlere Altersgruppe der 30- bis 49-jährigen ist bei den Zuschauern am stärksten vertreten. Trotz des vielen Sports schauen mehr Frauen als Männer zu. Die Vergabe der Lizenzen machte kein Problem, weil tv.nrw vermutlich an einem zu großflächigen und heterogenen Sendegebiet scheiterte.

Ein Mann, eine Idee.

Aldi und Dorf, Selbstdarstellung und Nähe, Prolliges und Frohsinn - das passt in die Zeit. André Zalbertus war einmal Reporter, anfangs kurz beim ZDF, dann länger bei RTL. Für RTL entwickelt und realisiert seine Firma "AZ Media" Dokumentationen, Reportagen und Magazinformate. Er war RTL stets so fest verbunden, dass er offiziell auch für die Fensterprogramme als "unabhängiger Dritter" tätig sein durfte. Boulevard ist ihm vertraut. Wieder einmal hat ein tatkräftiger Einzelner mehr und bessere Ideen als komplette Entwicklungsabteilungen. Das Selbermach-Fernsehen und der Videojournalismus interessieren ihn schon seit geraumer Zeit. Dazu hat er auch publiziert. Neue Möglichkeiten resultieren eben aus der digitalen Technik. Er überhöht sie nicht zur "Demokratisierung", möchte aber auch nicht, dass darüber nur geredet wird. Zalbertus ist ein Macher. Aus dem operativen Geschäft hat er sich nach dem ersten Jahr Sendebetrieb gerade zurückgezogen und bastelt an der Expansion des "Heimatfernsehens". Was in Köln geht, geht auch in Düsseldorf - und warum soll es nicht irgendwann ähnlich in Berlin und Hamburg, München, Nürnberg oder Dresden funktionieren?