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Dritte Staffel "Mord mit Aussicht" Mehr Irrsinn wagen


In der dritten Staffel zeigt sich: "Mord mit Aussicht" wird nicht immer seinem guten Ruf gerecht. Die Serie verlässt sich zu sehr auf die Spielfreude des Ensembles, zu wenig auf gute Ideen.
Von Oliver Creutz

Wenn man nach einem dieser Tage nach Hause kehrt, der in etwa den Rhythmus eines Actions-Films hatte; wenn man schlingend das Abendbrot hinter sich gebracht hat, um die Kinder ins Bett zu bringen; wenn man dann noch die Dinge erledigt, zu denen man tagsüber nicht gekommen ist (mit der Frau reden, Rechnungen bezahlen, Stromzähler ablesen, Fahrrad der Tochter reparieren); wenn man nach all dem Platz nimmt vor dem Fernseher, um "Mord mit Aussicht" zu schauen - dann ist das, als gäbe man einem Highspeed-Aktien-Trader ein Wählscheibentelefon, um seine Geschäfte durchzuziehen. Mehr Entzug geht nicht.

Man sieht ein Fernsehen, das es so gar nicht mehr geben dürfte. So bedächtig, so brutal entschleunigt. Eine Verfolgungsjagd endet mit einer Zerrung im Bein und dem Japsen der Verfolger. Irgendwann biegt ein Traktor um die Ecke. Bei der Kriminellen handelt es sich um eine am Standesamt beschäftigte Kleptomanin. Wow. Puh.

Wir sehen Gesichtsdramen

Es dauert eine Weile bis man den eigenen Pulsschlag auf den von "Mord mit Aussicht" runtergefahren hat. Bummbummbummbumm - bummbumm bummbumm - bum bum bum bum - buhhhhm. So, und dann ist man wieder in "Sophies Welt", so der Name der ersten Folge der dritten Staffel. Sophie Haas (erneut schlicht wunderbar: Caroline Peters) steckt immer noch in der Eifel fest, im Kaff Hengasch. Ihre Kollegen Dietmar Schäffer (diesmal wieder mit echtem dicken Bauch, nicht mit künstlicher Wampe: Bjarne Mädel) und Bärbel Schmied (Meike Droste mit überraschend langem Haar, was zum ersten guten Gag der Folge führt) haben keinen Funken Schlagfertigkeit und Elan hinzu gewonnen.

Es braucht eine Menge guter Drehbuch- und Regie-Ideen, um diesen Stillstand unterhaltsam aufzubereiten. Hier entscheidet sich, ob eine Folge gelingt oder scheitert. Denn seien wir ehrlich: "Mord mit Aussicht" wird nicht immer dem guten Ruf gerecht, der die Serie umgibt.

Worauf die Serie sich nicht allein verlassen sollte, ist die Spielfreude des Ensembles. Immer, wenn auf der Polizeistation so gar nichts los ist, also ziemlich oft, fängt die Kamera die Mimik von Peters, Mädel und Droste aus der Nähe ein. Wir sehen Gesichtsdramen. Lachen kurz - und warten darauf, dass etwas passiert. Manchmal kommt jemand zur Tür herein, der Bürgermeisterkandidat oder der alte Chef. Und dann geht irgendwas los, was aber auch schnell wieder vorbei ist. Im ungünstigen Fall handelt es sich bei "Mord mit Aussicht" also um Bauerntheater, inszeniert von Intellektuellen. Im günstigen Fall sehen wir eine deutsche Ausgabe von "Fargo".

Minimal Music am Dienstagabend

"Sophies Welt" ist voller günstiger Momente. In einer Szene will sich Sophies Vater mit der polnischen Pflegerin einfach aus dem Staub machen, die Pflegerin ermahnt ihn aber, er solle sich von seiner Tochter verabschieden. Also ruft er sie an. Der Dialog geht so:

Vater: "Hallo Sophie"
Sophie: "Hallo Papa. Was gibt's?"
Vater: "Tschüss, Sophie." Er legt auf.
Sophie zu Bärbel: "Er hat einfach aufgelegt... Das war mein Vater."
Bärbel: "Das hab ich mir gedacht. Also wegen 'Hallo Papa.'"

Das ist Minimal Music am Dienstagabend - ein Drehbuch, komponiert aus wenigen Tönen. Äußerst wirkungsvoll.

Mehr Freigeist

Die dritte Folge der neuen Staffel, "Gulasch für den Geiselnehmer" aber führt den Nonsens zum Nullpunkt. Die Gags verrecken mitunter wie Fruchtfliegen in einer Essig-Spülmittel-Lösung. Es mag ja sein, dass sich die Zeit in der Eifel eher dehnt als krümmt, aber ihr nur beim Vergehen zuzuschauen, ist zu viel der Entschleunigung. Man fängt unwillkürlich an, wieder auf seinen E-Mail-Eingang zu linsen.

"Mord mit Aussicht" könnte, wenn es schlecht läuft, in eine Sackgasse steuern, in der den Machern auf ähnliche Weise die Luft ausgeht wie den Verfolgern auf ihrer Jagd nach der Juwelen-Diebin. Ein bisschen mehr Irrsinn täte gut. Mehr Freigeist, mehr mutwilliges Überschreiten des Tempolimits. Sonst bleibt der Puls einfach stehen. Das will nun wirklich keiner.


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